Aktualisiert

Baseball gnadenlosDieser Mann ist der unbeliebteste Fan der USA

Vor zehn Jahren vergriff sich Steve Bartman an einem Baseball, was die Chicago Cubs den Titel kostete. Seither muss sich Amerikas meistgehasster Fan verstecken.

von
sut

Wer in den USA vor Gericht die Mafia verpfeift, kann sich mit dem «Witness Protection Program» als Zeuge schützen lassen. Wer allerdings im Baseball eine Niederlage verursacht – für den gibt es keinen Schutz. Steve Bartman tauchte in sein eigenes «Fan Protection Program» ab, so verhasst war er bei den Anhängern der Chicago Cubs. Nach Meinung vieler ist er ganz allein für den anhaltenden Niedergang des Clubs verantwortlich, weshalb sich der verhasste Mann seit zehn Jahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen kann.

Dabei tat der damals 26-jährige Fan des Baseball-Teams der drittgrössten US-Stadt bloss, was in seiner Situation wohl jeder Anhänger getan hätte. Am 14. Oktober 2003 sass Bartman mit aufgesetzter Cubs-Baseballmütze und Kopfhörern auf Platz 8 in der Reihe 113, einem der teuersten Plätze des Wrigley Stadiums am Rand des Felds. In der Endphase des Spiels, als das Heimteam mit 3 zu 0 im Vorsprung war, flog ein vom Schlagmann der Florida Marlins getriebener Ball in hohem Bogen gerade auf ihn zu. Instinktiv griff Bartman nach dem Ball, erwischte ihn aber nicht und lenkte seine Flugbahn vom Spielfeld weg. Cubs-Feldspieler Moises Alou, der mit einem exakt getimtem Sprung zum Ball hochstieg, griff ins Leere.

Danach gings bergab

Der Spieler war sichtlich verärgert, ballte die Faust, fluchte vor sich hin. Viele Cubs-Fans glauben, der Zwischenfall war der Anfang vom Ende. Wenig später machte ein Feldspieler einen schlimmen Fehler, als er einen tief fliegenden Ball nicht vom Bodenkontakt bewahren konnte. Umgekehrt trumpften die Marlins auf, verlängerten das Spiel und gewannen am Tag darauf in einem weiteren Spiel die Serie. Und die Cubs? Das Team gewann seither nie mehr eine Baseball-Meisterschaft. In den letzten zwei Saisons haben sie 197 Spiele verloren.

Steve Bartman bekam die Wut der Fans sogleich zu spüren. Nach seinem fatalen Fehlgriff versteckte er sich im Stadion. Um das Wrigley Field ungeschoren verlassen zu können, musste er sich verkleiden. Seither ist er untergetaucht. Wie die «New York Times» berichtet, lebt er noch immer im Grossraum Chicago und ist für eine Finanzberatungsfirma tätig. Angeblich hat er über 200 Anfragen von Medien abgewiesen und Angebote für Auftritte ausgeschlagen, die ihm Hunderttausende Dollar eingebracht hätten.

Der Ball wird exekutiert

Abergläubische Fans können das Unglücksspiel nicht vergessen. Restaurateur Grant DePorter liess seine Wut an dem Unglück stiftenden Baseball aus. Im Dezember nach dem Spiel ersteigerte er sich das kleine Leder für 113'824 Dollar und 16 Cents. Er gönnte dem Ball einen letzten Besuch auf Wrigley Field und nahm ihn dann mit in eine Hotelsuite, wo er sich ein Henkersmahl mit Steak, Hummer und Budweiser einverleibte. Um den Fluch zu brechen, zündete er am Tag danach vor laufenden TV-Kameras eine Sprengkapsel und zerfetzte den Ball in zigtausend Stücke. Seitdem zieren seine fasrigen Reste einen Glaskasten in einem von DePorters Restaurants.

Bartman erginge es – metaphorisch – nicht anders, wenn er sich einfach so vor Cubs-Fans zeigen würde. «Sie würden ihn in Stücke reissen», sagt der Sportkolumnist Rick Telander zur «Times». «Er kann nicht einfach auftauchen, so lange die Cubs weiter verlieren, und meinen, er würde als Held gefeiert.»

Gnade wäre überfällig

Gleichwohl würde dem Club Grosszügigkeit gut anstehen. Der frustrierte Spieler Alou hat den Anfang bereits gemacht. «Mir tut er wirklich leid», sagte er zu einem Kolumnisten der Associated Press. Dann sagte er generös: «Ich hätte den Ball ohnehin nicht gefangen.»

Alou hat gut reden: Er spielt inzwischen für die New York Mets.

So spielte sich das Drama ab:

Deine Meinung