Alte Aufnahme: Dieses Foto hat nichts mit dem aktuellen Ukraine-Krieg zu tun
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Alte AufnahmeDieses Foto ist echt, hat aber nichts mit dem aktuellen Ukraine-Krieg zu tun

Auf Twitter und einschlägigen Portalen kursiert ein Bild, das den Beschreibungen nach Priester beim Segnen von Putins «Satan»-Rakete zeigen soll. Doch die Aufnahme ist alt – und damit aus dem Zusammenhang gerissen.

von
Fee Anabelle Riebeling
Konstantin Furrer
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Seit Mitte Mai wird dieses Foto von Priestern, die eine Rakete segnen, in den sozialen Medien verbreitet. Allein durch dieses Timing halten es einige Menschen für aktuell. Doch das ist es nicht. Es stammt aus dem Jahr 2015.

Seit Mitte Mai wird dieses Foto von Priestern, die eine Rakete segnen, in den sozialen Medien verbreitet. Allein durch dieses Timing halten es einige Menschen für aktuell. Doch das ist es nicht. Es stammt aus dem Jahr 2015.

Screenshot Twitter/@visegrad24
Konkret wurde es am 5. Juni 2015 auf dem Chodynkafeld nordwestlich des Moskauer Stadtzentrums aufgenommen, wie die Bilddatenbank der Nachrichtenagentur der Stadt Moskau angibt. (Im Bild: Chodynkafeld, 2015) 

Konkret wurde es am 5. Juni 2015 auf dem Chodynkafeld nordwestlich des Moskauer Stadtzentrums aufgenommen, wie die Bilddatenbank der Nachrichtenagentur der Stadt Moskau angibt. (Im Bild: Chodynkafeld, 2015) 

Screenshot Yandex.com
Der ehemalige Flugplatz dient alljährlich im Vorfeld der Militärparaden zum Tag des Sieges als Sammelplatz für die dabei präsentierte Militärtechnik. Hier finden auch deren Segnungen statt. (Im Bild: Chodynkafeld, 2016)

Der ehemalige Flugplatz dient alljährlich im Vorfeld der Militärparaden zum Tag des Sieges als Sammelplatz für die dabei präsentierte Militärtechnik. Hier finden auch deren Segnungen statt. (Im Bild: Chodynkafeld, 2016)

Wikimedia Commons/Gennady Grachev/CC BY 2.0

Darum gehts

Vor allem auf Twitter wird seit Mitte Mai 2022 ein Foto geteilt, das vier Personen in Gewändern der russisch-orthodoxen Kirche zeigt, die eine Rakete segnen. Dabei soll es sich den Beschreibungen nach um eine Rakete namens «Satan» handeln. So steht es in den dazugehörigen Tweets.

Wann das Bild entstanden ist, wird von den Postenden offen gelassen. Doch dadurch, dass das Foto während des laufenden Ukraine-Kriegs geteilt wurde, gehen Userinnen und User davon aus, dass es neu und aktuell ist. Doch das ist es nicht, wie 20 Minuten auf verschiedenen Wegen zeigen konnte.

Bild ist aus dem Jahr 2015

Auf einer höher aufgelösten Aufnahme, die mithilfe von Google Lens gefunden wurde, ist auf dem Gebäude im Hintergrund der Media-Markt-Schriftzug (медиа-маркет) zu erkennen. Das Unternehmen hat sich bereits im Jahr 2018 aus dem Russland-Geschäft zurückgezogen, wie eine Sprecherin von Media Markt Schweiz per Mail bestätigt: «Unseres Wissens nach wird der Brand nicht mehr aktiv verwendet.» Damit kann das auf Twitter geteilte Bild nicht aktuell sein.

Der Aufnahmeort

Bestätigt wird diese Erkenntnis durch die umgekehrte Bildersuche mit TinEye.com, die zeigt, dass die Aufnahme bereits mehrere Jahre alt ist: Der älteste Fund im Netz ist auf den 10. Dezember 2015 datiert. Seither wurde es immer wieder verwendet, in durchaus verschiedenen Zusammenhängen.

Bilddatenbank liefert (fast) alle Antworten

Satan oder nicht?

Unklarheit herrscht dagegen beim abgebildeten Raketenmodell: In den aktuellen Tweets wird es als «Satan» bezeichnet. Es gibt zwei Raketensysteme, die Satan im Namen tragen: Die R-36M (NATO-Codename SS-18 Satan), eine ballistische Interkontinentalrakete aus sowjetischer Produktion, von der es mehrere Typen gibt. Und ihre Nachfolgerin, die Interkontinentalrakete RS-28 «Sarmat» (NATO-Codename SS-X-30 Satan 2), die Russland am 20. April 2022 erstmals auf einen Testflug schickte.

In einem im Jahr 2017 auf Euromaidanpress.com veröffentlichten Artikel wird die Rakete als Topol-M-Interkontinentalrakete bezeichnet (Nato-Codename SS-27 Mod.1 Sickle-B).

Waffensegnungen nicht ungewöhnlich

Dass orthodoxe Geistliche nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände segnen, ist mehr als nur ein Gerücht. Davon zeugt unter anderem der Twitter-Account Orthodox Priests Blessing Things. Auch schwere Waffen stellen keine Ausnahme dar, wie Thetimes.co.uk im Jahr 2019 schrieb: «Es gibt Fernsehaufnahmen, die zeigen, wie Priester Topol-ICBMs mit Weihwasser bespritzen, wenn sie zur jährlichen Parade am 9. Mai in Moskau eintreffen, um den Sieg über Nazi-Deutschland zu feiern.» Die Abkürzung ICBM steht für Interkontinentalrakete.

Dabei werde «nicht die ‹Heiligung› von Gewehren, Raketen oder Bomben von Gott erbeten, sondern der Schutz der Soldaten», zitiert das Portal Katholisch.de aus einem Schreiben der russisch-orthodoxen Kirche aus dem Jahr 2019, in dem zur Diskussion gestellt wird, ob man in Zukunft den Segensritus für «Waffen, deren Einsatz zum Tod einer unbestimmten Anzahl von Menschen» noch verwenden wolle. Darunter fielen insbesondere Massenvernichtungswaffen und Waffen, die keine Unterscheidung von militärischen und zivilen Objekten zulassen wie Landminen und Streubomben. Wie es mit Raketen wie der abgebildeten heute aussieht, ist unklar.

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