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Dirie: «Du zahlst meinen Drink und ich schlafe mit dir»

Noch letzte Woche galt die Aufmerksamkeit der Medien ganz dem vernichtenden Bericht der UNO-Sonderbotschafterin Waris Dirie über ihren «belgischen Albtraum». Doch nun meldet sich der Taxifahrer zu Wort – und seine Version tönt ganz anders.

Waris Dirie war vor knapp zwei Wochen drei Tage spurlos verschwunden. Als sie wieder auftauchte, erhob sie schwere Anschuldigungen gegen die Brüsseler Polizei und einen Taxifahrer. Dieser soll sie an einen Stuhl gebunden und vergewaltigt haben.

Nun hat die belgische Zeitung «De Morgen» den Taxifahrer C. gefunden – und er erzählte seine Version des Zusammentreffens mit Dirie: «Diese Frau winkte mir beim Jacqmainlaan, einem Treffpunkt für Transvestiten, zu: 'Taxi, Taxi'. Es war nach Mitternacht, zwei Uhr, vielleicht drei. Sicher ist, dass sie sturzbetrunken war.»

C. wisse nicht, wie Dirie bis zum Jacqmainlaan gekommen war. Sie stieg in sein Taxi und er fuhr los. Dirie konnte kein Französich, C.s Englisch «ist nicht das beste». Als sie beim Brouckèreplein vorbeifahren, fordert Dirie ihn zum Anhalten auf. Sie wolle sich in einem Nachtlokal einen Drink besorgen. «Sie stieg aus, ich liess die Uhr laufen. Ich musste lange warten». Dirie sei mit zwei Halbliter-Bierbüchsen gekommen. Da sie kein Geld hatte, bot sie ihm an: «Du zahlst für meinen Drink und ich schlafe mit dir». C. bezahlte ihren Drink. Im Interview gibt er zu, mit dem Gedanken gespielt zu haben, mit Dirie Sex zu haben: «Das werde ich nicht leugnen, ich bin seit einigen Monaten Single, ich bin niemandem Rechenschaft schuldig».

Die Taxifahrt durch Brüssel geht weiter. Nach wenigen Minuten ist die erste Bierdose leer. Dirie öffnet die zweite und stellt sie auf das Armaturenbrett. C. findet das keine gute Idee, doch bevor er etwas sagen kann, fällt die Büchse um und das Armaturenbrett ist voller Bier. C. ist genervt. Er will Dirie los werden. Doch bald schreit sie wieder «Stop, nightshop, nightshop» und will für mehr Alkohol wieder anhalten.

Jetzt ist sie das Problem des Inders

Bei Chalimar hält er an. Dirie läuft in eine Bar und verlangt nach Bier. Dem Barman, Fernandez, einem Inder, bietet sie sich an. Sie werde «lieb sein» zu ihm, wenn er ihr zwei Carlsberg gebe. Doch Fernandez geht auf ihr Angebot nicht ein, er mache keine solchen Geschäfte.

C. lässt Dirie in der Bar. «Jetzt ist es das Problem des Inders», denkt er und fährt mit seinem Taxi in die Zentrale, seine Schicht war vorbei. Mit seinem Privatauto will C. nach Hause fahren. Auf dem Weg fährt er wieder bei Chalimer vorbei. «Und wen sehe ich an einer Ecke stehen? Die Schwarze.», erzählt er.

Die Nachtbar ist inzwischen geschlossen und C. hält an. Dirie klammert sich ans Auto und ruft «Oh, my darling.» C. nimmt sie mit. «Ich will ins Bett», soll Dirie immer gesagt haben. «Sie wollte bei mir schlafen», doch C. hat Angst. «Das ist jemand aus Afrika, die hat sicher HIV», denkt er, während er mit Dirie zu sich fährt.

Dirie habe während der Fahrt ihren Kopf auf seine Schulter gelegt. «Sie streichelte meine Eier», erzählt er dem Reporter vom «De Morgen».

«Ich habe keinen Stuhl»

C. hat keine Angst vor Diries Beschuldigungen. «Ein DNA-Test wird es beweisen», sagt er. Doch der ultimative Beweis steht bei ihm, beziehungsweise steht nicht, in der Wohnung, nämlich der Stuhl, an den er Dirie angeblich gefesselt hat. «Ich habe gar keinen Stuhl. In meinem Chalet», so nennt C. seinen Trailer ausserhalb Brüssel, «habe ich nur ein Bett, einen Fernseher und einen Tisch. Mehr brauche ich nicht.» Das werde seine Unschuld beweisen: «Was nicht ist, kann nicht bewiesen werden», ist C.s Theorie.

Leidenschaftliche Nacht mit Dirie?

Auf die Frage des Journalisten, was dann passiert sei, gibt C. folgende Antwort: «Sie hat alle ihre Kleider ausgezogen und hat sich dann auf mich gelegt. Ich habe sie weggestossen, bis sie eingeschlafen ist. Ich habe sie nicht angefasst.»

Nach dem Mittag ist Dirie wieder wach. Als erstes fragt sie: «Wo bin ich?». C. will sie wieder nach Brüssel fahren. Doch während sie an der UNO-Konferenz zur Rede mit Condoleezza Rice erwartet wird, ist Dirie «ein Wrack», versteckt ihren Kopf unter dem Kissen, will nicht aufstehen. Endlich kann er sie dazu überreden und zwingt sie in sein Auto zu steigen.

Er fährt in Richtung Stadt und bei einer Tankstelle an der Claessensstraat setzt er sie aus. «Und da endet meine Geschichte, am Mittwochmittag.»

Dirie sei aber am Freitagabend wieder aufgetaucht, hält der Reporter C. entgegen. «Tja, dann hat sie eine gute Seele gefunden, die sich um sie kümmerte.» C. habe nicht gewusst, wer Dirie ist, er lese keine Zeitungen.

Der Polizei wollte sich C. anfänglich nicht stellen: «Ich traue den Bullen nicht. Ausserdem sollen sie in der Lage sein, alleine den 'gesuchten Taxifahrer' zu finden», sagt er. «Für die Ehre Belgiens.»

Inzwischen stellte sich C. am Dienstag den Behörden. Er wolle Diries Anschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen, erklärte er den Medien und verlange eine Gegenüberstellung: «Ich habe zu Protokoll gegeben, dass ich mit der Person konfrontiert werden möchte – je schneller, desto besser.»

Doch eins ist C. sich sicher: «Das war das letzte Mal, das allerletzte Mal, dass ich versucht habe, ein Gentleman zu sein.»

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