Zweiter Weltkrieg: Diplomat in Genf rettete 25 000 Juden
Aktualisiert

Zweiter WeltkriegDiplomat in Genf rettete 25 000 Juden

José Castellanos wirkte ab 1942 als Generalkonsul von El Salvador in Genf. Von der Schweiz aus organisierte er die Rettung von mehr als 25 000 osteuropäischen Juden. Die Regierung seines Landes wirbt nun um Anerkennung für den unbekannten Helden.

von
Peter Blunschi

Er war der «Oskar Schindler von El Salvador», schreibt die britische Zeitung «The Guardian» über José Castellanos. Nach mehr als 60 Jahren wurde die Geschichte dieses Diplomanten aus dem kleinen Land in Zentralamerika wiederentdeckt, der nie viel Aufhebens um seine Person gemacht hatte. «Er sagte, dass jeder an seiner Stelle das Gleiche getan hätte. Er sah darin nichts Heldenhaftes oder Spektakuläres», sagte seine Tochter Frieda García an einer Medienkonferenz in der Botschaft El Salvadors in Washington.

Die vermeintlich unspektakuläre Tat war die Rettung von rund 25 000 Juden vor der Vernichtung durch die Nazis. Armeeoberst José Castellanos kam 1942 als Generalkonsul von El Salvador nach Genf. Hier traf er den rumänischen Juden und Flüchtling György Mandl, einen ehemaligen Textilfabrikanten, den er in den 30er-Jahren in Bukarest kennen gelernt hatte. Um ihn zu schützen, übertrug Castellanos ihm den fiktiven Posten eines Ersten Sekretärs und änderte seinen Namen in George Mandel-Mantello.

Falsche Papiere ausgestellt

Durch seine Beziehungen nach Osteuropa wusste Mantello über die Verfolgung der Juden Bescheid. Zusammen mit Castellanos stellte er Blanko-Papiere aus, die ihre Inhaber als Bürger von El Salvador auswiesen. Um sie echt wirken zu lassen, liessen Castellanos und Mantello die Papiere von anderen Konsulaten in Genf abstempeln. Danach wurden die Dokumente mit Hilfe von Diplomaten nach Osteuropa geschmuggelt, wo sie mit den Personalien verfolgter Juden ergänzt wurden. Eine zentrale Rolle spielte Carl Lutz, der Schweizer Vizekonsul in Budapest. Er rettete rund 62 000 ungarischen Juden das Leben – vielen dank Papieren aus El Salvador, wie sich nun zeigt.

Anfangs handelten die beiden Retter eigenmächtig, ohne Wissen der salvadorianischen Regierung, die sich auf die Seite der Alliierten geschlagen hatte. Es gelang ihnen, die misstrauischen Behörden in der Schweiz und Ungarn von der Echtheit der Dokumente zu überzeugen. Ab Juli 1944 war auch die Regierung involviert, der Aussenminister El Salvadors ersuchte den Schweizer Bundesrat, die Papiere der «Bürger» in Ungarn anzuerkennen und ihnen Schutz zu gewähren. Das kleine Land wurde dadurch «seinem Namen gerecht», so der «Guardian». El Salvador heisst übersetzt «der Erlöser».

«Gerechter unter den Völkern»

Nach dem Krieg führte José Castellanos ein zurückgezogenes Leben, er starb 1977 mit 86 Jahren. Bis heute war seine Geschichte in der breiten Öffentlichkeit praktisch unbekannt. Ein Dokumentarfilm mit dem Titel «The Glass House» bringt sie nun ans Licht. Der Titel bezieht sich auf eine ehemalige Glasfabrik in Budapest, in der Carl Lutz die Papiere den Juden übergab. Auch die salvadorianische Regierung ist aktiv geworden. Sie ersucht die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vasehm in Jerusalem, dem Diplomaten den Titel eines «Gerechten unter den Völkern» zu verleihen.

Diese Auszeichnung ist nichtjüdischen Persönlichkeiten vorbehalten, die im Zweiten Weltkrieg an der Rettung von Juden beteiligt waren. Der Schweizer Carl Lutz erhielt sie bereits 1965. Er war nach dem Krieg wegen «Kompetenzüberschreitung» gerügt worden und in Vergessenheit geraten. Erst lange nach seinem Tod 1975 fand die offizielle Schweiz lobende Worte für ihn.

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