Aktualisiert 14.03.2011 11:39

Engadiner SkimarathonDoping - Bombengeschäft im Breitensport

Mit Breitensport machen Dopingdealer das grosse Geld. Aber auch die Pharmabranche profitiert. Schmerzmittel werden bei Hobbyathleten immer beliebter.

von
Elisabeth Rizzi

Am Sonntag war es wieder so weit: Am diesjährigen Engadin Skimarathon klassivizierten sich 10 758 Läuferinnen und Läufer. Und mehr als der eine oder andere Läufer im Feld war wohl gedopt. «Spitzensportler sind für die Doping-Dealer nur ein kleiner Kundenstamm. Das grosse Geld verdienen sie im Breitensport», warnt der Wiener Dopingfahnder Andreas Holzer in den Medien.

In der Tat ist gerade bei Hobby-Sportlern der Ehrgeiz oft ausgeprägter als die physischen Fähigkeiten. So ist etwa das Phänomen der Schummler an Marathons sogar wissenschaftlich erforscht: Der typische Läufer, der sich Inlineskates anschnallt oder jemand anders für sich rennen lässt ist zwischen 40 und 60 Jahre alt - und erfolgreich im Beruf.

Weniger plump, aber ebenso beliebt, sind chemische Helfer, um die eigene Leistung zu steigern. So berichtet Holzer etwa von Hobby-Marathonläufern, die tausende von Euro in Dopingpräparate investierten, nur um von einem Platz über 1000 in die 900er-Ränge vorzustossen.

Bis zu 10 Prozent dopen

«Bei den Spitzensportlern, wo regelmässig Dopingkontrollen stattfinden, werden in rund 1 bis 2 Prozent aller Fälle Dopingsubstanzen nachgewiesen. Der tatsächliche Konsum dürfte aber je nach Sportart bei bis zu 10 Prozent liegen. Man kann davon ausgehen, dass diese Zahl auch für den Breitensport gilt», sagt Martial Saugy, Direktor des Schweizerischen Labors für Dopinganalyse.

Damit meint er nicht bloss die Bodybuilder, die sich in den Fitness-Studios mit Anabolika vollpumpen, sondern auch die Ausdauersportler in der freien Natur; etwa beim Langlaufen. Hier sei Erythropoetin, bekannt unter dem Kürzel EPO, verbreitet, weil es die Zahl der roten Blutkörperchen erhöhe. EPO gilt als Radfahrerdroge. Laut Marktschätzungen verdienten die EPO-Hersteller im letzten Jahr 17 Milliarden Dollar. Und gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO werden bloss 20 bis 30 Prozent des Volumens für therapeutische Zwecke verwendet. Der grosse Rest versickert im Sport als Doping.

Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, vermutet allerdings, dass Anabolika bei Freizeitsportlern weiter verbreitet sind als EPO. Dafür spricht auch die Zollstatistik. 2010 waren Muskelaufbaupräparate die am dritthäufigsten an der Grenze beschlagnahmten illegalen Arzneimittel. Gesamthaft ist die Zahl illegaler Arzneimittelimporte gegenüber dem Vorjahr um 61 Prozent auf 1861 Sendungen gestiegen.

Zunehmende Medikalisierung

Bei Breitensportveranstaltungen wie dem Engadiner Skimarathon sind aber nicht die illegalen Substanzen am meisten verbreitet. «In der Gesellschaft findet eine zunehmende Medikalisierung statt», beobachtet Saugy. Es sei normal geworden, auch vorbeugend Medikamente einzunehmen. Im Breitensport entwickeln sich laut dem Experten vor allem Schmerzmittel zu einem echten Problem. Sie sind zwar legal und somit kein Doping, aber werden oft eingenommen, um während Wettkämpfen weniger zu leiden. «Der Verbrauch von Schmerzmitteln ist unter Breitensportlern schon heute bedeutend höher als in der Gesamtbevölkerung», beobachtet Saugy.

In der Tat zeigte eine Untersuchung von Antidoping Schweiz am Swiss Alpine Marathon, dass rund 12 Prozent aller Teilnehmenden mit Medikamenten unterwegs waren; hauptsächlich mit Schmerzmitteln.

Beim Engadiner Marathon dürften laut Kamber auch Asthmapräparate eine Rolle spielen. «Allerdings», glaubt er, «werden solche Präparate nicht verschrieben, wenn überhaupt kein Leistungsasthma vorhanden ist.»

Umgekehrt dürften diverse Langläufer am Wochenende mit Medikamenten unterwegs gewesen sein, die sie rezeptfrei in der Apotheke oder Drogerie gekauft haben, die aber auf der Dopingliste stehen; beispielsweise das Erkältungsmittel Pretuval.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.