Filme auf Festplatte: Digitaltechnik bedroht US-Autokinos

Aktualisiert

Filme auf FestplatteDigitaltechnik bedroht US-Autokinos

Vor 60 Jahren hatten sie ihre Blütezeit, doch viele Betreiber von Autokinos in den USA können sich die Umstellung auf die moderne Projektionstechnik nicht leisten.

von
Mitch Stacy
AP
Auch diese Aufnahme stammt aus vergangenen Zeiten, sie zeigt ein Autokino in Lakeland, Florida, im Jahr 2008.

Auch diese Aufnahme stammt aus vergangenen Zeiten, sie zeigt ein Autokino in Lakeland, Florida, im Jahr 2008.

Seit rund 80 Jahren sind Autokinos ein Inbegriff US-amerikanischer Lebensart. Auch wenn sie seit ihrer Blütezeit in den 1950er- und 60er-Jahren immer weniger wurden, haben gut 350 Parkplätze mit Kinoleinwand überlebt. Jetzt allerdings wird ein grosser Teil davon schliessen müssen, denn die digitale Revolution macht vor der Projektionstechnik nicht Halt.

Die Verleihe schaffen den 35-Millimeter-Film ab und liefern die Filme zunehmend ausschliesslich in digitaler Form. Diese zeigen zu können, erfordert einen Digitalprojektor, der umso teurer wird, je grösser die Leinwand ist. Und die Projektionsflächen in Autokinos sind oft um ein Vielfaches grösser als in herkömmlichen Kinos. Mehr als 50'000 Euro müssen allein in den Projektor investiert werden, um ein Autokino umzurüsten; fast immer ist noch mit Folgekosten zu rechnen. Das ist für viele Besitzer von Autokinos - meist kleine Familienbetriebe - zu viel.

Festplatte statt Filmrollen

Die Vorteile der digitalen Version liegen indes auf der Hand: Besseres Bild, besserer Ton, keine riesigen Filmrollen mehr. Stattdessen kommt der Film in Form einer externen Computerfestplatte ins Kino und wird dort auf den Digitalprojektor geladen. Es muss nicht mehr geschnitten und geklebt werden. Und reissen kann der Film auch nicht. Experten erwarten, dass innerhalb der nächsten paar Jahre alle Verleihe ausschliesslich auf digitale Technologie umstellen werden, auch wenn es dazu keine offiziellen Absprachen gibt.

«Immer weniger Filme werden im klassischen Format angeboten», sagt D. Edward Vogel, der das legendäre Autokino Bengies Drive-In in Baltimore besitzt und Chef des amerikanischen Verbandes der Autokinobetreiber ist. Zwischen 50 und 60 Autokinos hätten bereits auf digitale Technik umgestellt, von einem wisse er, dass er vor der neuen Technik kapituliert und aufgegeben habe. Wie viele noch schliessen müssten, weil sie sich die Investition nicht leisten könnten, sei noch nicht abzusehen.

«Jeder weiss, dass du letzten Endes umstellen oder zumachen musst», sagt Walt Effinger. Er betreibt das Skyvue Drive-In in Lancaster, Ohio. Das Kino mit dem riesigen 24-Meter-Bildschirm gibt es seit 1948. «Ganz einfach: Wenn du nicht genug Umsatz machst, um die Investition zu rechtfertigen, musst du schliessen», bricht es Effinger aufs Geschäftliche herunter. Sein Kino hat der Filmliebhaber im vergangenen Jahr auf die neue Technik umgestellt, als erstes von 29 Autokinos in Ohio.

Ein Lichtblick

Es gibt aber offenbar einen kleinen Lichtblick: Verbandschef Vogel sagt, dass die Kinobesitzer von einem Förderprogramm profitieren könnten, das ihnen 80 Prozent der Investition über mehrere Jahre verteilt zurückzahlt. Aber für die kleinen Familienbetriebe sei es oft schwer, eine Bank zu finden, die das Geld vorstreckt. Und die Förderung deckt lediglich die Investition in den neuen Projektor ab. Oft erfordere die Modernisierung aber auch den Umbau des Projektorraums: Die empfindliche Digitaltechnik macht eine Klimaanlage unumgänglich.

Darci und Bill Wemple betreiben zwei Autokinos mit insgesamt drei Leinwänden nördlich von New York. Sie setzen auf eine Kampagne von Honda, die mit einer Internetumfrage die fünf beliebtesten Autokinos in den USA ermittelt und denen dann den Umbau bezahlen will. Wenn sie nicht gewinnen, werden sie aufgeben müssen, sagt das Paar.

Autokinos sterben aus

Ihre Blütezeit erlebten die Autokinos in den 1950er-Jahren, als es in den USA rund 4000 gab. Jetzt sind gerade noch 357 übriggeblieben, oft werden sie nur in den Monaten mit gutem Wetter betrieben. Die, die es noch gibt, haben treue Fans. Die Stammgäste Robyn Deal und Dave Foraker kommen seit ihrer Schulzeit in den 60er-Jahren ins Skyvue Drive-In in Ohio. Am Wochenende war es wieder soweit: Die beiden sassen auf mitgebrachten Klappstühlen neben ihrem Wagen mit Decken auf den Knien und guckten «Wolverine» zusammen mit ihrem Dackel Wilson.

«Es geht so viel von unserem kulturellen Erbe flöten, und Autokino ist ein Teil davon», sagt der 60-jährige Foraker, der sich freut, dass das Skyvue wohl überleben wird (siehe Story). Sein erster Film hier sei «Wer hat Angst vor Virginia Woolf» gewesen, das müsse 1966 gewesen sein. «Viel von dem, was ich als Kind gemacht habe, gibt's nicht mehr», sagt er. «Aber ich glaube, was noch übriggeblieben ist, schafft's auch weiterhin.»

(ap)

Deine Meinung