Nach Fall Cleo – Diese verschwundenen Kinder tauchten auch wieder auf

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Nach Fall CleoDiese verschwundenen Kinder tauchten auch wieder auf

Viele Entführungsfälle werden nicht geklärt, die Opfer bleiben für immer verschwunden. In den vergangenen Jahren gab es auch mehrere spektakuläre Fälle mit einem glücklichen Ende.

von
Patrick McEvily
Reto Bollmann
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Sie ist wohl das bekannteste Entführungsopfer im deutschsprachigen Raum der vergangenen Jahrzehnte: Natascha Kampusch wurde zwischen 1998 und 2006 von Wolfang Priklopil festgehalten.

Sie ist wohl das bekannteste Entführungsopfer im deutschsprachigen Raum der vergangenen Jahrzehnte: Natascha Kampusch wurde zwischen 1998 und 2006 von Wolfang Priklopil festgehalten.

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Im August 2006 gelang ihr die Flucht aus der Gefangenschaft. Sie hatte es bis an die Fensterfront einer Nachbarin geschafft, die anschliessend die Polizei alarmierte.

Im August 2006 gelang ihr die Flucht aus der Gefangenschaft. Sie hatte es bis an die Fensterfront einer Nachbarin geschafft, die anschliessend die Polizei alarmierte.

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In diesem Haus hatte der damals 44-jährige Wolfgang Priklopil das Mädchen festgehalten.

In diesem Haus hatte der damals 44-jährige Wolfgang Priklopil das Mädchen festgehalten.

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Darum gehts

  • Der Fall der verschwundenen und wieder aufgetauchten vierjährigen Cleo Smith in Australien erregte in den vergangenen Wochen weltweites Aufsehen.

  • Häufig verliert sich die Spur von verschwundenen oder entführten Kindern, doch es gibt auch sie: die prominenten Ausnahmen.

  • In acht Fällen aus den vergangenen Jahren kam es ebenfalls zu einem Happy End.

Am Dienstagabend ging die Nachricht um die Welt, dass die vierjährige Cleo, die in Australien seit mehreren Wochen vermisst wurde, wohlauf gefunden werden konnte. Ein Mann wurde im Zusammenhang mit ihrem Verschwinden festgenommen. Acht Fälle von verschwundenen Kindern und Jugendlichen sorgten in den vergangenen Jahren ebenfalls für Aufsehen.

Natascha Kampusch

Es ist wohl der bekannteste Entführungsfall der letzten Jahrzehnte: An einem Nachmittag im Sommer 2006 klopft eine junge Frau an das Fenster eines Einfamilienhauses eines Vororts von Wien. Sie erzählt, dass sie acht Jahre lang von einem Mann festgehalten worden sei. Kurze Zeit später wirft sich Wolfgang Priklopil vor einen Zug.

Priklopil hatte die damals zehnjährige Kampusch im März 1998 auf dem Schulweg entführt. Er verging sich in den folgenden Jahren mehrfach sexuell an dem Mädchen. Mehrfach nahm er Kampusch mit in die Öffentlichkeit, ging beispielsweise mit ihr einkaufen, doch er achtete penibel darauf, dass das Mädchen mit niemandem sprach.

Kampusch selbst hat diesbezüglich lange nicht öffentlich Stellung bezogen. Lange hielten sich Gerüchte, dass sich neben Priklopil weitere Männer an Kampusch vergangen haben. Bei der Erstvernehmung durch die Polizei soll sie auf die Frage, ob weitere Personen involviert gewesen seien, geantwortet haben: «Ich kann keine Namen nennen.» Der Fall wurde in Österreich zu einer Polit-Affäre, die mehrere Untersuchungsausschüsse nach sich zog. Ihre Geschichte wurde im Film «3096 Tage» nachgezeichnet.

Elisabeth Fritzl und ihre Kinder

Ebenfalls in Österreich und nur wenige Jahre nach dem Kampusch-Fall wurde die Geschichte der Fritzl-Familie bekannt. Vater Josef hielt seine Tochter von 1984 bis 2008 in einem eigens gebauten Kellerverlies in der Ortschaft Amstetten in Niederösterreich fest. Er vergewaltigte sie mehrfach und zeugte mit ihr insgesamt sieben Kinder, wovon eines direkt nach der Geburt verstarb. Die Gefangenen lebten auf nur rund 60 Quadratmetern.

