Aktualisiert 15.02.2020 19:44

Celles

Dieses Dorf wurde um ein Haar geflutet

In den Sechzigerjahren mussten die Bewohner von Celles ihr Dorf verlassen, weil es geflutet werden sollte. Das ist nie passiert.

von
mst
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Das kleine Dorf auf der Landzunge ist Celles. Es sollte 1968 geflutet werden.

Das kleine Dorf auf der Landzunge ist Celles. Es sollte 1968 geflutet werden.

Andipantz
Die Bewohner verkauften ihre Häuser oder wurden, wenn sie sich weigerten, sogar enteignet.

Die Bewohner verkauften ihre Häuser oder wurden, wenn sie sich weigerten, sogar enteignet.

Hugo Soria / CC BY-SA 3.0
Als der Fluss geflutet wurde, stieg das Wasser aber nicht bis zur erwarteten 150-Meter-Marke, bei der  Celles unter Wasser gestanden hätte.

Als der Fluss geflutet wurde, stieg das Wasser aber nicht bis zur erwarteten 150-Meter-Marke, bei der Celles unter Wasser gestanden hätte.

Fagairolles 34 / CC BY-SA 3.0

In den Fünfzigern war Celles eines von vielen kleinen Dörfern im Departement Hérault, am Fluss Salagou. Die Gegend ist bekannt für ihr trockenes Klima, die meisten der 63 Bewohner von Celles waren Weinbauern, deren Familien schon seit Generationen in der Gegend gewohnt hatten.

Das änderte sich 1959, als die französische Regierung beschloss, Celles und einige andere Dörfer um den Fluss zu räumen, um einen Stausee zu bauen. Zu diesem Zeitpunkt stand es schlecht um die französische Wirtschaft: Es gab zu viele Weinbauern, die Preise sanken immer mehr.

Mehr Obstplantagen, weniger Wein

Die lokalen Behörden hofften, dass die Bauern mit dem neuen Stausee und der einfacheren Bewässerung andere Dinge als Wein anpflanzen würden, zum Beispiel Obstbäume. So mussten die Bewohner von Celles zwischen 1959 und 1968 ihre Häuser verlassen. Die einen verkauften ihre Häuser, andere wurden gegen Ende der Frist enteignet.

1968 war auch der Damm fertig, der Fluss Salagou konnte geflutet werden. Als das Wasser ins Tal strömte, kam es Meter um Meter näher an Celles heran. Im Originalplan sollte die Oberfläche des Sees in zwei Etappen 150 Meter erreichen. Die erste Etappe lag bei 139 Metern, vier Meter tiefer als Celles liegt.

Als der Tourismus in der Region bereits kurz nach der ersten Etappe boomte, wurde die zweite Etappe, die nur der Bewässerung dienen sollte, nie umgesetzt. Celles war für nichts geräumt worden und zerfiel schnell. Besetzer nisteten sich in einigen der leeren Gebäude ein, Plünderer nahmen alles mit – von Lavabos bis zu Haustüren.

Neues Leben in Celles

Das soll sich jetzt ändern. Kürzlich haben drei Familien langjährige Mietverträge unterschrieben und sich verpflichtet, Häuser wieder aufzubauen – über 50 Jahre, nachdem die letzten Bewohner Celles verlassen hatten. Mitverantwortlich dafür ist Joëlle Goudal, die Bürgermeisterin.

«Ich wollte dieses Dorf schon immer wiederbeleben. Ein belebtes Dorf, wo Menschen arbeiten und Kinder in die Schule gehen», sagt Goudal. Die Chancen stehen nicht schlecht. Die Gegend um den Salagou-See ist bei Touristen sehr beliebt, eignet sich zum Wandern und Mountainbiken, aber auch für diverse Wassersportarten.

Goudal hat Celles nie aufgegeben

Goudal war fünf Jahre alt, als ihre Familie zum Umzug gezwungen wurde. Ihren Vater nahm das sehr mit: «An den Wochenenden kehrten wir zurück und sahen die Ruinen unseres Dorfes. Mein Vater hat sich jeweils auf eine Bank gesetzt und einfach nur geweint», erinnert sich Goudal.

Nach einigen Monaten mit Wochenendausflügen und vielen Tränen hatte ihre Mutter genug. «Tu etwas! Bau die Häuser wieder auf!», soll sie zu ihm gesagt haben. Und ihr Vater tat genau das: Er begann, ein altes Bauernhaus wieder aufzubauen. Es ist heute das Mas de Riri, ein erfolgreiches Restaurant.

Ihr Vater wurde 1972 Bürgermeister des unbewohnten Dorfes und kämpfte jahrelang dafür, dass Celles eine eigene Gemeinde bleibt und nicht an eine der umliegenden angeschlossen wird. 1990 wurde Celles definitiv Eigenständigkeit gewährt.

Möglichst viel Leben nach Celles bringen

Goudal arbeitet aktiv daran, dass Celles nicht nur eine Touristendestination ist, sondern ein lebendiges Dorf. Dafür wurden Anreize geschaffen: Die Familien, die sich verpflichtet haben, die Häuser auf ihren Grundstücken wieder aufzubauen, zahlen kaum Miete. Sie wurden aus 200 Bewerbungen ausgewählt. Weitere Voraussetzung: Die neuen Bewohner müssen auch ein Geschäft nach Celles bringen.

«Wir haben nicht viele Häuser und mussten uns also genau überlegen, wer kommt. Am Ende haben wir eigentlich Projekte und Geschäfte ausgewählt, die wir uns im Dorf wünschen. Wir haben die künftigen Bewohner danach ausgewählt, wie viel sie zur Wiederbelebung von Celles beitragen», sagt Joëlle Goudal. Die Aufbauarbeiten beginnen in den nächsten Monaten.

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