«Geschmacklos», «primitiv», «daneben»: Digitec lässt Plakate trotz harscher Kritik hängen
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«Geschmacklos», «primitiv», «daneben»Digitec lässt Plakate trotz harscher Kritik hängen

Der Schweizer Onlinehändler Digitec sorgt derzeit mit einer Werbe-Kampagne für Kritik. Organisationen bezeichnen sie als «sexistisch», ein PR-Experte als «geschmacklos». Das Unternehmen setzt weiterhin auf die Werbung.

von
Michel Eggimann
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Diese Werbung hängt aktuell in der Deutschschweiz an Plakatwänden.

Diese Werbung hängt aktuell in der Deutschschweiz an Plakatwänden.

Social Media
Die Digitec-Werbung sorgt für Kritik.

Die Digitec-Werbung sorgt für Kritik.

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Sie wird als «sexistisch», «primitiv» oder «geschmacklos» bezeichnet. Andere finden sie aber auch «cool und witzig».

Sie wird als «sexistisch», «primitiv» oder «geschmacklos» bezeichnet. Andere finden sie aber auch «cool und witzig».

Digitec Galaxus

Darum gehts

  • Auf einer Werbung von Digitec steht: «So schön wie der Busen der Jungfrau Maria.»

  • So beschreibt ein Kunde einen Controller für eine Spielkonsole.

  • Der Onlinehändler erntet für die Werbung Kritik von mehreren Seiten.

  • Digitec setzt die Kampagne mit den Plakaten trotzdem fort.

In der Deutschschweiz hängen derzeit an verschiedenen Orten Plakate der Migros-Onlinetochter Digitec. Dabei setzt das Unternehmen auf echte Kundenkommentare aus dem Online-Shop. Ein Plakat sorgt für Kritik. Darauf steht: «So schön wie der Busen der Jungfrau Maria.» So beschreibt ein Digitec-Kunde den Controller für die Spielkonsole Xbox. In einem St. Galler Bus ist einer Frau das Plakat aufgefallen und sie hat es in einer regionalen Facebook-Gruppe gepostet. Damit löste sie eine Diskussion aus. Eine Userin schreibt: «Ich finde die Reklame sexistisch und daneben. Eine solche Werbung nervt einfach.» Weitere Kommentare lauten «Ganz einfach: Dumm», «primitiv» oder «absolut daneben». Ein Mann schreibt: «Bis jetzt dachte ich immer, dass Geschmacklosigkeit und dreckige Werbung eine untere Grenze haben. Leider werde ich immer wieder eines Besseren belehrt

Andere finden das Plakat weniger schlimm. Eine Frau meint, man könne auch päpstlicher sein als der Papst. Jemand schreibt, mit provokanten Werbungen könne man mehr Aufmerksamkeit erregen. Eine Userin kommentiert: «Ich finde die Werbung cool und witzig.»

«Grenze ganz klar überschritten»

Marianne Aeberhard, Geschäftsführerin der Organisation humanrights.ch, kritisiert das Unternehmen für die Werbung. Sie bezeichnet sie als «sexistisch und absolut abstossend». Es sei eine Debatte entstanden und Digitec sei sich bewusst geworden, dass eine Grenze überschritten wurde. Aeberhard sagt: «Unternehmen müssen immer mehr an Grenzen gehen, um die Leute mit ihrer Werbung zu erreichen. Hier wurde die Grenze ganz klar überschritten.»

Sie selbst sei konsterniert gewesen, als sie gemerkt habe, wie omnipräsent diese Werbung in der Öffentlichkeit ist. «Das stört mich». Am liebsten wäre Aeberhard, wenn die Werbung verschwindet. Noch wichtiger sei aber, dass sich Digitec entschuldigt habe und eine Debatte ausgelöst worden sei über die Art und Weise der Werbung.

Für Petra Rohner, Präsidentin und Geschäftsführerin der Stiftung Swiss Women Network, ist es ein typisches Beispiel, wie Werbung aktuell generell polarisieren muss. «Dabei wird zu wenig hinterfragt, was die Werbung beim Konsument oder der Konsumentin auslöst und was für eine Botschaft übermittelt wird», so Rohner. Die Werber und Werberinnen fragten sich zudem zu wenig, ob jemand verletzt wird. Es gehe zu sehr um Aufmerksamkeit. Dabei sei die Gesellschaft gerade beim Thema Sexismus mittlerweile sehr sensibel geworden.

Für Imagekampagne kaum zielführend

Ferris Bühler, PR- und Medienexperte, sagt: «Über die Werbung wurde sicherlich intern diskutiert. Sie ist sehr stark provokativ.» Wenn Werbung eine Provokation beinhaltet, gebe es zwei grosse Themen, so Bühler, das seien Sexismus und Religion. In dem Spruch «So schön wie der Busen der Jungfrau Maria» sind beide Themen abgedeckt.

Die Werbung habe Pro und Kontras, so der Experte. «Digitec ist es gelungen, durch die provokative Werbung thematisiert zu werden und ist zum öffentlichen Gespräch geworden.» Das sei sicher auch ein Ziel gewesen. Mit dem Spruch zu werben, findet Bühler alles andere als kreativ. «Er ist geschmacklos und nicht zeitgerecht. Mit der Verwendung dieser, alles andere als intelligenten, Kundenbewertung in der Werbung positioniert sich Digitec als Marke für Pöbel.» Für eine Imagekampagne sei dies wohl kaum zielführend.

Echte Kundenbewertung?

Der PR-Experte bezweifelt zudem, dass es sich um eine echte Kundenbewertung handelt. Das versichert der Onlinehändler. Martin Walthert, Marketing-Verantwortlicher von Digitec, sagt: «Für unsere Plakate suchen wir jeweils echte Kundenkommentare aus unserem Online-Shop.» In der aktuellen Reihe gehe es um pure Leidenschaft für Technik. «Besagter Kommentar zeigt eine Liebeserklärung an ein Produkt mit einem unserer Meinung nach absurd überhöhten und deshalb klar ironischen Vergleich», erklärt Walthert.

Das Unternehmen wisse, das eine Botschaft nicht bei jedem und jeder gleich ankomme. Offenbar habe dieses Sujet manche Personen in ihrer religiösen Gefühlen verletzt. «Wir bedauern dies. Wir haben deshalb die weitere Verbreitung dieses Motivs gestoppt», so Walthert. Das heisse, man spiele die Online-Banner nicht mehr aus. Die Plakate bleiben aber hängen. Das Unternehmen selbst habe auch Rückmeldungen erhalten – darunter seien positive, wie auch negative.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund des Geschlechts diskriminiert?

Hier findest du Hilfe:

Logib, Lohngleichheits-Analyse des Bundes

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

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