Kritik an Rotlicht-Politik: Dirnen werden verdrängt und kriminalisiert
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Kritik an Rotlicht-PolitikDirnen werden verdrängt und kriminalisiert

Der Zürcher Strichplatz und Polizeirepression verschlechtern die Arbeitsbedingungen der Prostituierten massiv, sagen mehrere Fachstellen. Sie fordern einen legalen Strassenstrich.

von
lüs

Vor eineinhalb Monaten wurde der neue Strichplatz in Zürich eröffnet. Die Situation der Prostituierten habe sich aber nicht verbessert, berichten mehrere Fachstellen. Im Gegenteil: Die Arbeitsbedingungen haben sich gemäss Zürcher Stadtmission, Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration und Heilsarmee verschlechtert. Die Frauen würden kriminalisiert, diskriminiert und in die Illegalität gedrängt.

Die Massnahmen, welche die Stadt im Rahmen der neuen Prostitutionsgewerbeverordnung umsetze, seien hauptsächlich repressiver Natur: Sie verhinderten den Menschenhandel nicht und erschwerten den Zugang der Frauen zu niederschwelliger Unterstützung.

«Geschäft ist angespannter und hektischer»

Wegen der Schliessung des Sihlquais fehle im traditionellen Rotlichtgebiet der Stadt ein legaler, für Fussgänger und Autofahrer zugänglicher Strassenstrich. Der Strichplatz sei keine Alternative, sondern lediglich ein neues Angebot im Sexmarkt für eine kleine Anzahl Frauen. Die wenigsten Prostituierten, die am Sihlquai angeschafft hätten, seien auf dem Strichplatz anzutreffen.

Zudem hätten die Polizeikontrollen besonders im Langstrassenquartier zugenommen, die Frauen seien eingeschüchtert und mit unverhältnismässig hohen Bussen konfrontiert. «Das Geschäft ist angespannter und hektischer, was sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit auswirkt», teilen die Fachstellen mit.

«Viele Frauen stehen vor dem Nichts»

Auch das neue Bewilligungsverfahren, das sämtliche Sexsalons in Zürich neu durchlaufen müssen, behindere das legale Arbeiten: «Das ist eine diskriminierende Ungleichbehandlung gegenüber anderen Gewerben.» Wer bisher selbstbestimmt und ohne Anwohner zu stören in kleinen Salons gearbeitet habe, scheitere an den hohen bürokratischen Hürden.

Wie gut läuft der Strichplatz wirklich? (Video: Keystone)

Um die Hürden der komplizierten Bewilligungsverfahren zu bewältigen, würden Prostituierte in die Abhängigkeit von Dritten geraten. In der prekären Situation, in der sich viele Frauen befänden, gebe es kaum berufliche Alternativen: «Viele Frauen stehen vor dem Nichts.»

Der wachsende Druck führe zudem dazu, dass die Frauen für Anlauf-, Beratungs- und Präventionsstellen schlechter erreichbar geworden seien. Dies wirke sich für die Opfer von Menschenhandel verheerend aus: Durch die Verlagerung in die unsichtbare Prostitution und das wachsende Misstrauen der betroffenen Frauen werde der Zugang zu ihnen schwieriger.

Legaler Strassenstrich für Langstrassenquartier

Die Fachstellen stellen mehrere Forderungen, um die Situation der Prostituierten wieder zu verbessern: So müsse die Verhältnismässigkeit der Polizeirepression und der Sanktionen gegen die Frauen überprüft werden. Ein Strassenabschnitt im Langstrassenquartier soll zu einem legalen Strassenstrich gemacht werden, mit der Möglichkeit zur Fensterprostitution.

Weil die Stadt Salons schliesse, müsse sie Stadtwohnungen für Kleinsalons zur Verfügung stellen oder alternative Arbeitsmöglichkeiten für ehemalige Sexarbeiterinnen schaffen. Zudem fordern die Fachstellen eine Vereinfachung des Bewilligungsverfahrens für kleine Salons.

Stadt Zürich zieht Bilanz: Nur noch halb so viele Prostituierte

Die Stadt Zürich hat derweil ein erstes Fazit gezogen: Die Verantwortlichen sind mit dem Betrieb zufrieden - obwohl der Platz sowohl von Freiern als auch von Prostituierten noch nicht sehr intensiv genutzt wird. Es brauche eine gewisse Zeit, bis sich Veränderungen einspielen würden, schreibt die Stadt in einer Mitteilung vom Dienstag. Die Verantwortlichen rechnen damit, dass sich der Strichplatz erst nach etwa einem halben Jahr voll etabliert haben wird.

Der Strassenstrich am Sihlquai konnte problemlos aufgehoben werden. Eine Verlagerung der Strassenprostitution an andere Orte in der Stadt Zürich oder gar in andere Regionen der Schweiz habe nicht beobachtet werden können.

Wie viele Besucher der Strichplatz bereits hatte, kann die Stadt nicht sagen. Die Autos, die über den Platz fahren, und die Boxenbesuche würden nicht gezählt. Sie schätzt aber, dass pro Abend 50 bis 100 Fahrzeuge über den Rundkurs in Altstetten fahren - je nach Wochentag und Wetter.

Eine grosse Veränderung gab es hingegen bei den Prostituierten: Pro Abend arbeiten im Durchschnitt nur noch 14 Frauen auf dem Strichplatz. Am Sihlquai waren es häufig mehr als doppelt so viele. Wo die Frauen hin sind, ist unbekannt. (lüs/sda)

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