Aktualisiert 25.10.2013 12:15

Angst in der BevölkerungDörfer nehmen Sicherheit in eigene Hände

Einbruchswellen und schwindende Polizeipräsenz verunsichern die ländliche Bevölkerung. In vielen Gemeinden sorgen deshalb Bürgerwehren und private Firmen für Sicherheit.

von
Hannes von Wyl

«Die Polizei ist mit der Kriminalität überfordert», sagt der ehemalige Aargauer Grossrat René Kunz (SD). «Die Leute haben Angst, abends auf die Strasse zu gehen.» In der Gemeinde Reinach fordert der rechte Politiker daher die Bildung einer Bürgerwehr. Das will er mit einer Petition erreichen, für die Kunz bisher 250 Unterschriften gesammelt hat.

Auch im Kanton St. Gallen steht die Forderung nach einer Bürgerwehr im Raum. «Wenn die Regierung nicht mehr Polizisten zur Verbrechensbekämpfung abstellt, werden wir die Bürgerinnen und Bürger dazu aufrufen, selber für ihre Sicherheit zu sorgen», sagt Mike Egger, Präsident der Jungen SVP St. Gallen.

Bürgerwehren auf Verbrecherjagd

Umgesetzt hat dies 2012 eine Gruppe von verärgerten Bürgern in Eggersriet SG und Wienacht AR. Sie verfolgten im Mai Asylbewerber wegen Vandalismus und Drogenhandel auf Schritt und Tritt. Das fehlbare Verhalten der Bewohner des Asylzentrums Landegg wurde dokumentiert und der Polizei gemeldet.

In der Drei-Täler-Region im Nordtessin bildete sich November eine Bürgerwehr nach einer Einbruchsserie im 500-Seelen-Dorf Iragna. Freiwillige fotografierten verdächtige Autoschilder und überwachten Strassen und Häuser. Auch in Ebikon LU gingen Einwohner in den Herbst- und Wintermonaten auf Verbrecherjagd – und stellten einen Einbrecher. Im Zürcher Oberland ging ein Patrouillendienst gegen Einbrecher vor, in Genf machten Anwohner gar Jagd auf Trickbetrüger, worauf es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam.

Auch dieses Jahr sorgen wieder Bürger für ihre Sicherheit. Ab Anfang November streifen in der Baselbieter Gemeinde Giebenach jeden Abend Einwohner in Zweierteams durch die Quartiere und halten nach Verdächtigem Ausschau. Dies soll Einbrecher abschrecken, die im Kanton Basel-Landschaft in den letzten Jahren besonders aktiv waren.

«Es muss klar sein, dass in Giebenach immer jemand ein wachsames Auge auf die Einwohner hat.» Bewaffnet seien die Freiwilligen aber nicht. «Das führt nur zu Eskalationen.» Damit hat der ehemalige Gemeinderat schon seine Erfahrungen gemacht. 2009 wurden er und andere Mitglieder einer Bürgerwehr in Birsfelden BL bei einer Patrouille von vermummten Jugendlichen angepöbelt. Die Bürgerwehr in Birsfelden wurde daraufhin aufgelöst.

«Polizeipräsenz in Dörfern hat abgenommen»

«Die Anzahl der Freiwilligen und die Rückmeldungen aus der Bevölkerung zeigen, dass ein Sicherheitsbedürfnis besteht», sagt der Juwelier Claude Zufferey, der den Bewachungstrupp Giebenach dieses Jahr nach einer zweijährigen Pause wieder reaktiviert hat. Dieses basiere auch auf der abnehmenden Polizeipräsenz in den Dörfern. «Die Bevölkerung spürt das.»

Auch Silvan Frischknecht, Leiter des Amtes für Sicherheit in der Thurgauer Gemeinde Weinfelden stellt fest, dass die Polizei im Dorf weniger sichtbar sei. «Das liegt an der Umstrukturierung der Einsatzkräfte in Regionalkorps, die weniger vor Ort operieren und vermehrt auf Patrouille sind.» Es gäbe aber Orte, wo es die Bevölkerung schätze, wenn uniformierte Personen sichtbar seien, sagt Frischknecht. «Die Gewissheit, dass in der Nacht Sicherheitspersonal unterwegs ist, gibt den Bürgern ein Sicherheitsgefühl.»

Auch Securitas und Zivilschutz im Einsatz

Der Weinfelder Gemeinderat setzt daher seit einigen Jahren auf einen Ordnungsdienst der Securitas. Im Solothurnischen Hofstetten-Flüh ist ebenfalls eine private Sicherheitsfirma im Einsatz. Das Dorf liegt direkt an der französischen Grenze und sei daher besonders vom Kriminaltourismus betroffen, sagt Donat Fritsch, Vizepräsident des Gemeinderats. «Die Polizei hat keine Chance, die Bevölkerung gänzlich vor der Einbruchskriminalität zu schützen.» Deshalb sei jede Nacht während dem ganzen Jahr eine Schutztruppe mit Hunden unterwegs. Das scheint sich auszuzahlen: «Die Einbrüche haben um rund 80 Prozent abgenommen», sagt Fritsch.

Ein anderes Konzept verfolgen die Aargauer Gemeinden Teufenthal, Gränichen, Oberkulm und Unterkulm. Dort streifen seit einigen Jahren Zivilschützer in Uniform durch die Dörfer. «Wir grenzen uns von Bürgerwehren ab, die auf Einbrecherjagd gehen», sagt der Kommandant der Zivilschutzorganisation Wynental Gregor Müller. Die Freiwilligen arbeiteten eng mit der Polizei zusammen und würden in Schulungen über Rechte und Pflichten aufgeklärt. «Damit können wir die Polizeiarbeit ergänzen und die Sicherheit erhöhen», sagt Müller.

Auch die Feuerwehr wird für Kontrollgänge in Quartieren eingesetzt: In Hirschthal AG patrouillieren zwischen November und März Freiwillige. Ihr Ziel: abschrecken, feststellen, melden. «Das hat sich bewährt», sagt Gemeindeammann Peter Stadler. «1997 hatten wir in dieser Zeit zwölf Einbrüche.» In den nun 15 Jahren, in denen die Feuerwehr im Winter nachts unterwegs sei, hätte es gerade noch zwei oder drei Einbrüche gegeben.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.