Dignitas: Wer entscheidet über Leben und Tod?
Aktualisiert

Dignitas: Wer entscheidet über Leben und Tod?

Ludwig A.Minelli, Gründer der Sterbehilfeorganisation Dignitas, übt harte Kritik an den christlichen Parteien. Zudem will er einen Sterbehilfe-Präzedenzfall in Deutschland allenfalls bis nach Strassburg weiterziehen.

Die christlichen Parteien würden das Recht nicht anerkennen, über das Leben und dessen Ende selbst zu entscheiden. Aus diesem Grund wehre sich Dignitas auch gegen rechtliche Standards für die begleitete Sterbehilfe, sagte Minelli in einem am Samstag im «Bund» veröffentlichten Interview. In Wahrheit gehe es den christlichen Parteien darum, die Verwirklichung des Rechts auf Beendigung des eigenen Lebens zu verhindern.

Kein Schweizer Politiker habe je wissen wollen, was Dignitas mache. Wie aber wolle man Normen schaffen, wenn man die Tatsachen nicht kenne, fragte Minelli. Er wisse nicht, was der Staat denn noch kontrollieren könne.

Schon heute versorge Dignitas die Polizei nach jedem Todesfall mit allen Dokumenten, den medizinischen Unterlagen, der Freitoderklärung und einem Protokoll. Den Ruf nach Regeln könne er allenfalls dann akzeptieren, wenn die Politiker sich einsetzen würden, um unbegleitete Suizide zu verhindern.

Es werde eine Riesendiskussion geführt um ein paar Dutzend Fälle von unbegleitetem Suizid. Dagegen werde ohne Wimpernzucken in Kauf genommen, dass jährlich rund 67 000 Suizidversuche stattfänden, von denen rund 1350 gelängen und Zehntausende mit schweren Folgen scheiterten.

Präzedenzfall bis nach Strassburg weiterziehen

Minelli will einen Sterbehilfe-Präzedenzfall in Deutschland allenfalls bis nach Strassburg weiterziehen. «Ein Richterspruch aus Strassburg könnte dazu führen, dass rasch für ganz Europa eine einheitliche Lösung gefunden werden muss», sagte er im Interview mit der Zeitung «Bund». Für Menschen, die in der Schweiz wohnen, sei das Recht auf Suizidhilfe praktisch gewährleistet. Sein Ziel sei es, diesem Menschenrecht globale Wirkung zu sichern. In diesem Sinne bieten wir Deutschen einen begleiteten Freitod in der Schweiz, wie Minelli weiter sagte. Die von ihm gegründete Sterbehilfeorganisation sei aber «nicht nur Dienstleister, sondern auch eine Kampforganisation.» Minelli verteidigte erneut sein Vorhaben, in Deutschland einen Präzedenzfall zu schaffen. Das geltende deutsche Recht verbiete Suizidhilfe nicht, aber es statuiere eine Pflicht, Menschen in Not zu helfen und folgere: Sobald ein Sterbewilliger ohnmächtig werde, müssten Anwesende alles tun, um ihn zu retten. Das habe zur Folge, dass man ein rasant tötendes Gift wählen und Sterbewillige in ihren letzten Minuten allein lassen müsse. «Eine menschenunwürdige Situation», sagte Minelli.

(Quellen: SDA/AP)

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