30.10.2016 20:27

Vize-Missionschef Alexander Hug «Dieser Konflikt ist anders als andere»

Wie ist es, bei der Arbeit täglich Feuergefechten ausgesetzt zu sein? 20 Minuten traf den Schweizer Vize-Missionschef der OSZE in der Ukraine.

von
A. Guenter/S.Ulrich

Alexander Hug, Vize-Chef der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine im Interview (Video: Simon Ulrich/20 Minuten)

Alexander Hug ist die Rolle des unkommentierenden Beobachters auf den Leib geschneidert – und gerne verweist er auf die unparteiische Rolle der OSZE. Auf die Frage, ob ihn die Meldung überrascht habe, dass geleakte Emails eine Verbindung zwischen Moskau und den Separatisten in der Ostukraine aufzeigten, sagt er so nur: «Es wäre nicht innerhalb des Mandates der Mission, hier zu spekulieren, was diese angeblichen Email aussagen würden.»

Der Krieg in der Ostukraine zwischen pro-russischen Rebellen und regierungstreuen ukrainischen Einheiten zieht sich schon über zwei Jahre hin, der Friedensprozess kommt nur stockend voran. Hug erlebt den Konflikt täglich und hautnah mit. Der Schweizer Jurist und Offizier ist seit 2014 stellvertretender Leiter der OSZE-Beobachtermission in der Ukraine.

Für ihn steht fest: Eine der Hauptursachen für die andauernden Kämpfe sind die unvollständig umgesetzten Minsker Friedensvereinbarungen. Wenig hilfreich ist auch, dass sich beide Seiten entlang der fast 500 Kilometer langen Front – in der Diplomatensprache Hugs die «Kontaktlinie» – oft viel zu nahe stehen. «Zeitweise stehen sie sich gerade einmal 50 Meter gegenüber. Das führt zu Spannungen, die sich in sehr starken Gefechten entladen», sagt er.

«Dieser Konflikt ist anders als andere»

Ein Programm zur Entflechtung im Rahmen des Minsker Abkommens vom 21. September will dem entgegenwirken. «Unter der Führung des Koordinationszentrums mit russischen und ukrainischen Offizieren sollen sich die Truppen in verschiedenen Brennpunkten auf eine Mindestdistanz von zwei Kilometern entlang der Kontaktlinien zurückziehen», so Hug.

Dass Abkommen die Realität in der Ostukraine nur bedingt beeinflussen, weiss Hug. «Unter dem Strich ist das Einstellen der Feindseligkeiten eine reine Willenssache», sagte er in einem Interview mit der «Luzerner Zeitung». Doch offensichtlich fehlt der Wille auf beiden Seiten.

Woran hapert es seiner Meinung nach? «Dieser Konflikt ist anders als andere», meint er. «Es sind keine ethnischen oder kulturellen Fragen, die den Konflikt mitbeeinflussen. Und wir haben gesehen, dass beide Seiten über Nacht das Feuer einstellen können. Was es braucht, sind politische Entscheidungen in allen Hauptstädten, die das Minsker Abkommen unterzeichnet haben, aber auch auf Seiten der sogenannten Rebellen, welche derzeit die effektive Kontrolle in Luhansk und Donezk haben.»

«Mehr von Nicht-Regierungsseite eingeschränkt»

Etwas direkter wird der Schweizer bei der Frage, welche der beiden Seiten die OSZE bei ihrer Beobachterarbeit eher hindere: «Rückblickend und auf das ganze Jahr gesehen wird unsere Bewegungsfreiheit mehr von Nicht-Regierungsseite eingeschränkt, das wechselt aber von Tag zu Tag und je nach Situation an der Kontaktlinie.»

Es könne nur einen Grund geben, dass man die Beobachter nicht in gewisse Gebiete vorlasse: «Dort muss es etwas zu sehen geben, das die OSZE-Beobachtermission nicht sehen soll.» Konkret heisst das: «Wir müssen annehmen, dass es dort, wo wir nicht hingelassen werden, zumindest während der Gefechtsphasen eventuell Waffen gibt, die nicht dort sein sollten.»

Befriedigung trotz permanentem Stress

Die Waffenruhe in der Ostukraine wird tagtäglich gebrochen – «und zwar nicht nur vereinzelt, sondern tausendfach». Wie stehen er und sein Team das durch? «Die Arbeit ist nicht ungefährlich», meint Hug fast bescheiden und verweist auf das Training und die Weiterbildung, die helfen, den riskanten Job zu meistern. «Wir versuchen auch eine gewisse Rotation in die Arbeit zu bringen, so dass niemand zu lange diesem permanenten Stress ausgesetzt ist.»

Der Schweizer Chefbeobachter hat miterlebt, wie sich dieser Konflikt von Demonstrationen zu einer bewaffneten Auseinandersetzung entwickelt hat. Ein Ende ist nicht in Sicht: «Gerade gestern gab es Berichte aus den Stadtgebieten westlich von Donetsk, wo es wieder zu zivilen Opfern kam. Genau jetzt, wo wir dieses Interview aufnehmen, sind Patrouillen unterwegs, um die Tatbestände aufzunehmen», sagt Hug. «Über diese traurigen Vorkommnisse müssen wir dann morgen berichten.»

Es muss doch hart und desillusionierend sein, diesen scheinbar endlosen Konflikt zu dokumentieren, während er zunehmend aus dem Bewusstsein der westlichen Öffentlichkeit schwindet. Hug hat in der Ostukraine sicher wenig zu lachen. Er lächelt dennoch etwas schief. «Es ist schon schwierig, hier etwas zu finden, das von dem Konflikt losgelöst ist. Doch sagen zu können, dass wir einen Unterschied machen können, dass wir in der Situation helfen können, und dass das Vorortsein der zivilen Beobachter dazu beiträgt, damit der Konflikt sich nicht weiter ausbreitet und in Feuerpausen etwa zivile Infrastruktur repariert werden kann - all das bringt eine gewisse ...». Hug sucht nach dem Wort, doch es fällt ihm nur auf Englisch ein. «Satisfaction!».

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