Aktualisiert 14.11.2011 15:21

Tatwaffe gefundenDöner-Mordserie bald aufgeklärt?

Zwischen der Tötung einer Heilbronner Polizistin und den sogenannten Döner-Morden besteht offenbar ein Zusammenhang. Die mutmasslichen Täter sollen einer rechtsextremistischen Gruppierung entspringen.

Polizisten untersuchen am 09.11. vor einem explodierten Haus in Zwickau die Trümmer auf Spuren. Zuvor hatten die Beamte eine Waffe gefunden, die im Zusammenhang mit dem Mord an einer Polizistin steht.

Polizisten untersuchen am 09.11. vor einem explodierten Haus in Zwickau die Trümmer auf Spuren. Zuvor hatten die Beamte eine Waffe gefunden, die im Zusammenhang mit dem Mord an einer Polizistin steht.

Die deutsche Bundesanwaltschaft und Kriminalpolizei sind offenbar einer bislang beispiellosen Mordserie mit rechtsextremem Hintergrund auf der Spur: Nach Einschätzung von Ermittlern gehen sowohl die Tötung der 22-jährigen Polizistin Michèle K. in Heilbronn im April 2007 als auch die sogenannten Döner-Morde, denen in den Jahren 2000 bis 2006 bundesweit acht Türken und ein Grieche zum Opfer gefallen waren, auf das Konto einer rechtsextremistischen Gruppierung. Die Bundesanwaltschaft übernahm am Freitag die Ermittlungen zu den zehn Morden.

Auf den überraschenden Zusammenhang zwischen dem gewaltsamen Tod der Polizistin und der Mordserie an ausländischen Geschäftsleuten stiessen die Ermittler bei der Durchsuchung einer Zwickauer Wohnung. Dort fanden Beamte die Pistole der tschechischen Marke Ceska, Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter, mit der die neun Männer erschossen worden waren.

In der Wohnung hatten die beiden Männer gelebt, deren Leichen vor einer Woche in einem ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach gefunden worden waren. Die 34- und 38-Jährigen sollen zuvor eine Bank in Eisenach überfallen haben. Laut Polizei begingen sie Suizid. In dem Wohnmobil lagen auch die Dienstwaffen der getöteten Heilbronner Polizistin und ihres schwer verletzten Kollegen. In Zwickau wurde ebenfalls am 4. November bei einer Detonation das Haus zerstört, in dem die beiden Männer mit der 36 Jahre alten Beate Z. gelebt hatten. Die Frau soll die Explosion ausgelöst haben.

Rechtsextremistische Motivation

Nach den bisherigen Erkenntnissen verfügten die gestorbenen Männer und Beate Z. bereits Ende der 1990er Jahre über Verbindungen zu rechtsextremistischen Kreisen. In ihrer Wohnung wurde laut Bundesanwaltschaft auch Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet.

Gegen Beate Z., die in Untersuchungshaft sitzt, besteht der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie schwerer Brandstiftung. Die Ermittler prüfen auch eine mögliche Verstrickung weiterer Rechtsextremisten in die Taten. Mit den polizeilichen Ermittlungen beauftragte die Bundesanwaltschaft das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen.

Das Trio, das mit den Morden in Verbindung gebracht wird, gehörte zum rechtsextremen «Thüringer Heimatschutz» (THS). Die Gruppe tauchte nach Angaben des thüringischen Innenministeriums 1998 unter, nachdem in Jena ihre Bombenwerkstatt ausgehoben worden war.

«Neue Dimension der Brutalität von Neonazis»

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, sollte sich der Verdacht auf rechtsextremistische Motive für die grausamen Morde bestätigen, wäre dies aus seiner Sicht eine neue Dimension in der Brutalität von Neonazis. Diese Hintergründe müssten so schnell wie möglich und restlos aufgeklärt werden.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigte sich über die jüngsten Ermittlungsergebnisse schockiert. Wenn die Hinweise aus Eisenach und Zwickau zuträfen, habe «in Deutschland erstmals eine rechtsextremistische Terrorzelle eine entsetzliche Blutspur hinterlassen», kommentierte der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dapd die «überraschende Entwicklung». Der GdP-Chef sagte, bei dem Gedanken, dass offenbar Terroristen mit Verbindung in rechtsextreme Kreise zehn Menschen kaltblütig umgebracht haben könnten, «stockt einem der Atem».

Die Bundesanwaltschaft wollte am Freitag keine Einschätzung dazu abgeben, ob man nach den neuen Erkenntnissen von organisierten rechtsterroristischen Vereinigungen in Deutschland ausgehen müsse. Ein Sprecher der Behörde betonte, dass es sich momentan um den Anfangsverdacht einer rechtsterroristischen Vereinigung handle. Der Haftbefehl gegen die Beschuldigte Beate Z. sei aber bisher noch nicht erweitert worden. Erst wenn sich der Verdacht erhärte, dass es eine Terrorzelle gegeben habe und Beate Z. an den Morden und Mordversuchen beteiligt gewesen sei, würde die Beschuldigte in Karlsruhe dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt werden müssen.

Entsetzen und Erleichterung

In Nürnberg, wo drei Männer der Döner-Mordserie zum Opfer gefallen waren, zeigte sich die Polizei entsetzt und zugleich erleichtert über die neuen Ermittlungsergebnisse. «Jeder von uns war elektrisiert, als wir erfuhren, dass die gesuchte Tatwaffe gefunden worden ist», sagte die Leiterin der Polizeipressestelle, Elke Schönwald. Die Ermittler hätten befürchtet, dass der Killer noch einmal zuschlagen könnte. Die Kollegen hätten jahrelang intensiv an der Aufklärung der mysteriösen Mordserie gearbeitet und seien deshalb erleichtert, dass sie möglicherweise vor der Aufklärung stehe. Gleichzeitig seien sie aber entsetzt darüber, dass andere Bluttaten damit in Verbindung stünden.

Erstes Opfer der mysteriösen Morde war im September 2000 ein türkischer Blumenhändler aus dem hessischen Schlüchtern, der an seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg erschossen wurde. 2001 ereignete sich der nächste Anschlag in Nürnberg. Noch im selben Jahr folgten Morde in Hamburg und München. 2004 war Rostock Tatort. Später ereigneten sich Taten in München, Dortmund und Kassel.

(dapd)

Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen des Mordanschlags auf zwei Polizisten in Heilbronn sowie bei der sogenannten Döner-Mordserie übernommen. Das teilte die Bundesanwaltschaft am Freitag in Karlsruhe mit. Es lägen ausreichende Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind. Bei den Döner-Morden waren in den vergangenen Jahren bundesweit acht Männer getötet worden.

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