Islamwissenschaftler: «Dieses Mohammed-Zitat ist eine Fälschung»
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Islamwissenschaftler«Dieses Mohammed-Zitat ist eine Fälschung»

Im Internet kursiert ein angebliches Mohammed-Zitat mit Bezug zum IS. Laut Islamwissenschaftler Abbas Poya ist es nicht echt.

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«Es werden eine Horde voller Ungläubigen mit einer schwarzen Flagge kommen. Sie werden sagen, dass sie von mir sind, aber das sind sie nicht! Sie werden mit ihren grausamen Stimmen ‹Allahu Akbar› schreien und Menschen töten. Das sind unsere Feinde!» Dieses Zitat macht derzeit auf Social Media die Runde. Formuliert haben soll die markigen Worte der Prophet Mohammed. Was es damit auf sich hat, erklärt Islamwissenschaftler Abbas Poya von der Universität Zürich.

Herr Poya, stammen diese Worte tatsächlich vom Propheten?

Soweit ich weiss, gibt es diese Hadith (siehe Box) nicht. Aber in der islamischen Geschichte gab es immer wieder gefälschte Aussagen, mit denen politische Interessen untermauert oder sogar legitimiert werden sollten. Woher das derzeit kursierende Zitat stammt, kann ich nicht sagen. Aber ich vermute, dass es von Personen ins Leben gerufen wurde, die gegen den Islamischen Staat (IS) steuern. In meinen Augen ist so etwas kontraproduktiv. Denn wird eine Fälschung als solche identifiziert, spielt das den Gegnern in die Hände, in diesem Fall dem IS. Dessen Mitglieder können das als Argument für sich benutzen und sagen: «Seht her, so falsch spielen unsere Gegner.»

Was bringt Leute dazu, Mohammed-Zitate zu fälschen?

Im Internet bewegen sich junge Menschen, die kaum Ahnung von islamischen Quellen haben, aber die versuchen, Argumente zu finden, um solche Taten wie in Paris zu verurteilen. Das ist nachvollziehbar, aber meines Erachtens nicht der richtige Weg.

Gibt es denn Hadithe, in denen sich Mohammed in vergleichbarer Weise geäussert hat?

Nein. Und das kann er auch nicht, er war ja kein Hellseher. Die Dinge, die im aktuell kursierenden Zitat angesprochen werden, passieren ja erst heute. Das konnte Mohammed damals nicht wissen.

Und wie sieht es mit dem Koran aus?

Auch dort steht so etwas nicht. Dort findet man hingegen viele Hinweise darauf, dass man gegenüber anderen tolerant sein muss. Sure 2, Vers 256 lautet beispielsweise: «Es gibt keinen Zwang in der Religion.» An anderer Stelle, Sure 10, Vers 99, heisst es: «Und wenn dein Herr gewollt hätte, wären die, die auf der Erde sind, alle zusammen gläubig geworden. Willst nun du die Menschen dazu zwingen, dass sie glauben?» Gott bekräftigt offensichtlich, dass es viele verschiedene Religionen gibt, und dass die gut nebeneinander existieren können. Mohammed würde dem nicht widersprechen.

Dennoch gibt es im Koran Abschnitte, die Gewalt und das Töten von Ungläubigen legitimieren. Wie passt das zusammen?

Das stimmt und darauf beziehen sich auch die Anhänger des IS. Was sie dabei jedoch, ob bewusst oder unbewusst, ausser Acht lassen, ist, dass man die Suren immer im geschichtlichen Zusammenhang sehen muss. So beziehen sich die besagten Passagen auf kriegerische Zeiten, die der Prophet damals miterlebt hat. Das hat nichts mit der heutigen Zeit zu tun. Man muss solche Passagen immer kontextualisieren. Aber das machen heute die wenigsten, leider. Für die richtige Interpretation muss man schon Islam-, Koran- oder Hadithgelehrter sein. Das muss man wirklich studieren.

Warum aber bezieht sich der IS auf die Religion?

Ich weiss nicht, ob man die Taten des IS wirklich mit dem Koran, Islam oder überhaupt der Religion erklären kann. Ich denke, dahinter stehen machtpolitische, wirtschaftliche Interessen. Aber würde der IS das so formulieren, würde das nicht so viele junge Leute anziehen und er braucht Nachwuchs für seinen Kampf.

Das heisst: Der IS missbraucht die Religion für seine Sache?

Richtig. Und ihm spielt in die Hände, dass sich so wenig Leute mit den religiösen Schriften auskennen. Es ist ein Kriegslager, und jeder versucht, schnell Antworten zu finden. Es ist eine Illusion, zu denken, mit anderen Versen dagegenhalten zu können. Man braucht andere Ansätze. Auch muss man mit dem Begriff Krieg vorsichtig sein, den will der IS ja. Darauf legen seine Anhänger es an. Darauf muss die Gegenseite besonnen reagieren.

Nun hat Frankreich die EU-Staaten offiziell um militärische Unterstützung gebeten. Halten Sie das für falsch?

Viele westliche Länder bekämpfen den IS bereits seit einigen Monaten, aber offenbar hatte man damit bisher wenig Erfolg. Und ich glaube auch nicht, dass das eine gute Strategie ist. Denn damit begibt man sich auf ein ähnliches Niveau wie der IS. Besser wäre es, wenn man – das heisst all diejenigen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und Freiheit einsetzen – ihm mit menschenrechtsorientierter Politik begegnet. So sollte man beispielsweise die Waffenverträge mit Saudiarabien beenden. Und es würde helfen, die Bevölkerung aufzuklären, ihr Werte zu vermitteln und sie auszubilden, damit sie den falschen Argumenten nicht aufsitzt.

Was ist eine Hadith?

Eine Hadith bezeichnet im Islam die Überlieferungen der Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed. Bei dem Koran hingegen handelt es sich um die Offenbarung Gottes (Allah) an Mohammed.

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