#wirmachenaufDas sagt der Bundesrat zum Gastro-Aufstand

Zahlreiche Beizer in der Schweiz kündigten an, am Montag ihre Restaurants und Bars zu öffnen. Wie reagierten die Kunden – und die Polizei? Wir waren live dabei.

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Montag, 11.1.2021

Bundesrat

Erstmals nimmt auch der Bundesrat Stellung zum Corona-Aufstand der Gastrobetriebe: «Der Bundesrat geht davon aus, dass gesetzliche Vorgaben respektiert werden und dass die zuständigen Behörden sonst einschreiten», sagt Bundesratssprecher André Simonazzi zu 20 Minuten.

Der Bundesrat sei sich immer bewusst gewesen, dass diese Situation schwierig ist, so Simonazzi. «Aus diesem Grund hat er in Zusammenarbeit mit den Kantonen verschiedene Hilfsmassnahmen entwickelt und verabschiedet, die laufend an die Bedürfnisse angepasst wurden.»

Ruhiger Tag für Polizei

Die Schweizer Polizeien haben trotz Gastro-Aufruf zum Ungehorsam nur vereinzelt Betriebe verzeigen müssen. Das zeigt eine Umfrage von 20 Minuten. So sei etwa der Basler Polizei in Basel-Stadt nur ein Betrieb gemeldet, der unerlaubterweise geöffnet war, sagt Regierungssprecher Marco Greiner. Im Gegensatz dazu sei es in Baselland ruhig geblieben, so Kapo BL-Sprecher Adrian Gaugler.

In Zürich und Aargau gingen die Polizeien entsprechenden Meldungen nach, die sich im Anschluss jedoch als falsch darstellten.

Bei den Polizeikorps in St. Gallen, Thurgau, Graubünden, Luzern, Schwyz, Solothurn oder Winterthur sind bisher keine Meldungen über geöffnete Gastrobetriebe eingegangen. Jonas Motschi, Chef des Solothurner Amts für Arbeit und Wirtschaft (AWA) sagt: «Man sollte das Ganze nicht überschätzen.»

Unia verurteilt Aktion scharf

Unter dem Titel «Gefährliche ‹Querdenker-Aktion› bringt Arbeitnehmende in die Bredouille» hat die Gewerkschaft Unia die Aktion #wirmachenauf in einer Mitteilung aufs Schärfste kritisiert. «Angesichts von jetzt schon über 8000 Corona-Toten in der Schweiz ist die Aktion ein Affront gegen die Menschlichkeit und den gesunden Menschenverstand.»

Dass die «verantwortungslose Aktion» trotz grassierender Pandemie bei gewissen Arbeitgebern auf Anklang stosse, sei zwar nicht entschuldbar, angesichts der konfusen Corona-Strategie des Bundesrates aber doch keine Überraschung.

Angestellte können die Arbeit verweigern

Mit der «Wir machen auf»-Aktion bringen die beteiligten Unternehmen laut der Unia ihre Angestellten in eine «unhaltbare Situation». «Falls sie der Arbeitsaufforderung der Arbeitgeber trotz behördlichem Verbot Folge leisten, machen sie sich nämlich strafbar», schreibt die Unia.

Da der Arbeitgeber seine Mitarbeitenden nicht zu einer strafbaren oder rechtswidrigen Handlungen zwingen kann, könnten sich die Mitarbeitenden allerdings weigern, zur Arbeit zu gehen.

«Unwürdiges Geknausere»

Um Abhilfe zu schaffen, müsse das «unwürdige Geknausere mit Covid-19-Nothilfen» ein Ende haben. Die Unia fordert daher eine unbürokratische Auszahlung von À-fonds-perdu-Beiträgen zum Schutz der Arbeitsplätze in den Bereichen, die wegen Lockdowns schliessen mussten oder durch Teil-Lockdown stark eingeschränkt sind.

Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft 100 Prozent Kurzarbeitsentschädigung für alle Löhne bis netto 5000 Franken.

«Sie drohen mir mit dem Patent-Entzug»

Wirtin Daniela Liebi öffnete am Montag verbotenerweise ihr Restaurant. Kurz nach dem Mittag schloss die Polizei ihr Lokal und warf die Gäste vor die Tür. Für die Wirtin hat das jetzt schwere Konsequenzen. Im Interview mit 20 Minuten spricht sie mit Tränen in den Augen über diesen für sie schrecklichen Moment.

Mittlerweile ist die Polizei wieder abgezogen. Das Lokal ist - und bleibt - jedoch zu.

