17.07.2016 08:26

1600 Pennsylvania Av.Doppelgänger des Weissen Hauses sorgt für Wirrwarr

Wer dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika einen Brief schicken will, muss ihn ganz korrekt adressieren.

von
J. Gresko
AP
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An der 1600 Pennsylvania Avenue Südost steht seit Sommer 2015. Die Adresse sorgt in Washington für Verwirrung, denn auch 1600 Pennsylvania Avenue lautet die Adresse des Weissen Hauses. Ganz korrekt heisst es aber 1600 Pennsylvania Avenue Nordwest.

An der 1600 Pennsylvania Avenue Südost steht seit Sommer 2015. Die Adresse sorgt in Washington für Verwirrung, denn auch 1600 Pennsylvania Avenue lautet die Adresse des Weissen Hauses. Ganz korrekt heisst es aber 1600 Pennsylvania Avenue Nordwest.

AP/Carolyn Kaster
Das 77 Einheiten umfassendes Appartementgebäude steht nur fünfeinhalb Kilometer vom Weissen Haus entfernt, das dieselbe Adresse hat.

Das 77 Einheiten umfassendes Appartementgebäude steht nur fünfeinhalb Kilometer vom Weissen Haus entfernt, das dieselbe Adresse hat.

AP/Carolyn Kaster
Die Bewohner sagen, sie würden oft belustigte und ungläubige Blicke ernten, wenn sie ihre Adresse angeben oder ihren Führerschein vorzeigen müssten. Nicht selten kommt dann die erstaunte Frage «Wohnen Sie im Weissen Haus?»

Die Bewohner sagen, sie würden oft belustigte und ungläubige Blicke ernten, wenn sie ihre Adresse angeben oder ihren Führerschein vorzeigen müssten. Nicht selten kommt dann die erstaunte Frage «Wohnen Sie im Weissen Haus?»

AP/Carolyn Kaster

Präsidentschaftskandidaten arbeiten jahrelang daran, in die 1600 Pennsylvania Avenue in Washington einzuziehen. Für die 24-jährige Nicole Berns war der Umzug viel einfacher. Sie musste lediglich ein dreiseitiges Formular ausfüllen und 500 Dollar Kaution zahlen. Ihre Schlüssel allerdings passen nicht zum Weissen Haus – sie sind für die 1600 Pennsylvania Avenue Südost.

Das ist ein 77 Einheiten umfassendes Appartementgebäude, dessen Vermietung vor ungefähr einem Jahr begann. Es ist nur fünfeinhalb Kilometer vom Weissen Haus entfernt, das dieselbe Adresse hat. Aber der Amtssitz des amerikanischen Präsidenten liegt in der 1600 Pennsylvania Avenue Nordwest.

Das andere Weisse Haus

Dass es eine Adresse gibt, die beinah identisch ist mit der wichtigsten des Landes, wenn nicht gar der Welt, hat schon für viel Verwirrung gesorgt. Aber diese Tatsache hat den Bewohnern der Zwillingsadresse auch schon den einen oder anderen Anlass für Belustigung geboten. «Ich liebe es, Leuten zu erzählen, dass ich hier lebe. Ich nenne es «das andere Weisse Haus»», sagt Berns, die kürzlich in das Gebäude einzog.

Bevor das Wohnhaus errichtet wurde, befand sich auf dem Grundstück ein Gebrauchtwagenhändler. Dessen Adresse lautete ganz unverfänglich 1550 Pennsylvania Avenue Südost. Aber als die Bauunternehmer das Gelände kauften, erkannten sie, dass der Standort auch die Adresse 1600 Pennsylvania Avenue Südost haben könnte, aber keiner bisher Anspruch darauf erhoben hatte. Das könnte amüsant werden und für werbewirksame Aufmerksamkeit sorgen, dachten sich die findigen Geschäftsleute und beantragten einen Adresswechsel.

