Aktualisiert 19.03.2020 16:44

Aus dem NähkästchenDieser Lockdown ist für Profisportler eine Chance

Fussballer, Skirennfahrer, Eishockeyspieler – was können sie machen, damit sie fit bleiben? Zwei Athletik-Trainer geben Auskunft.

von
Adrian Hunziker
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Nino Niederreiter ist kürzlich zurück in die Schweiz geflogen, denn die NHL pausiert mindestens für acht Wochen.

Nino Niederreiter ist kürzlich zurück in die Schweiz geflogen, denn die NHL pausiert mindestens für acht Wochen.

AP/Ross D. Franklin
Sein Athletik-Trainer Michael Bont sagt, man müsse nun die richtige Balance und Intensität im Training finden. «Man muss nicht alles auf den Kopf stellen.»

Sein Athletik-Trainer Michael Bont sagt, man müsse nun die richtige Balance und Intensität im Training finden. «Man muss nicht alles auf den Kopf stellen.»

Valeriano di Domenico
Bont, hier mit SRF-Kommentator Stefan Hofmänner – der Bündner arbeitet zehn Jahre lang beim Schweizer Fernsehen als Ski-Experte –, sagt: «Die körperliche Fähigkeit leidet nicht unter dem Lockdown, es heisst: back to the roots, einfach bleiben.»

Bont, hier mit SRF-Kommentator Stefan Hofmänner – der Bündner arbeitet zehn Jahre lang beim Schweizer Fernsehen als Ski-Experte –, sagt: «Die körperliche Fähigkeit leidet nicht unter dem Lockdown, es heisst: back to the roots, einfach bleiben.»

Keystone/Peter Klaunzer

Lockdown in der Schweiz: Kein Fitnesscenter, keine Sportanlage, kein Hallenbad hat mehr geöffnet. Zahlreiche Spitzensportler, deren Saison unterbrochen oder abgesagt wurde, müssen sich zu Hause fit halten. Was braucht es, um das richtig zu tun? Wie gross ist der psychische Druck? 20 Minuten hat zwei Athletik-Trainer befragt, Michael Bont und Martin Bruderer haben Antworten geliefert.

Die beiden Coaches sind sich einig, dass die derzeit ungewöhnliche und gewöhnungsbedürftige Situation zwar einschneidend ist – «zuerst muss man sich zurechtfinden mit der Situation, das Beste daraus machen. Es ist nicht einfach, es ist eine mentale Geschichte, das können einige besser als andere», sagt Bruderer –, aber diese neue Situation könne auch eine Chance darstellen.

Fussballprofis haben nun Zeit, Kraft aufzubauen, sich Rohkraft anzutrainieren, ohne dass der Muskel zu stark anwächst. «Das versuche ich mit ihnen anzustreben, denn nun haben sie viel Zeit, im Gegensatz zur normalerweise kurzen Sommerpause», sagt Bruderer. Er hat seinen Schützlingen aufgetragen, ein Garagen-Gym nach seinen Anweisungen einzurichten. «Sie arbeiten mit meinen Trainingsplänen. Ich sehe das als Chance, sie sollen das Potenzial des Krafttrainings nutzen», sagt Bruderer. Das trage auch zur Verletzungsprävention bei.

«Der Schweizer ist anpassungsfähig»

Auch Bont findet, dass wenn sich ein Profi nun dahinterklemme und die Pause richtig nutze, er später seinen Gegnern und Kollegen konditionell voraus sei. «Die Spitzensportler können an der Grundlagenausdauer feilen, Schnelligkeit, Intervall-Training machen, auf dem Laufband oder auch draussen», erklärt Bont.