Ultimatum von Polizei

Beim Landgasthof Rothorn bei Daniela Liebi ist erneut die Polizei vorgefahren. Die Beamten fordern die Gastronomin zur Schliessung des Lokals auf, wie unser Reporter vor Ort berichtet.

Liebi dürfe noch bei den Gästen kassieren, müsse das Lokal dann jedoch schliessen. Sonst – so die Drohung – werden die Gäste von den Beamten hinausspediert. Mit Tränen in den Augen befolgte Liebi die Anweisungen der Beamten und bat die Gäste, das Lokal zu verlassen.

Die Polizei hat in der Angelegenheit Anzeige erstellt. Auch ein möglicher Entzug der Betriebsbewilligung steht offenbar im Raum. Um zu kontrollieren, dass tatsächlich alle Gäste das Restaurant verlassen, warten die Beamten vor dem Betrieb.

Daniela Liebi lässt sich von der angeordneten Schliessung nicht entmutigen: «Trotz der Strafe hat sich die Aktion gelohnt. Es ist wichtig, ein Zeichen zu setzen.»

Polizei droht mit Anzeige

«Die Polizei hat mich zur Schliessung aufgefordert - ich versuche jetzt, das noch herauszuzögern», sagt Gastronomin Daniela Liebi.

Gastro-Aufstand – Polizei fährt vor den Beizen vor

Der Lockdown-Aufstand der Beizen läuft. Im Landgasthof Rothorn in Schwanden ob Sigriswil BE fuhr bereits die Polizei auf. Das Lokal bleibt offen, obwohl hohe Bussen drohen. Nun sagt die Wirtin, wie es weitergeht.

Die Berner Kantonspolizei will sich auf Anfrage nicht zum Einzelfall Liebi äussern. Man habe aber auch heute nicht extra ein Aufgebot im Einsatz, sondern überprüfe die Einhaltung der geltenden Massnahmen im Rahmen der üblichen Patrouillentätigkeit, sagt Sprecher Patrick Jean.

Bei Verstössen gehe man nach dem üblichen Prozess vor: «Wir verkünden den Wirten, dass sie ihr Lokal schliessen müssen. Falls der Aufforderung nicht nachgekommen wird, muss das weitere Vorgehen im Einzelfall besprochen werden», sagt Sprecher Patrick Jean. Wenn Widerhandlungen festgestellt werden, müssten die Betreiber mit einer Anzeige oder gar der Betriebsschliessung rechnen.

Bar-Betreiberin wartet auf Polizei

Simone, die in Rheineck SG eine Weinbar betreibt, hat sich aus Solidarität der Aktion #wirmachenauf angeschlossen. «Ich habe viele Freunde in der Gastronomie, die aufgrund der behördlichen Schliessung leiden.»

Obwohl sie heute nicht mit vielen Gästen rechnet, erwartet Simone, dass bald die Polizei vor der Tür steht. Die Öffnung der Weinbar sei aus ihrer Sicht jedoch legal. «Wir haben das Recht auf Arbeit, auf eine freie Berufsausübung. Deshalb kann die Polizei gerne kommen.»

Chuchitüechli

Um Solidarität mit den betroffenen Gastronomen und Gewerblern zu zeigen – ohne, dass man ins illegal geöffnete Restaurant gehen muss –, sollen Schweizer ein «Chuchitüechli» an den Balkonen oder Briefkasten anbringen. Das zumindest ist der Vorschlag der Luzerner AG Gastgewerbe.

Bussen für Gäste?

Gastronomen oder Gewerblern, die heute ihre Lokale öffnen, drohen Bussen von bis zu 10'000 Franken. Ob Gäste sich ebenfalls strafbar machen, ist nicht abschliessend geklärt. Jedoch könnten auch sie hohe Bussen kassieren.

Das sagt ein Gast

«Ich finde es mutig, dass es Leute gibt, die so etwas wagen», sagt Andreas Grossniklaus, Gast im Landgasthof Rothorn, zum Beizer-Aufstand. Jedoch sei es schade, dass nicht alle Schweizer Restaurants bei der Aktion mitmachten. «Ich hätte das Gefühl, dann könnten die Behörden gar nichts dagegen tun.»

Er selbst könne es als ehemaliger Beizer nachvollziehen, dass die Gastronomen langsam ungeduldig werden. «Darum hoffe ich, dass der Bund die Schliessungen bald rückgängig macht.»