Niemand wusste von der Entführung und dem Inzestauch Fritzls Ehefrau gab an, keine Kenntnis vom Verbleib der Tochter oder dem Kellerverlies gehabt zu haben. Gegenüber Drittpersonen hatte Fritzl, der zum Zeitpunkt der Entführung 49 Jahre alt war, stets angegeben, seine Tochter sei in die Fänge einer Sekte gekommen. Er fingierte zudem Briefe, in denen sie darum bat, dass die Suche nach ihr aufgegeben werden solle. Aufgeflogen ist der Fall, weil eines der Kinder erkrankte und von Fritzl ins Spital gebracht wurde. Dort wurde das Personal misstrauisch und meldete den Fall den Behörden. Fritzl entliess daraufhin die verbliebenen Gefangenen.

Zum Zeitpunkt der Befreiung waren die Opfer extrem bleich, weil sie all die Jahre von der Aussenwelt abgeschirmt verbracht hatten. Bis heute sind keine Bilder der Kinder in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Sie leben unter geänderten Namen in einem anderen Bundesland in Österreich. Tochter Elisabeth ist heute 55 Jahre alt. Fritzl erhielt für seine Taten eine lebenslange Strafe.

Michelle Knight, Amanda Berry and Gina DeJesus

Jahrelang hielt der Buschauffeur Ariel Castro im Keller seines Wohnhauses in der US-Stadt Cleveland drei junge Frauen fest. Castro hatte sie ab dem Jahr 2002 zu unterschiedlichen Zeitpunkten entführt. Die erste Frau, Michelle Knight, war zum Zeitpunkt ihres Verschwindens 21 Jahre alt. Acht Monate später entführte Castro die 16-jährige Amanda Berry. Gina DeJesus schliesslich war erst 14, als sie in die Fänge Castros geriet. Alle drei hatten nur wenige Kilometer von Castros Zuhause entfernt gewohnt.

Ariel Castro, der drei Frauen über zehn Jahre gefangen hielt und vergewaltigte, hat sich in seiner Gefängniszelle erhängt. Er war zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

20 Min

Castro vergewaltigte die FrauenKnight erlitt insgesamt fünf Fehlgeburten. Castro verliess das Haus mehrfach mit seinen Entführungsopfern, verbot diesen jedoch, mit anderen zu sprechen. Im September 2013 gelang es den drei Frauen, sich aus dem Kellerverlies zu befreien. Castro wurde daraufhin festgenommen und zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Von seinen Taten wusste niemand. Der 53-jährige Castro tötete sich 2013 in der Haft selbst.

Sabine Dardenne und Laetitia Delhez

In den 1990er-Jahren entführte der belgische Serientäter Marc Dutroux mehrere Kinder und vergewaltigte diese. Zwei Mädchen tötete er; zwei weitere verhungerten in einem Kellerverlies, während Dutroux eine Haftstrafe absitzen musste.

Die einzigen Entführungsopfer, die entkommen konnten, waren Sabine Dardenne und Laetitia Delhez: Dutroux hielt die damals zwölfjährige Dardenne 1996 während 80 Tagen in einem Keller seines Wohnhauses im belgischen Charleroi fest, nachdem er sie auf dem Schulweg entführt hatte. Delhez war sechs Tage gefangen, als Polizisten die beiden Mädchen retten konnten.

Dutroux ging als einer der berüchtigsten Mörder in die europäische Kriminalgeschichte ein. Neben den Kindern tötete er auch einen Mittäter. Für seine Taten erhielt Dutroux 2004 eine lebenslange Strafe, auch seine Ehefrau Michelle, die von den Taten wusste, musste für 16 Jahre ins Gefängnis. Entführungsopfer Dardenne veröffentlichte später ein Buch über ihre Tortur mit dem Titel «Ihm in die Augen sehen». In der belgischen Öffentlichkeit halten sich bis heute Gerüchte, dass Dutroux Teil eines Kinderschänderrings war.

Maria

Fünf Jahre lang war die damals 18-jährige Maria 2018 verschwunden gewesen, als sie wieder mit ihren Eltern in Freiburg in Deutschland vereint werden konnte. Der Fall hatte in Deutschland hohe Wellen geschlagen. Auch die bekannte Fernsehsendung «Aktenzeichen XY ungelöst» berichtete darüber.

Maria war vom 40 Jahre älteren Bernhard H., den sie im Internet kennengelernt hatte, dazu gebracht worden, ihren Heimatort zu verlassen und sich mit ihm abzusetzen. Er hatte sich mehrfach sexuell an dem Mädchen vergangen und setzte es psychisch unter Druck.

