Australiens Migrationspolitik – «Djokovic ist draussen, jetzt lasst die Flüchtlinge gehen»
Publiziert

Australiens Migrationspolitik«Djokovic ist draussen, jetzt lasst die Flüchtlinge gehen»

Der Fall Djokovic entlarvt Australiens grausame Grenzpolitik. Fussball-Legende und Menschenrechtsaktivist Craig Foster sieht darin die Chance, eine Veränderung anzustossen.

von
Silvan Haenni
1 / 11
Fussball-Legende und Aktivist: Der Australier Craig Foster.

Fussball-Legende und Aktivist: Der Australier Craig Foster.

imago images/AAP
Foster setzt sich an allen Ecken und Enden für Menschenrechte ein. In Australien kämpft er unter anderem mit seiner Initiative «Game Over» für bessere Bedingungen für Flüchtlinge.

Foster setzt sich an allen Ecken und Enden für Menschenrechte ein. In Australien kämpft er unter anderem mit seiner Initiative «Game Over» für bessere Bedingungen für Flüchtlinge.

imago images/AAP
Foster fordert: «Djokovic ist draussen, jetzt lasst die Flüchtlinge gehen.»

Foster fordert: «Djokovic ist draussen, jetzt lasst die Flüchtlinge gehen.»

imago images/AAP

Darum gehts

  • Der Fall Djokovic gibt Einblick in Australiens Migrationspolitik.

  • Tausende Menschen werden in Zentren und Hotels unbefristet festgehalten.

  • Menschenrechtsaktivist Craig Foster kämpft schon länger gegen die Praktik.

  • Der Ex-Fussballer klagt an: «Es ist eine Profitmacherei mit falschen Anreizen.»

Inhaftierungen, Schikane, Ungewissheit: Was Tennis-Star Novak Djokovic vergangene Woche bei seiner Einreise in Melbourne erlebte, ist in Australien die traurige Realität unzähliger Migrantinnen und Migranten. Nur haben diese meist nicht die Mittel, um ein Heer von teuren Anwälten einzusetzen. Oder den Druck der globalen Öffentlichkeit, die den Fall diskutiert. «Viele machen das, was Djokovic für ein paar Tage aushalten musste, mehrere Jahre durch», sagt der ehemalige australische Fussballer und Menschenrechts-Advokat Craig Foster im Gespräch mit 20 Minuten.

«Djokovic ist nur bedingt eine Corona-Story», stellt Foster klar. Der Fall der Tennis-Weltnummer 1 sei viel mehr die Geschichte der grausamen australischen Grenzpolitik. Der 52-Jährige fände es zwar widerlich, wie die Familie Djokovic mit ihrer Impfskepsis zumindest indirekt gegen die Herdenimmunität weible. «Dennoch sollte jeder das Recht haben, dass man einen Antrag auf eine Ausnahme rechtmässig und unwillkürlich behandelt», so Foster.

Tausende Schicksale

Willkürlich schien die Abhandlung des Falls Djokovic Down Under allemal. Zunächst wurde dem Serben ein Visum ausgestellt, dann wieder entzogen. Und schliesslich, nach eingelegter Berufung seiner Anwälte, durfte Djokovic dennoch einreisen. Foster: «In Australien ist das Recht so ausgelegt, dass die Nationalregierung die Bundesstaaten in Migrationsfragen jederzeit überstimmen darf.» Dabei würden Betroffene immer wieder zu politischen Spielbällen, die in einen oft perspektivlosen Schwebezustand gezwungen werden.

Dass Djokovic, wenn auch nur kurz, ausgerechnet in einem der berüchtigten Hotels für Ausreisepflichtige festgehalten wurde, macht ihn zu einem von vielen Beispielen, die trotz allem noch relatives Glück hatten. Denn Tausende von Asylsuchenden sitzen in sogenannten «Offshore»-Internierungslagern, also australischen Flüchtlingscamps auf umliegenden Inseln wie Papua-Neuguinea oder Nauru, fest. «In einem privatisierten System werden Menschen über Jahre hinweg bei schlimmsten Bedingungen bis zum Zusammenbruch oder gar Tod eingesperrt», so Foster.

