04.06.2015 18:41

Türkei

Dieser Rücken kann Erdogan nicht entzücken

Am Sonntag wählt die Türkei ein neues Parlament. Staatspräsident Erdogan will seine Macht weiter ausbauen. Dagegen protestieren Frauen auf Twitter in eindeutiger Pose.

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«Türkische Frauen drehen Präsident Erdogan im Protest den Rücken zu.»

«Türkische Frauen drehen Präsident Erdogan im Protest den Rücken zu.»

«Wir drehen dir unseren Rücken zu.»

«Wir drehen dir unseren Rücken zu.»

Das erste türkische Satire-Magazin für Frauen «Bayan Yani» zeigt eine ganze Reihe von Frauenrücken.

Das erste türkische Satire-Magazin für Frauen «Bayan Yani» zeigt eine ganze Reihe von Frauenrücken.

Ein schöner Rücken kann auch entzücken. Nicht aber den türkischen Präsidenten Recep Tayiip Erdogan. Als sein Konvoi am Montag bei einer Wahlveranstaltung im osttürkischen Igdir heranrollte, passierte Erdogan eine Gruppe Frauen. Diese kehrte ihrem Staatspräsidenten demonstrativ den Rücken zu und machte mit den Fingern das Victory-Zeichen.

Erdogan reagierte stinksauer. Er erwähnte die Geste explizit in seiner Rede und mahnte die Frauen: «Wenn ihr auch nur ein Fünkchen Höflichkeit, Ehre und Kompetenz habt, dann solltet ihr wissen, dass der Ort für Politik das Parlament ist.» Am Dienstag wiederholte er gemäß der «Zeit» die Kritik bei einem Auftritt.

Türkinnen posten Bilder von ihrer Rückseite

Bei den Damen soll es sich um Mitglieder der pro-kurdischen Partei HDP handeln (siehe Infobox). Überhaupt legen sich Türkinnen gerne mit Erdogan an: So hatte der 61-Jährige letztes Jahr gesagt, es schicke sich für türkische Frauen nicht, laut zu lachen. Als Antwort posteten Türkinnen provokante Fotos von sich auf Twitter, auf denen sie breit in die Kamera grinsen.

Auch der «Rücken-Protest» verlegt sich jetzt schnell ins Internet: Unter dem Hashtag #SirtimiziDönüyoruz («Wir drehen dir unseren Rücken zu») posten Türkinnen auf Twitter Bilder ihrer Rückseite (siehe Bildstrecke). Auch einige Männer machen mit. In der Türkei ist es der am meisten verbreitete Hashtag, weltweit schaffte er es auf Platz drei.

Clowns, Faschisten und Terroristen

In sozialen Medien deuten viele die verärgerte Reaktion Erdogans als «Angst vor einem Machtverlust». Tatsächlich benimmt sich der türkische Machthaber zunehmend autoritär: Die Opposition beschimpft er als «Clowns» und «Faschisten», die kurdischen Führer als «Terroristen».

Auch gegen einfache Bürger geht er hart vor: Gestern stand der Elektriker Ersan Tas vor Gericht, weil er angeblich Fotomontagen des Staatspräsidenten auf seinem Computer erstellt hatte. Und das, obwohl er die Bilder nach eigenen Angaben nie veröffentlicht hatte. Am selben Tag erstattete Erdogan zudem höchstpersönlich Anzeige gegen den Chefredaktor der regierungskritischen Zeitung «Cumhuriyet». Grund ist ein von Can Dündar verfasster Bericht über angebliche Waffenlieferungen der Türkei an Extremisten in Syrien. Dem Journalisten droht lebenslängliche Haft.

Wird Erdogan am Sonntag noch mächtiger?

Fragt sich, wie lange Erdogan sich derlei scharfes Vorgehen leisten kann. Denn bei den Parlamentswahlen am Sonntag ist er auf einen Sieg seiner Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) angewiesen. Erreicht diese eine Zweidrittelmehrheit, kann Erdogan die Verfassung ändern und seine präsidentiale Macht weiter ausbauen.

Doch die Chancen seiner Partei, diese Mehrheit zu erlangen, schwinden zunehmend. Das hat auch mit dem Aufschwung der Kurdischen Volkspartei HDP zu tun: Überspringt diese am Sonntag die Hürde von zehn Prozent, zieht sie ins Parlament ein. Dann wäre es für die AKP unmöglich, die benötigte Mehrheit zu erlangen.

Mitarbeiter von prokurdischer Partei erschossen

Im türkischen Wahlkampf ist ein Mitarbeiter der prokurdischen Partei HDP erschossen worden. Angreifer hätten auf einen Minibus der Partei gefeuert und den 35-jährigen Fahrer getötet, erklärte das Büro des Gouverneurs der Provinz Bingöl. In dem Fall werde ermittelt. Vor der für Sonntag geplanten Parlamentswahl hat es bereits mehrere Gewalttaten gegen die HDP gegeben, darunter zwei Bombenanschläge auf Parteibüros in Adana und Mersin. Der Partei könnte eine Schlüsselrolle zufallen: Sollte sie mehr als zehn Prozent der Stimmen bekommen, könnte sie eine Verfassungsreform gefährden, mit der Präsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP ein Präsidialsystem in der Türkei einführen wollen. Die AKP wirft der HDP vor, Verbindungen mit kurdischen Rebellen zu unterhalten, die im Südosten der Türkei für Autonomie kämpfen. Die Partei spricht aber nicht nur kurdische Wähler an, sondern auch Liberale und Linke. sda

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