Rassismus-Expertin zum «Traumschiff» – «Koloniale Denkmuster sind nach wie vor allgegenwärtig»
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Rassismus-Expertin zum «Traumschiff»«Koloniale Denkmuster sind nach wie vor allgegenwärtig»

Das «Traumschiff»-Publikum ist empört von der jüngsten Episode: Man wirft den Verantwortlichen Rassismus vor. Die Expertin Dina Wyler ordnet die Problematik ein.

von
Angela Hess

Ein Ausschnitt aus «Das Traumschiff» zeigt die von Dina Wyler im Interview thematisierte stereotypisierende Darstellung.

ZDF

Darum gehts

  • Die Neujahrsfolge von «Das Traumschiff» sorgt aktuell beim Publikum für Kritik.

  • Zuschauerinnen und Zuschauer werfen dem ZDF vor, mit der Episode, die in Namibia spielt, rassistische Stereotypen zu untermauern.

  • Bislang haben sich der Sender und das Produktionsteam der Kultserie noch nicht zu den Vorwürfen geäussert.

  • Dina Wyler, Geschäftsleiterin der Zürcher Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, ordnet die Kritik zur jüngsten «Traumschiff»-Episode ein.

Idyllische Stunden auf dem Meer, ganz viel Liebesglück und ein bisschen Abenteuer: Dafür steht «Das Traumschiff» vom deutschen Sender ZDF eigentlich. Erneut sorgt eine Episode der langjährigen Serie jedoch nicht für einen entspannten TV-Abend, sondern für heftige Kritik. Zuschauerinnen und Zuschauer empören sich aktuell auf Social Media über die am Samstag ausgestrahlte «Traumschiff»-Folge, die in Namibia spielt.

Durch mehrere Szenen würden rassistische Stereotypen bedient, heisst es in vielen Posts auf Twitter. Und nicht wenige Leute fragen sich: Wie kann es sein, dass solche Inhalte 2022 noch ausgestrahlt werden? Dina Wyler, Geschäftsleiterin der Zürcher Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, erklärt die Problematik und zeigt auf, wo in derartigen Debatten auch Chancen liegen.

Frau Wyler, können Sie die Kritik an der «Traumschiff»-Folge nachvollziehen?

Man erkennt klar, dass an einigen Stellen bestimmte Stereotypen bedient werden. Gerade die Szene, in der der Generator repariert wird: Das ist ein klassisches Beispiel für die stereotypische Gegenüberstellung zwischen dem angeblich ungebildeten Mann aus der fremden Kultur und dem weissen Mann, dessen Hilfe er zu benötigen scheint.

Wie kann es denn sein, dass so etwas überhaupt noch passiert?

Unsere Gesellschaft ist voll mit Stereotypen, deshalb stehen wir ganz klar noch am Anfang dieser Debatte. Koloniale Denkmuster sind nach wie vor allgegenwärtig. Es wird Zeit brauchen, diese abzubauen.

Auf Social Media fordern einige Zuschauerinnen und Zuschauer, dass die Serie abgesetzt wird. Was halten Sie davon?

Nein, ein Boykott ist nicht sinnvoll. Man sollte es positiv sehen, dass durch die Kritik an der Folge ein Diskurs entstanden ist. Denn derartige öffentliche Konversationen fördern die Sensibilität für das Thema Rassismus und helfen dabei, Stereotypen erkennbar zu machen und sie zu brechen. Diskussionen um Inhalte wie «Das Traumschiff» können somit als Chance gesehen werden, da sie das Hinterfragen der eigenen Denkweise anregen.

Was zeichnet eine respektvolle mediale Repräsentation von People of Color aus?

Disney hat beispielsweise kürzlich eine schwarze Schauspielerin für die Rolle von Arielle die Meerjungfrau gecastet und damit für Irritation bei einigen Kinobesuchern gesorgt, da wir einfach gewöhnt sind, bei bestimmten Rollen weisse Schauspielerinnen zu sehen. Wichtig in dieser Debatte ist, dass aber nicht nur hinterfragt wird, wer welche Rollen erhält, sondern eben auch wie diese Menschen dargestellt werden, und ob damit bestehende Vorurteile reproduziert werden. Eine Regisseurin oder ein Regisseur oder ein Drehbuchautor oder eine Drehbuchautorin sollte diese Fragen immer im Hinterkopf haben bei der Arbeit.

Wo sehen Sie ein positives Beispiel der Repräsentation?

«Black Panther» ist ein sehr gutes Beispiel, da mit bestehenden Stereotypen des armen, hilfsbedürftigen Afrikas gebrochen wird und die schwarzen Hauptdarsteller wichtige Identifikationsfiguren sind für ein diverseres Publikum.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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