Privatisierte Fremdenfeindlichkeit

Ein privatisiertes System? Die oft unbefristete Abschiebungshaft wird von einem höchst rentablen Ökosystem von privaten Firmen organisiert. In den letzten Jahren wurden fast acht Milliarden Franken in den Apparat gesteckt. Foster: «Die Migrationspolitik mündete in einer extremen Profitmacherei mit falschen Anreizen.» So würden die Unternehmen desto mehr Geld machen, je schlechter sie sich um die Insassen kümmern. «In den Lagern und Hotels mangelt es teilweise an der grundlegendsten medizinischen Versorgung», klagt der ehemalige Mittelfeldspieler an.

Dass es in der Migrations-Nation trotz der immensen Ausgaben von Steuergeldern keinen öffentlichen Aufschrei gibt, liege an der systematisch kultivierten Fremdenfeindlichkeit. Foster erklärt: «Seit Jahrzehnten verwenden australische Politiker Fremdenfeindlichkeit und damit verbunden Grenzkontrollen als politischen Hebel.» Heuer sei die Migrationspolitik, und speziell der populäre Fall Djokovic, ein willkommenes Mittel für die amtierende Regierung um Premierminister Scott Morrison (53), von ihrem breit kritisierten Umgang mit der Corona-Krise abzulenken. Im April stehen nationale Wahlen an: «Morrison brauchte einen schnellen Erfolg», so Foster.

Hoffnung auf Tennis-Community

Ob die restriktive Migrationspolitik unmittelbar vor den Wahlen der angezählten Regierung aus der Patsche hilft, bleibt zu bezweifeln. Zumal durch den Fall Djokovic nun die ganze Welt Einblick in das, was Foster als «zynisches System» bezeichnet, erhalten hat. Er selbst hoffe, dass die globale Aufmerksamkeit den Druck auf die umstrittene Praktik erhöht. In einem am Montag publizierten Manifest fordert Foster Djokovic auf, er solle die kurze Verweigerung seiner Freiheit doch dazu nutzen, sich für diejenigen einzusetzen, denen sein Profil und seine Stimme fehlen. Der Titel der dreiseitigen Schrift: «Djokovic ist draussen. Jetzt lasst die Flüchtlinge gehen.»

Foster habe grosse Hoffnungen in die Tennis- und breitere Sportprominenz, in der Sache Widerstand kundzutun. Die Rolle der WTA im Fall der Chinesin Peng Shuai, der Aktivismus des japanischen Tennis-Stars Naomi Osaka oder auch Lewis Hamiltons Auftritt mit Regenbogen-Helm in Saudi Arabien machten ihm Hoffnung, dass die Sportwelt ihre öffentliche Verantwortung immer mehr wahrnehmen würde. Der 29-fache australische Nationalspieler: «Vielleicht wird 2022 ja das Jahr, in dem das Protest-Potenzial des Sports endlich genutzt wird.» Der Teppich dazu ist jedenfalls schon früher ausgerollt, als man hätte annehmen können.

Wer ist Craig Foster?

Craig Foster ist eine der bekanntesten Fussball-Persönlichkeiten Australiens. Als aktiver Profi spielte er unter anderem für die englischen Teams Portsmouth und Crystal Palace. Für die australische Nationalmannschaft lief der Mittelfeldspieler 29 Mal auf, einmal davon als Kapitän. Nach seinem Karriereende 2003 schloss sich der heute 52-Jährige dem TV-Sender Special Broadcasting Services (SBS) an, wo er als Fussball-Experte zum preisgekrönten Sinnbild der australischen Fussball-Berichterstattung avancierte.

Seit jeher ist Foster ein leidenschaftlicher Verfechter des Multikulturalismus, der Gleichberechtigung und der sozialen Verantwortung des Sports. Er engagiert sich für mehrere nationale und internationale Menschrechtsinitiativen. Eine davon ist die «Game Over»-Kampagne von Amnesty International Australia, die sich gegen die australische Übersee-Haft von Flüchtlingen auflehnt. Foster gehört zu den lautesten Kritikern der Migrationspolitik in Down Under.

Tumult um Djokovic stösst bei der Community auf Unverständnis.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

66 Kommentare