Nun ist Flexibilität und Kreativität gefragt, von den Sportlern und den Coaches, da keine Hightech-Geräte vorhanden sind. Bont: «Die körperliche Fähigkeit leidet nicht unter dem Lockdown, es heisst: back to the roots, einfach bleiben.» Er muss nun die Planung den Umständen entsprechend anpassen, denn diese hänge immer mit der Infrastruktur zusammen. «Der Schweizer ist meiner Meinung nach anpassungsfähig und es gibt kreative Trainer.»

Sportler müssen auch ruhen können

Die beiden Coaches stimmen zudem darin überein, dass nun viel Selbstdisziplin von den Profis verlangt werde. Zwar könnten sich die Spitzensportler schon ein oder zwei Wochen gehen lassen, der Athlet solle jedoch auch Musse haben zum Ruhen, findet Bont, aber seine Schützlinge dürften andererseits auch nicht überbeissen, «sonst verschiessen sie zu viel Pulver für die nächste Saison». Janka, dessen Saison beendet ist, ist dafür ein Beispiel: Der Skirennfahrer muss nicht sofort planmässig mit dem Training beginnen, trotzdem versucht er, den Körper in Form zu halten, beispielsweise mit Skitouren.

Bruderer fügt bezüglich Selbstdisziplin an: «Das ist so im Profisport: In einer Mannschaft machen einige nur das, was sie im Team aufgetragen erhalten, und andere machen eben mehr. Es gibt aber immer mehr Junge, die das verstehen und nun umsetzen.»

Mentaltrainings sind möglich

Und was macht die Isolation mit den Sportlern? Drückt das nicht aufs Gemüt? Bruderer arbeitet mit einem Netzwerk von Mentaltrainern zusammen, die für die Athleten da sind, sofern sie sie benötigen. Der Wunsch für ein Mentaltraining muss aber vom Sportler selber kommen. «Die wichtigsten Tipps, die ich in der momentanen Situation gebe, sind: keine Panik, keinen Stress, darum nicht ständig News lesen, weil das das Stresslevel erhöht. Man braucht viel guten Schlaf, weil das das Immunsystem stärkt, oft Lachen ist ebenfalls immunstärkend. Und passt auf den Verdauungstrakt auf. Verzichtet auf Lebensmittel, die die Verdauung beeinträchtigen könnten, denn 70 Prozent aller immunaktiven Zellen befinden sich im Verdauungstrakt.»

Für Bont sind die Beziehungen zu Janka und Niederreiter Freundschaften. Er wirkt auch beratend, denn «die jungen Athleten machen sich Gedanken, was da abgeht. Es gibt zu denken, wenn das Virus alles lahmlegt. Als 15 Jahre Älterer diskutiert man mit den Jungen, es ist für alle schockierend.»

Niederreiter bekommt von ihm im Moment keine sportlichen Hausaufgaben, weil er nicht weiss, wie es weitergeht. Die NHL wurde dieser Tage für acht Wochen unterbrochen. «Nino ist zurück in die Schweiz geflogen und wir beginnen in etwa zehn Tagen mit dem Training. Wir müssen immer noch davon ausgehen, dass es in acht Wochen weitergehen könnte. Nun müssen wir die richtige Balance in der Intensität finden. Eine neue, interessante und anspruchsvolle Ausgangslage.» Bont, der alle zwei oder drei Tage mit dem NHL-Spieler Kontakt hat, amtet nun halt vorerst als Personal Coach beruhigend. «Man muss nicht alles auf den Kopf stellen.»

Michael Bont (46) ist der Öffentlichkeit ein Begriff, weil der Bündner zehn Saisons im Schweizer Fernsehen als Ski-Experte agierte. Bont arbeitet mit Skirennfahrer Carlo Janka und NHL-Profi Nino Niederreiter zusammen.

Martin Bruderer (53) ist bekannt, weil der ehemalige Eishockey-Profi mit dem EHC Kloten in den Neunzigerjahren viermal den Meistertitel gewann. Der Zürcher ist Trainer für Fussball- und Eishockeyprofis, deren Namen er nicht preisgeben darf. (hua)

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