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«Dieser Engel ist eine Bestie»

Die Anklage gegen die Freundin des Amokläufers, der 2002 in einem Lausanner Sexkino um sich schoss und einen Mann tötete, ist in sich zusammengefallen.

Der Staatsanwalt glaubt nicht mehr, dass sie ihren Freund zur Tat angestiftet hat. Er fordert den Freispruch.

Im Zweifel müsse für die Angeklagte entschieden werden, begründete Eric Cottier am Donnerstag seinen Antrag. «Ich kann nicht sagen, dass sie schuldig ist», sagte er. Die Anklage hatte der 26-Jährigen Anstiftung zum Mord oder zur vorsätzlichen Tötung sowie Anstiftung zur schweren Körperverletzung und zum Suizid vorgeworfen.

Sie habe davon ausgehen müssen, dass er zur Tat schreite, da er in den Wochen davor seine Absicht kund getan habe, hatten der Untersuchungsrichter und zu Prozessbeginn auch der Staatsanwalt gesagt.

Tod des Freundes nicht gewünscht

Zudem habe sie gewusst, dass der damals 25-jährige Maurer ein geladenes Sturmgewehr mit sich getragen habe, als sie ihren Freund am 19. Februar 2002 vor dem Sexkino abgesetzt hatte. Während sie mit dem Auto weiterfuhr, um ihr einjähriges Kind von der Krippe abzuholen, ging der Mann ins Kino, erschoss einen Zuschauer, verletzte zwei weitere und richtete sich dann selbst.

Nach drei Tagen Verhandlung liess Cottier nun den Vorwurf der Anstiftung zur vorsätzlichen Tötung fallen. Gleiches tat er auch mit der Anklage wegen Anstiftung zum Suizid. «Ich bin nicht zum Schluss gelangt, dass sie sich den Tod ihres Freundes vorgestellt oder gar gewünscht hat», sagte er. Im Gegenteil: Sie habe deutlich machen können, dass sie für ihren Sohn einen Vater wollte.

Nicht nur der Staatsanwalt vollzog am Donnerstag eine Kehrtwende. Auch die Zivilkläger, etwa die Anwälte der Eltern des Täters, gestanden ein, dass es schwierig sei, der Frau juristisch etwas anzulasten.

Schwere moralische Vorwürfe

Hingegen äusserten sie schwere moralische Vorwürfe. Sie sei arrogant, hochmütig und zeige keinerlei Mitgefühl für die Opfer. Die Frau sei unglaublich egoistisch und sie habe das Leben des Täters durcheinander gebracht. «Dieser Engel ist eine Bestie», sagte er.

Die Verteidiger der angeklagten Frau zeichneten ein ganz anderes Bild. Ihr Charakter sei hart, direkt, aber grundsätzlich positiv und vor allem ehrlich. Sie habe ihren Freund nicht manipuliert. Punkt für Punkt zerpflückten sie die Anklageschrift und schlossen wie der Staatsanwalt auf einen Freispruch. Aus ihrer Sicht hätte es gar nie zum Prozess kommen dürfen.

Folgt das Gericht den Strafanträgen bleibt nur ein Betäubungsmitteldelikt hängen. Die junge Frau soll lediglich eine Strafe von fünf Tagen Gefängnis bedingt wegen Besitz von Ecstasy- Pillen erhalten. Das Urteil soll am nächsten Mittwochnachmittag verkündet werden.

(sda)

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