Aktualisiert 31.10.2011 13:23

Rochade bei LVMHDior buhlt um Vuittons Wunderkind

Marc Jacobs machte Louis Vuitton zum Kultlabel. Jetzt soll auch Dior um seine Gunst buhlen. Wird er die Nachfolge von Skandal-Designer John Galliano für 10 Millionen Dollar antreten?

von
Y. Di Mambro

Die Spekulationen um die Nachfolge von John Galliano reissen nicht ab. Der 51-jährige Ex-Chefdesigner von Dior wurde im März 2011 nach rassistischen Äusserungen gefeuert – nach 15 Jahren Zusammenarbeit. Statt umgehend einen neuen Chefdesigner zu ernennen, beauftragte Dior den Briten Bill Gayten, der 23 Jahre lang Gallianos rechte Hand war, mit der Leitung des Designteams und der neuen Haute-Couture-Kollektion, die im Juli 2011 in Paris vorgestellt wurde. Die Fashionshow war ein Reinfall, die Kritiken von Fashionistas zum grossen Teil vernichtend. Will Dior seinen Kultstatus beibehalten und in Sachen Trends und Exklusivität eine Vorreiterrolle spielen, muss schon bald ein neuer Topdesigner her. Gemäss Insidern buhlt Dior seit Monaten um die Gunst von Marc Jacobs, der seit 1997 Chefdesigner bei Louis Vuitton ist. Es sollen auch schon mehrere Verhandlungen hinter verschlossenen Türen stattgefunden haben. Bislang haben die Beteiligten die Gerüchte weder bestätigt noch dementiert.

Jacobs ist eine Goldgrube

Was macht Jacobs so einzigartig für die Nachfolge von John Galliano? «Marc arbeitet schon seit 14 Jahren für LVMH. Er weiss, wie das Unternehmen funktioniert», schwärmt Carine Roitfeld, Ex-Chefredaktorin der «Vogue Paris». Sowohl Louis Vuitton als auch Dior gehören zu LVHM, dem grössten Luxusgüterhersteller der Welt. Jacobs ist somit bereits Teil der Gruppe und kennt sowohl deren Philosophie als auch deren Arbeitsweise und Zielsetzungen. Jacobs ist auch immer ein Garant für sprunghafte Umsätze. Louis Vuitton ist das lukrativste Label der LVMH-Gruppe, zu welcher 60 Unternehmen gehören. Über 50 % des Verkaufsumsatzes der LVMH-Gruppe generiert Louis Vuitton. «Seit Marc Jacobs zu Louis Vuitton gestossen ist, verdoppelt sich der Gewinn zirka alle fünf Jahre. Er ist der erfolgreichste amerikanische Designer der Gegenwart», analysiert Bernard Arnault, Vorstandsvorsitzender von LVMH.

Trendgespür und der Reiz der Haute Couture

Marc Jacobs hat einen ausgezeichneten Riecher für neue Trends. Seine Neugestaltungen der legendären Louis-Vuitton-Taschen mit Monogramm führten zu Verkaufshypes und langen Wartelisten. Er wäre somit der ideale Kandidat, um dem Traditionshaus Dior eine Frischzellenkur zu verpassen. Da Jacobs sowohl für Vuitton als auch für sein eigenes Label Kollektionen entwirft, könnte er auch bei Dior auf der obligaten Doppelschiene fahren, nämlich der Prêt-à-porter- und der Haute-Couture-Linie. Da sein eigenes Label jedoch zwei Linien umfasst (Marc Jacobs und Marc by Marc Jacobs), hätte er eine extrem hohe Anzahl Kollektionen pro Jahr zu entwerfen - ähnlich wie Karl Lagerfeld, der bekanntlich ein unermüdliches Arbeitstier ist. Erfahrungen im Entwerfen von Haute Couture hat Jacobs nicht. Doch Fashion-Experten zweifeln keine Sekunde daran, dass ihm auch dieser Coup gelingen würde. «Marc ist sehr clever. Wenn er den Job bei Dior kriegt, werde ich keine einzige seiner Shows verpassen», sagt Carine Roitfeld, Ex-Chefredaktorin der «Vogue Paris».

Ein Team, das durch dick und dünn geht

Ein weiterer Vorteil für Dior liegt in der Stabilität von Jacobs' eingespieltem Team. Man könnte es fast als Grossfamilie bezeichnen. Viele Mitarbeiter des Teams in New York sind seit Beginn dabei. Sie haben sowohl die erfolgreichen als auch die finanziell schwierigen Zeiten des Labels Marc Jacobs erlebt, als es knapp dem Konkurs entkam. In Paris gelten am Hauptsitz von Louis Vuitton strengere Regeln. Jacobs' Tätigkeit wird dort regelmässig von Bernard Arnault, verschiedenen Marketingteams und Yves Carcello, CEO von Louis Vuitton, überwacht. Bei einem Wechsel zu Dior wäre Jacobs mit dieser strengen Hierarchie bereits vertraut, hätte aber als Ausgleich und Basis sein treues Team dabei.

Vom ungepflegten Nerd zum Sexsymbol

In den letzten Jahren legte sich Marc Jacobs ein neues Image zu. Lebte er früher ungesund und sah eher wie ein ungepflegter Nerd aus, nahm er plötzlich ab, trainierte sich ein Sixpack an, pflegte sich und zeigte sich in der Öffentlichkeit in stylishen und eleganten Outfits. Sowohl Frauen als auch Männer waren von seiner neuen Sexyness begeistert. Die renommierte Modezeitschrift «Harper's Bazaar» attestierte ihm den schönsten Körper im Fashionbusiness. Drogen und Alkohol schwor er auch ab und liess sich zu diesem Zweck zweimal in eine Entzugsklinik einweisen.

Marc Jacobs' Fashionshows in New York sind die wichtigsten der Fashion Week NY. Der Medienrummel ist jeweils gigantisch. Moderedaktorinnen beissen sich die Zähne aus, um ein Interview mit Jacobs zu ergattern. «Marc hat eine rappelvolle Agenda. Er ist so beschäftigt. Alle wollen ihn. Er ist ein Star», antwortet uns eine PR-Beauftragte aus Paris. Ein Star, der trotz weltweitem Ruhm bescheiden geblieben ist. Er hat weder ein Auto noch eine Yacht oder Luxushäuser. Sein Geld investiert er in Kunst. Wie Künstler will auch er als Designer Emotionen auslösen. Und bringt es auf den Punkt: «Ich liebe es, wenn Leute meine Kollektionen lieben oder hassen. Gleichgültigkeit hasse ich.»

Marc Jacobs im Interview bei der Neueröffnung des Vuitton-Geschäfts in London (Video: YouTube, Fashion411)

Making-of der Werbekampagne zu Marc Jacobs' Parfum «Bang» (Video: YouTube, loverafaelito)

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