«Ich finde es schade, machen nicht alle Restaurants mit»

Das sagt ein Gast des Landgasthofes Rothorn zu den Öffnungen der Restaurants.

Türen zu

Nicht alle Lokale haben jedoch – wie angekündigt – ihren Betrieb geöffnet. So stehen etwa in Schwyz vor der «mything bistro bar» verschiedene Personen vor verschlossenen Türen. Und das, obwohl Inhaber Franz Suter im Vorfeld mitteilte, bereits um 9 Uhr öffnen zu wollen. Suter war für eine Stellungnahme bisher nicht zu erreichen.

Polizei fährt auf

Wie unser Reporter berichtet, ist soeben die Polizei beim Landgasthof Rothorn in Schwanden ob Sigriswil BE vorgefahren – und nach rund zehn Minuten wieder abgezogen.

Café ist offen

Auch S.V., die in Basel ein Café betreibt, hat ihre Türen geöffnet: «Für mich ist das keine Protestaktion. Für mich geht es ums Überleben», sagt S.V. Sie sei die Hauptverdienerin in der Familie. Ohne die Einkünfte aus dem Café könne sie ihre Rechnungen nicht bezahlen. Immerhin sei das Café in den vergangenen zwei Monaten geschlossen gewesen – ohne finanzielle Unterstützung des Staates.

Gäste habe sie heute Morgen erst wenige empfangen – dafür hatte sie bereits Besuch vom Basler Gesundheitsamt: «Die Beamten kontrollierten mein Café und wollten wissen, ob ich neben dem Take-Away auch Gäste im Lokal bedienen werde», so V. Sie habe geantwortet, dass sie das noch nicht wisse. «Mit Take-Away habe ich einfach nie viel Umsatz gemacht. In meinem Café sitzt man hin, man isst und man trinkt.»

Daraufhin hätten die Beamten mitgeteilt, dass eine Verfügung ins Haus flattern werde. «Ich bleibe jetzt aber offen und schaue, wie sich die Lage entwickelt. Wenn ich merke, dass sich Take-Away alleine nicht lohnt, werde ich wohl Gäste im Lokal drin empfangen.»

Restaurant empfängt Gäste

Die ersten Restaurants sind seit 9 Uhr morgens geöffnet. So etwa auch das Lokal von Daniela Liebi (52), die den Landgasthof Rothorn in Schwanden ob Sigriswil BE betreibt.

«Viele haben heute bei mir reserviert»

Die Gastronomin Daniela Liebi hat heute ihr Restaurant geöffnet – trotz angeordneter Schliessung

Die Gäste im Lokal wollen sie bei diesem Schritt unterstützen: «In der Gastronomie lassen sich die Schutzkonzepte einwandfrei umsetzen. Ich verstehe daher nicht, dass die Restaurants seit Wochen schliessen müssen», sagt etwa ein Besucher.

«Die Gastronomen haben nichts zu verlieren – ich verstehe gut, dass sie aufmachen», so ein weiterer Gast.

«In krassen Fällen werden Fehlbare konsequent verzeigt»

Die Bewegung #wirmachenauf ruft Gastronomen und selbständige KMUs dazu auf, am 11. Januar ihre Betriebe zu öffnen. Trotz der geltenden Corona-Massnahmen. GastroSuisse distanziert sich von dieser Bewegung und die Kantonalen Behörden sind alarmiert. (Video: Salvatore Iuliano)

Darum gehts

Verschiedene Gastronomen planen den Corona-Aufstand: Unter dem Hashtag #wirmachenauf organisieren sich derzeit in verschiedenen Ländern Europas Gastronomen und Gewerbler. Auch in der Schweiz wollen Dutzende Betriebe am Montag wieder öffnen – trotz geltendem Corona-Verbot. Damit riskieren sie Bussen bis zu 10'000 Franken.

Auf der Webseite wirmachenauf.ch waren bis gestern Abend über 100 Ortschaften aufgeführt, in der Telegram-Gruppe mit rund 6000 Teilnehmern haben Dutzende Geschäfte ihre Unterstützung zugesagt.

930 Kommentare
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Sargnagel

12.01.2021, 20:39

Rosige Zukunft für uns. Vor allem mit der zu erwartenden Anzahl von SVP Särgen.

Alter Eidgenosse

12.01.2021, 19:31

Löhne und Boni von Bundesbeamten und Politiker um 50% kürzen und keine Steuern mehr Bezahlen bis die Gastronomen Endschädigt wurden.

JJ45

12.01.2021, 18:39

Berset zurücktreten aber sofort!!!!!