Online-Dienste nehmen keine Bestellungen an

Die Bewohner sagen, sie würden oft belustigte und ungläubige Blicke ernten, wenn sie ihre Adresse angeben oder ihren Führerschein vorzeigen müssten. Nicht selten kommt dann die erstaunte Frage «Wohnen Sie im Weissen Haus?»

Einigen Hausbewohnern allerdings hat die Adresse schon Kopfschmerzen bereitet. Ein früherer Mieter, Daniel Perry, 36 Jahre, sagt, der Versandhändler Amazon habe keine Bestellungen für diese Adresse angenommen. Eine andere Bewohnerin erzählt, sogar jetzt habe sie noch manchmal Schwierigkeiten, etwas im Internet zu bestellen, obwohl die Verwechslung inzwischen geklärt sei.

Die Postleitzahl ist eine andere

Wer hier wohnt, muss sichergehen, dass jeder, der ihm Post schickt, die Adresse mit dem wichtigen Kürzel «SE» für Südost versieht. Die korrekte Postleitzahl 20003 ist ebenfalls unerlässlich. Sonst könnte es sein, dass die Sendung direkt an das Weisse Haus geht. Und das ist unter der Postleitzahl 20500 zu finden.

Den richtigen Empfänger können Briefe und Päckchen durchaus erreichen. Die Frage ist nur, wann. Da die Post für den Präsidenten eine extra Sicherheitskontrolle passieren muss, laufen Postsendungen mit einer unvollständigen Adresse Gefahr, erst mit grosser Verspätung beim Empfänger anzukommen.

Bewohner bekommen viel Scherzpost

Verwechslungen gibt es aber auch auf der anderen Seite. Fehlgeleitete Briefe an die Präsidentenfamilie trudeln oft in der anderen Pennsylvania Avenue ein. Dort warten sie ungeöffnet bei den Briefkästen, bis die Post sie nachsendet. Dann gibt es da noch das, was Hausmeister Cameron Mahjoubi «Scherzpost» nennt: Briefe, die an frühere Präsidenten geschickt werden – darunter sind dann schon mal Nachrichten für Thomas Jefferson und George Washington.

Das Gebäude selbst lässt kaum Verwechslungsgefahr aufkommen. Sein grösster Teil ist sechs Etagen hoch und aus Backsteinen erbaut. Es gibt keine weissen Säulen, auch wenn eine amerikanische Flagge davor weht und der Eingangsbereich mit einem weissen Wandgemälde in Flaggenoptik verziert ist.

Ein ständiges Kommen und Gehen — wie im echten Weissen Haus

Die Bauherren haben noch weitere Anspielungen auf den herrschaftlichen Wohnsitz untergebracht. So tragen die verschiedenen Gebäudeteile die Namen von Präsidenten. Ursprünglich sollte das Gebäude wie im Weissen Haus auch mit blauem Plüschteppich ausgelegt werden. Aber diese Idee wurde dann doch verworfen. Einen Ost- und einen Westflügel habe das Gebäude jedoch, sagt Greg Selfridge, Manager der Betreibergesellschaft. «Wir haben versucht, geschmackvoll und originell zu sein», sagt er.

Auch andere Unterschiede sind reichlich vorhanden. Das Oval Office ist zweimal so gross wie das kleinste Studio-Appartement. Und anstelle von Aussichten auf das Washington Monument, wie man sie im Weissen Haus geniessen kann, erwartet einen von der Dachterrasse des Namensvetters ein imposanter Blick auf den Fluss Potomac und den historischen Kongressfriedhof, die letzte Ruhestätte für etliche frühere Kongressmitglieder. Und dann ist da noch die nicht unerhebliche Tatsache, dass die Bewohner im Gegensatz zum Präsidenten Miete zahlen: 1400 bis 3000 Dollar monatlich müssen sie berappen.

Zwei Dinge aber hat das Gebäude mit dem wesentlich berühmteren Anwesen in der gleichen Stadt definitiv gemeinsam: Kein Bewohner ist Besitzer. Und: Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.

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