Klares Bekenntnis gefordert: «Doppelbürgerschaft ist Rosinenpickerei»
Publiziert

Klares Bekenntnis gefordert«Doppelbürgerschaft ist Rosinenpickerei»

Der Fussballverband sieht ein Problem bei Spielern mit Doppelbürgerschaften. Auch auf politischer Ebene sorgt das doppelte Bürgerrecht für hitzige Debatten.

von
qll
1 / 7
«Man müsste sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelbürger?» - mit dieser Aussage entfachte Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), die Debatte rund um Mehrfachnationalitäten neu.

«Man müsste sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelbürger?» - mit dieser Aussage entfachte Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), die Debatte rund um Mehrfachnationalitäten neu.

Keystone/Laurent Gillieron
Die Vorfälle mit dem Doppeladler hätten gezeigt, dass es eine Problematik gebe und dass man diese Probleme selbst schaffe, wenn man Doppelbürgerschaften ermögliche, so Miescher.

Die Vorfälle mit dem Doppeladler hätten gezeigt, dass es eine Problematik gebe und dass man diese Probleme selbst schaffe, wenn man Doppelbürgerschaften ermögliche, so Miescher.

Keystone/Laurent Gillieron
Seit 1992 dürfen Personen, die sich in der Schweiz einbürgern lassen wollen, ihren ursprünglichen Pass behalten.

Seit 1992 dürfen Personen, die sich in der Schweiz einbürgern lassen wollen, ihren ursprünglichen Pass behalten.

Keystone/Christian Beutler

«Man müsste sich vielleicht fragen: Wollen wir Doppelbürger?» – mit dieser Aussage entfacht Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), die Debatte rund um Mehrfachnationalitäten erneut. Die Vorfälle mit dem Doppeladler hätten gezeigt, dass es eine Problematik gebe und dass man diese Probleme selbst schaffe, wenn man Doppelbürgerschaften ermögliche, so Miescher.

Seit 1992 dürfen Personen, die sich in der Schweiz einbürgern lassen wollen, ihren ursprünglichen Pass behalten. Bereits 2015 forderten mehrere Vertreter der SVP – darunter Erich Hess und Lukas Reimann – die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft bei zukünftigen Einbürgerungen. Sie befürchteten, dass es durch die Doppelbürgerschaft zu Loyalitätskonflikten kommen könnte. Erich Hess kritisierte die «Rosinenpickerei»: «Man sucht die Vorteile der jeweiligen Staatsbürgerschaften und bekennt sich somit nicht mehr klar zu einem Heimatland.»

«Schweizer Pass für alle hier geborenen Kinder»

Die Debatte um Doppelbürgerschaften entbrannte zuletzt auch bei der Bundesratswahl: Bis kurz vor der Wahl besass Ignazio Cassis noch den italienischen Pass. Diesen gab er dann zurück: «Als ich mich entschieden habe, mich für die Bundesratswahl zur Verfügung zu stellen, habe ich aber auf die italienische Staatsbürgerschaft verzichtet.»

Zuvor hatte auch SP-Nationalrat Cédric Wermuth mit einem Vorstoss zum Thema für Aufsehen gesorgt: Er forderte vor rund einem Jahr, dass hier geborene Kinder automatisch den Schweizer Pass erhalten. Dazu gehören laut Wermuth auch die Kinder von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen.

«Unser Team wäre nichts ohne die Doppelbürger»

Er findet die Aussagen des Fussballverbands schockierend: «Doppelbürgerschaften sind eine längst akzeptierte Realität in der Schweiz.» Dass der Verband die Spieler nun erneut zwingt, Stellung zu beziehen, sei unnötig. «Die Affäre war mit der Debatte um die Doppeladler-Geste abgeschlossen.» Wermuth, der selbst die schweizerische sowie die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, sagt: «Unser Team wäre nichts ohne die Doppelbürger.» Wermuth findet die Aussagen des Verbands «richtig naiv»: «Der Verband braucht dringend eine Kommunikationsberatung. Viel schlimmer wäre es aber, wenn diese Aussagen für die politische Haltung vom Verband stehen.»

Auch die immer wieder aufkommende Frage nach der Loyalität der Doppelbürger versteht der Politiker nicht: «Als liberaler Staat kann man von seinen Bürgern keinen Treueschwur erwarten. Die Gesetze gelten sowohl für Schweizer als auch für Doppelbürger und Ausländer». Und bei Fussballspielen könne man seine Fankraft aufteilen: «Die ersten drei WM-Spiele bin ich immer für die Schweiz, danach für Italien. Dieses Jahr konnte ich mich aber voll auf die Schweiz konzentrieren», sagt Wermuth mit einem Augenzwinkern.

«Erneuter Vorstoss-Versuch»

Aufgrund der erneut entbrannten Diskussion sieht SVP-Nationalrat Lukas Reimann eine Chance, seinen Vorstoss zur Abschaffung der Doppelbürgerschaft erneut zu lancieren. Er forderte 2015, dass Bürger von Ländern, die selbst Doppelbürgerschaften nicht akzeptieren, diese auch in der Schweiz nicht erlangen können. Er glaubt, dass er nun Erfolg haben könnte, da die Motion ganz knapp gescheitert war und sich die Stimmung – auch dank des Votums von Miescher – gewandelt habe.

Man müsse aber zwischen Fussball-Doppellizenzen von Doppelbürgern und Doppelbürgern unterscheiden: «Im Sport halte ich Doppelbürgerschaften für ein No-go. Das Problem wird sich an der nächsten WM zeigen», ist sich Reimann sicher. So bastle Katar am WM-Kader und würde dazu ein ganzes Team aus Stars im Hinblick auf die Heim-WM 2022 einbürgern. Genauso wie es das Land bei der Handball-WM gemacht und dadurch das WM-Finale erreicht habe. «Wenn sich mittels Geld und Einbürgerungen so ein WM-Titel kaufen lässt, dann ist dies die Zerstörung des Gedankens vom Sport und der Anfang vom Ende aller WM-Spiele», stellt Reimann klar. «Dringend notwendig wäre eine Sperrklausel von mindestens zehn Jahren ab Einbürgerung, um für ein Nationalteam zu spielen oder um das Nationalteam wechseln zu können.»

Das Schweizer Doppelbürger-Recht

1990 hob das Parlament das Verbot der doppelten Staatsbürgerschaften auf (In Kraft seit 1. Januar 1992). «Die Zahl der Einbürgerungen war in den 1980-er Jahren rückläufig. Das Doppelbürgerschaftsverbot stellte ein beträchtliches Einbürgerungshindernis dar» erklärt Pascale Steiner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Eidgenössischen Migrationskommission. «Trotz Verbot war die Zahl der Doppelbürger – aufgrund der Zunahme binationaler Ehen und der Tatsache, dass nunmehr beide Elternteile ihre Staatsbürgerschaft an die Kinder weitergeben konnten – markant angestiegen. Wollte das Parlament die Einbürgerung von gut integrierten jungen Menschen fördern, musste es Stolpersteine aus dem Weg räumen. Das Verbot der Doppelbürgerschaft war ein solcher Stolperstein. Mit der Aufhebung des Verbots vervierfachte sich die Zahl der Einbürgerungen in den darauffolgenden Jahren.»

Deine Meinung