Präsidentschaftswahl: Dilma Roussef ist Lulas Nachfolgerin
Aktualisiert

PräsidentschaftswahlDilma Roussef ist Lulas Nachfolgerin

Am Ende hat sie es doch noch klar geschafft. In Brasilien ist Dilma Rousseff, die Kandidatin der Arbeiterpartei, zur neuen Präsidentin gewählt worden.

Dilma Rousseff (links auf dem Plakat) liegt mit 10 bis 12 Prozentpunkten Vorsprung deutlich vor dem Oppositionskandidaten.

Dilma Rousseff (links auf dem Plakat) liegt mit 10 bis 12 Prozentpunkten Vorsprung deutlich vor dem Oppositionskandidaten.

Zum ersten Mal ist in Brasilien eine Frau an die Spitze des Staates gewählt worden. Nach Angaben der Wahlbehörden setzte sich Dilma Rousseff am Sonntag in der Stichwahl mit 56 Prozent gegen ihren sozialdemokratischen Herausforderer José Serra durch.

Die 62-Jährige war die Wunschkandidatin von Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten durfte. Die Anhänger der Regierung versammelten sich nach Schliessung der Wahllokale zu Tausenden in der Metropole São Paulo unweit der Küste und der Hauptstadt Brasilia im Landesinneren.

Die Strassen wurden zu einem Meer aus den roten Fahnen der Arbeiterpartei und der Gewerkschaften, die ihre Basis bilden. In einer ersten Reaktion dankte Rousseff allen Brasilianern und versprach, ihr Vertrauen nicht zu enttäuschen. Sie kündigte an, den Kurs ihres populären Vorgängers fortzusetzen.

Dazu zähle vor allem den Kampf gegen Armut, für Demokratie und Menschenrechte. Lulas Nachfolge anzutreten, sei eine «schwierige Aufgabe» und sie werde «häufig an seiner Tür klopfen», sagte Rousseff unter Tränen. Gegner Serra gratulierte, kündigte aber gleichzeitig an, er werde weiterkämpfen.

Insgesamt waren rund 136 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, sich zwischen Rousseff und São Paulos Ex-Gouverneur José Serra zu entscheiden. In den meisten Teilen des Landes schlossen die Wahllokale bis 21 Uhr (MEZ). Da Brasilien verschiedene Zeitzonen hat, machten in einigen nördlichen Landesteilen die Wahllokale erst gegen 22 Uhr (MEZ) dicht.

Rousseff hatte sich bereits bei ihrer Stimmabgabe zuversichtlich gezeigt: «Morgen beginnen wir mit einer neuen Phase der Demokratie», sagte sie am Sonntag in Porto Alegre siegessicher.

Lulas Erbin

Im Wahlkampf profitierte die ehemalige Widerstandskämpferin während der bis Mitte der 1980er Jahre dauernde Militärdiktatur vor allem von der Popularität ihres politischen Ziehvaters Lula.

Der frühere Gewerkschaftsführer hat in den vergangenen acht Jahren mit einer marktwirtschaftlich orientierten Politik dem Land nicht nur sagenhafte Wachstumsraten von zuletzt über acht Prozent beschert. Mit seinen umfassenden Sozialprogrammen hat Lula auch 20 Millionen Bürger aus der Armut befreit und die Mittelschicht gestärkt.

Zuletzt hatten jedoch mehrere Korruptionsskandale das Regierungslager erschüttert. So musste Rousseffs Nachfolgerin als Stabschefin des Präsidenten nach Korruptionsvorwürfen zurücktreten. Rousseff war vor ihrem Job als Stabschefin Energieministerin im Kabinett Lulas.

Kurs halten

Da Lula nach zwei Amtszeiten abtreten muss, übernimmt Rousseff nun am 1. Januar das Steuer. «Wir werden Lulas Weg weitergehen», verkündete sie bei jedem Wahlkampfauftritt.

Zudem hat Dilma, wie sie in Brasilien genannt wird, versprochen, einige lang anstehende Reformen anzupacken, die auch Lula nicht umsetzen konnte. So klagen ausländische Investoren über eine ausufernde Bürokratie und ein zu kompliziertes Steuersystem.

Solide Regierungsmehrheit

Die Chancen für weitreichende Reformen in dem bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas stehen zumindest nicht schlecht: Bei der Kongresswahl vor vier Wochen konnte sich Rousseff, die im vergangenen Jahr eine Erkrankung an Lymphdrüsen-Krebs überwunden hatte, eine solide Mehrheit für ihr Parteienbündnis sichern.

Theoretisch hätte sie nun freie Hand bei der Umsetzung ihrer Agenda, zu der auch eine Ausweitung der staatlichen Kontrolle bei der Erschliessung der jüngst entdeckten, gigantischen Ölfelder vor der brasilianischen Küste durch den Ölkonzern Petrobras zählt.

In der Praxis könnte es aber auch Rousseff schwer fallen, die teilweise sehr unterschiedlichen Interessen ihres zehn Parteien umfassenden Bündnisses unter einen Hut zu bekommen und sich somit die für Verfassungsänderungen nötige Mehrheit von mindestens 60 Prozent der Stimmen im Kongress zu sichern. (sda)

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