Ab Mai 2013 schleppte der 53-jährige Entführer Maria quer durch Europa, während er per internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Zuerst ging es nach Polen, anschliessend nach Italien. Reisen mussten die beiden mit dem Velo, da Bernhard H. sein Auto aus Geldnot hatte verkaufen müssen. In Sizilien lebten die beiden am Rande der Gesellschaft und hielten sich mit Aushilfsjobs über Wasser.

Nach mehreren Jahren fasste Maria den Mut, ihre Familie zu kontaktieren. Im Sommer 2018 entschied sich der Teenager dazu, nach Mailand zu reisen, wo ein Bekannter der Familie sie abholte. Bernhard H. wurde kurze Zeit später in Italien festgenommen. Er erhielt eine Haftstrafe von sechs Jahren.

Carlina White

Es ist der längste Entführungsfall in der US-Geschichte. 1987 kommt im New Yorker Stadtteil Harlem Carlina White zur Welt. Eine Frau entführte als Krankenschwester verkleidet das wenige Tage alte Baby damals aus dem Spital. 23 Jahre später war Carlina White wieder vereint mit ihren biologischen Eltern. Sie hatte die ganze Zeit über mit ihrer Entführerin gelebt in den ersten Jahren ihres Lebens sogar nur rund eine Autostunde von ihren leiblichen Eltern entfernt, bevor die beiden später nach Atlanta umzogen. Das Kind weiss zunächst nichts von seiner eigenen Entführung.

Erst als Teenagerin fängt Carlina an, an den Erzählungen ihrer vermeintlichen Mutter zu zweifeln. Diese kann ihr unter anderem keine Geburtsurkunde vorweisen. Nochmal einige Jahre vergehen, bis White anfängt im Netz Nachforschungen anzustellen. Auf der US-Website für vermisste Kinder wird sie fündig und erblickt ihr eigenes Bild. Im Januar 2011 helfen die Verantwortlichen der Seite White, ihre eigene Identität mittels DNA-Test zu bestätigen und den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter herzustellen. Die Entführerin, Ann Pettway, wurde kurze Zeit später festgenommen. Als Grund für die Entführung gab sie an, selbst mehrere Fehlgeburten gehabt und sich ein Kind gewünscht zu haben. Für ihre Taten erhielt Pettway zwöf Jahre Haft, im Frühling diesen Jahres wurde sie jedoch frühzeitig entlassen.

Elizabeth Smart

Am 5. Juni 2002 entführt ein Einbrecher die damals 14-jährige Elizabeth Smart aus dem Kinderzimmer ihres Elternhauses in Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah. Zufällig erkennt eine Frau die Teenagerin 280 Tage später, am 12. März 2003, auf einem Parkplatz wieder. Die Polizei wird informiert und nimmt die beiden Verdächtigen Brian David Mitchell und Wanda Eileen Barzee fest.

Die Anwälte von Brian David Mitchell versuchten, diesen wegen einer psychischen Erkrankung für verhandlungsunfähig zu erklären. Dies misslang letztendlich und Mitchell wurde 2011 zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe ohne Möglichkeit auf Bewährung verurteilt. Wanda Eileen Barzee wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt und ist seit September 2018 wieder auf freiem Fuss.

Der Fall Elizabeth Smart sorgte innerhalb der Vereinigten Staaten für großes öffentliches Interesse und veranlasste den Komiker Dave Chappelle dazu, auf Unterschiede in der Berichterstattung hinzuweisen. Denn ein Entführungsfall eines siebenjährigen schwarzen Mädchens, der praktisch zeitgleich passierte, erhielt damals fast keine mediale Beachtung.

Julia Gorina

Die vierjährige Weissrussin Julia Gorina verschwand auf einer Zugfahrt mit ihrem Vater spurlos, als dieser eingeschlafen war. Der Vater fuhr die gleiche Strecke noch wochenlang, um sie oder wenigstens Anhaltspunkte über ihren Verbleib zu finden, doch er und die Behörden blieben erfolglos. Über unbekannte Umwege war das Mädchen ins 500 Kilometer entfernte russische Rjasan gelangt. Dort wurde sie von der Polizei gefunden und zur Adoption freigegeben die Verbindung zum Vermisstenfall in Belarus blieb aus.

Julia baute sich ein Leben in Russland auf, ihr Partner las schliesslich über den Fall des entführten Mädchens in Belarus und für ihn war klar, dass es sich dabei um seine Ehefrau handeln musste. 20 Jahre nach ihrem Verschwinden kam es so zum Wiedersehen zwischen Julia und ihrem leiblichen Vater.

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