Staatsmänner unterwegs: Diplomatisches Wettrennen nach Tripolis
Aktualisiert

Staatsmänner unterwegsDiplomatisches Wettrennen nach Tripolis

Erst meldete sich Erdogan an. Jetzt sind Cameron und Sarkozy ihm zuvorgekommen. Drei Staatsmänner reisen gleichzeitig nach Libyen. Es geht um Prestige – und ums Geld.

von
pbl
David Cameron und Nicolas Sarkozy - zwei «Waffenbrüder» auf Libyen-Mission.

David Cameron und Nicolas Sarkozy - zwei «Waffenbrüder» auf Libyen-Mission.

Das ging aber schnell: Am Mittwochabend verbreiteten französische Medien erste Meldungen über den geplanten Trip. Keine 24 Stunden später war es so weit – der britische Premierminister David Cameron und der französische Präsident Nicolas Sarkozy trafen am Donnerstag zu ihrem ersten Besuch bei den Rebellen in Libyen ein. Dies bestätigten Sprecher der britischen und der französischen Regierung. Sarkozys Maschine landete am Vormittag auf dem Militärflughafen Mitiga in der Nähe der Hauptstadt Tripolis.

Sarkzoy und Cameron sind die ersten westlichen Regierungschefs, die nach dem Sturz von Muammar Gaddafi das nordafrikanische Land besuchen. Zur gleichen Zeit befindet sich der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf einer umjubelten Reise durch jene arabischen Länder, die ihre autoritären Staatschefs gestürzt haben. Nach Aufenthalten in Ägypten und Tunesien wollte er nach Libyen weiterreisen. Sein Besuch war ebenfalls für Donnerstag geplant. Nun ist Erdogan laut Medienberichten auf den Freitag ausgewichen.

Türkei hielt sich abseits

Drei Staatsmänner liefern sich einen Wettlauf in ein Land, das noch keineswegs stabilisiert ist, in dem weiter gekämpft wird, dessen gestürzter Diktator nicht gefasst wurde – man könnte von kindischem Imponiergehabe sprechen. Zumal vor allem Sarkozy und Erdogan bekannt sind für ihre nicht gerade unterentwickelten Egos. Doch das spielt höchstens vordergründig eine Rolle. Es geht um handfeste Interessen – und ums Prestige.

Nicolas Sarkozy hatte als erster den libyschen Übergangsrat diplomatisch anerkannt und sich früh für den Nato-Militäreinsatz stark gemacht. Frankreich und Grossbritannien haben ihn vorangetrieben und sich in grossem Umfang beteiligt. Frankreich versorgte zudem die Rebellen zeitweise aus der Luft mit Waffen. Das Nato-Mitglied Türkei dagegen blieb skeptisch und machte bei den Luftangriffen nicht mit. Für Sarkozy und Cameron muss es unerträglich sein, dass Tayyip Erdogan ihnen nun die Show stehlen wollte.

Lukrative Aufträge

Doch es geht auch ums Geld: Franzosen und Briten wollen mit der neuen Führung ins (Öl-)Geschäft kommen. Diese hat klargemacht, dass sie bei der Vergabe von Aufträgen für den Wiederaufbau vor allem jene Länder berücksichtigen will, die sie im Krieg gegen Gaddafi unterstützt haben. Doch auch die Türkei verfolgt ihre Interessen, türkische Baufirmen hatten zu Zeiten Gaddafis von lukrativen Aufträgen profitiert. Diese will Erdogan, der mit einer grossen Wirtschaftsdelegation unterwegs ist, laut Spiegel Online in die neue Zeit hinüberretten.

Nun haben sich die beiden (West-)Europäer wieder die Pole-Position gesichert. Nach der Visite in Tripolis wollten sie in die Rebellenhochburg Bengasi weiterreisen. Für Sarkozy hat der Auftritt in Libyen einen angenehmen Nebeneffekt, wie französische Medien schreiben. Sieben Monate vor den Präsidentschaftswahlen dürfte er die am gleichen Tag stattfindende erste Fernsehdebatte der sozialistischen Spitzenkandidaten in den Schatten stellen. (pbl/sda/dapd)

Deine Meinung