Mörgeli unter Beschuss: Doktortitel im Dutzend «verschenkt»
Aktualisiert

Mörgeli unter BeschussDoktortitel im Dutzend «verschenkt»

Neue Vorwürfe gegen Christoph Mörgeli: Der im September entlassene Uni-Professor soll Doktortitel quasi verschenkt haben. Die Doktoranden hätten in ihren Arbeiten nur alte Texte abgeschrieben.

von
hal/jam
Christoph Mörgeli unter Beschuss: Der Uni-Professor soll für praktisch reine Übersetzungen Doktortitel verschenkt haben.

Christoph Mörgeli unter Beschuss: Der Uni-Professor soll für praktisch reine Übersetzungen Doktortitel verschenkt haben.

Im September 2012 entliess die Universität Zürich ihren Professor Christoph Mörgeli. Vorausgegangen war eine öffentliche Schlammschlacht über eine interne Beurteilung, die dem SVP-Nationalrat eine «ungenügende» wissenschaftliche Leistung attestierte. Ungenügend waren offenbar auch mehrere Dissertationen, die Mörgeli und der langjährige Direktor des medizin-historischen Instituts der Uni, Beat Rüttimann, zwischen 1994 und 2012 durchgewunken haben.

«Professor Mörgeli gab mir in seinem Büro einen alten Text aus seinem Archiv mit der Aufforderung, den Text zu übersetzen», sagt ein ehemaliger Doktorand in der «Rundschau» anonym. «Ich musste nur noch einen Übersetzer suchen. Dafür gab es bei Christoph Mörgeli den Doktortitel. Wissenschaftlich musste ich rein gar nichts leisten.»

Über ein Dutzend der rund 60 Dissertationen unter Mörgelis Leitung bestehen laut der SRF-Sendung grösstenteils aus abgeschriebenen Texten. Bei einer der Arbeiten waren von vollen 100 der 120 Seiten unverändert von altem Deutsch in eine moderne Sprache übersetzt worden. Anderen sei nicht einmal ein Literaturverzeichnis beigelegen.

Plagiats-Expertin fordert eine Untersuchung

Plagiats-Expertin Michelle Bergadaa von der Universität Genf hat die Dissertationen begutachtet - sie reagiert ungläubig: «Ich bin schockiert.» Sie fordert, dass die Uni Zürich jetzt alle von Mörgeli und Rüttimann betreuten Doktorarbeiten untersucht und die Titel allenfalls entzieht.

Wissenschaftler Mörgeli betreute fast 20 Jahre lang solch wissenschaftlich zweifelhafte Dissertationen: Mörgeli empfahl von 1994 bis 2012 jeweils in den betreffenden Dissertations-Gutachten, Doktoranden den begehrten Doktortitel auszustellen.

«Sind Sie eigentlich vom Affen gebissen?»

An den Universitäten Bern und Basel wäre ein solcher Vorgang undenkbar, wie die Verantwortlichen dieser Institutionen gegenüber der «Rundschau» erklärten. Auch wenn der Weg zum begehrten Doktortitel bei Medizinern in der Regel deutlich kürzer sei als bei Geistes-Wissenschaftlern - die mitunter Jahre brauchen - stellten die Enthüllungen der «Rundschau» eine neue Dimension dar. Dass eine blosse Übersetzung von alten Texten ausreiche, um den Doktortitel zu erlangen, sei ein Hohn.

Christoph Mörgeli selber nahm in der «Rundschau» Stellung zu den Vorwürfen. «Sind Sie eigentlich vom Affen gebissen?», gab Mörgeli dem verdutzten Moderator Sandro Brotz zur Antwort, als dieser ihn fragte, ob er nun zurücktreten werde. Zuvor hatte er den SRF-Mitarbeiter, der den Beitrag über die verschenkten Doktortitel recherchiert hatte, als ehemaligen Autoren der «linksextremen Wochenzeitung» zu verunglimpfen versucht. Auf die konkreten Vorwürfe ging Mörgeli kaum ein und stellte immer wieder Gegenfragen. Weiter witterte er eine politische Kampagne: Linke und seine Ex-Kollegen wollten ihn durch eine neue Amtsgeheimnisverletzung diskreditieren.

Mörgelis langjähriger Wegbegleiter und Direktor des medizin-historischen Instituts, Beat Rüttimann, nahm gegenüber der «Rundschau» keine Stellung.

Den «Rundschau»-Beitragfinden Sie unter diesem Link, zum Gespräch mit Christoph Mörgeli auf dem heissen Stuhl geht es hier.

(Quelle: Twitter/Peter_Jost)

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