Nach Verhaftung: Doppelprozess für Mladic und Karadzic
Aktualisiert

Nach VerhaftungDoppelprozess für Mladic und Karadzic

Der Chefankläger in Den Haag erwägt einen gemeinsamen Prozess für Mladic und Karadzic. Zuvor entschied das Gericht in Belgrad Mladic an den Internationalen Strafgerichtshof auszuliefern.

von
amc

Der Chefankläger des UNO- Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, Serge Brammertz, erwägt eigenen Angaben zufolge, den mutmasslichen Kriegsverbrecher Ratko Mladic gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, den Prozess zu machen.

Idealerweise würden beide gemeinsam vor Gericht stehen, sagte Brammertz am Freitag. Karadzic und Mladic wird vorgeworfen, während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 gemeinsam Kriegsverbrechen geplant und angeordnet zu haben.

Allerdings wurde Karadzic bereits vor fast drei Jahren festgenommen, sein Prozess begann im Jahr 2009. Vermutlich dürfte es noch Monate dauern, bis der Prozess gegen den am Donnerstag festgenommenen Mladic in Den Haag beginnen kann.

Brammertz sagte, er sei jedenfalls zuversichtlich, dass er starke und glaubhafte Beweise gegen Mladic vorzubringen habe, dem unter anderem Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden.

Auslieferung beschlossen

Das Gericht in Belgrad hat zuvor die Auslieferung des mutmasslichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic an den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag beschlossen. Nach der einstündigen Anhörung gab es für das Gericht keinen Zweifel, dass Mladic in der Verfassung sei, um überstellt zu werden.

Der Anwalt von Mladic äusserte Zweifel daran, dass der gesuchte Kriegsverbrecher fähig für einen Prozess sei. «Er spricht unzusammenhängend», sagte Miloš Šalji. Der Verteidiger kündigte an, eine Verlegung von Mladic in ein Militärspital zu verlangen sowie eine Untersuchung durch unabhängige Ärzte. Nach ersten Informationen schweben dem Anwalt russische Ärzte vor.

Über den gesundheitlichen Zustand äusserte sich auch der Sohn von Ratko Mladic. Er hatte seinen Vater gemeinsam mit dessen Ehefrau kurz vor der Anhörung besucht. Er erklärte, dass sein Vater nach zwei Schlaganfällen kaum noch sprechen könne. Ausserdem sei seine rechte Hand teilweise gelähmt. In den Medien hingegen hiess es, dass die linke Hand teilweise gelähmt sei. Nichts von einer Lähmung wollte der stellvertrende Staatsanwalt Bruno Vekaric wissen. Er sagte vor den Medien, Mladic sei vollkommen gesund.

Trügerisches Äusseres

Die erste Anhörung am Donnerstagabend war nach Angaben von Mladics Anwalt angeblich wegen dem schlechten Gesundheitszustand seines Mandanten vertagt worden. Die zuständige Staatsanwaltschaft kommunizierte hingegen, Mladic habe einfach seine Medikamente gegen Bluthochdruck nehmen müssen.

Mütter und Witwen der beim Massaker von Srebrenica getöteten Männer haben am Freitag das Äussere des festgenommenen mutmasslichen Kriegsverbrechers Ratko Mladic als trügerisch bezeichnet. «Er ist vielleicht gealtert und hat Gewicht verloren, aber der blutdürstige Blick in seinen Augen ist noch derselbe, den er 1995 in Srebrenica hatte», sagte Sabra Kolenovic von der in Sarajevo beheimateten Organisation Mütter von Srebrenica.

Mladic will Erdbeeren und einen TV

Ob krank, besonders krank oder vollkommen gesund, spielt für das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag keine Rolle. Eine Sprecherin erklärte, das Tribunal sei für alle gesundheitlichen Probleme Mladics gerüstet. Ratko Mladic bekennt sich nach Angaben seines Sohnes zu den ihm vorgeworfenen Kriegsverbrechen nicht schuldig. Anwalt Saljic konkretisierte, dass sich sein Mandant nicht dazu äussern will und sich nicht in der Lage für einen Prozess fühlt.

Neben russischen Ärzten verlangte Mladic nach Erdbeeren und einem Fernseher für seine Zelle, schreibt die serbische Tageszeitung «Blic». Die Behörden wollen dem 69-Jährigen den Wunsch erfüllen.

Befragung wegen Doppelmord beantragt

Mladic soll vor seiner Auslieferung noch wegen eines Doppelmordes von 2004 befragt werden. In der Kaserne «Topcider» in Belgrad wurden damals zwei Soldaten erschossen. Es wurde bisher vermutet, dass sich Ratko Mladic während dieser Zeit dort versteckte, die beiden Soldaten ihn gesehen haben und deshalb liquidiert wurden. Der seltsame Vorfall ist jedenfalls bisher ungeklärt. Wie «Blic» schreibt, haben die Anwälte der Angehörigen deshalb nun die Befragung von Mladic zum Fall beantragt.

Polizei spricht von einem Routine-Zugriff

Drei serbische Polizeivertreter berichteten derweil der Nachrichtenagentur AP, Mladic sei bei einem Routineeinsatz festgenommen worden, als er sich gerade in seinem Garten zu einem Abendspaziergang aufmachte. Demnach habe es keine speziellen Hinweise von Geheimdiensten gegeben, dass sich der Gesuchte in dem Haus aufhalte, das einem Verwandten gehört.

Dazu passt eine Ankündigung des serbischen Regierungssprechers Slobodan Homen, dass die ausgesetzte Belohnung in Höhe von 8,6 Millionen Franken nicht ausgezahlt werde, da auch niemand einen Hinweis vor der Festnahme geliefert habe. Die Sicherheitskräfte hätten lediglich ihre Arbeit «in Übereinstimmung mit der Verfassung und dem Gesetz getan», sagte Homen am Freitag. Neben Serbien hatten auch die USA eine gesonderte Belohnung in Höhe von fünf Millionen Dollar (4,3 Milliarden Franken) ausgesetzt. (amc/dapd)

Russland wünscht sich «faires Verfahren»

Ein Vertreter des russischen Aussenministerium erklärte, Moskau hoffe auf ein faires und unparteiisches Verfahren gegen Mladic. Dieses solle auch nicht die übrigen Aktivitäten des Tribunals in Den Haag hinauszögern, sagte der Abgesandte für Menschenrechte im Aussenministerium, Konstantin Dolgow, russischen Nachrichtenagenturen. Russland hatte dem UN-Tribunal in der Vergangenheit immer wieder selektive Anklagen und Ineffizienz vorgeworfen.

Wichtiger Schritt zur Versöhnung

Das bosnische Aussenministers nannte die Festnahme Mladics einen wichtigen Schritt für die Versöhnung auf dem Balkan. Die Ergreifung des 69-jährigen Mladic stelle eine positive Entwicklung für Serbien dar, dass unter erheblichen Druck der internationalen Gemeinschaft gekommen war, Europas meistgesuchten mutmasslichen Kriegsverbrecher zu fassen, sagte Aussenminister Sven Alkalaj am Freitag.

Mladic, der Militärführer der bosnischen Serben im Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina von 1992 bis 1995, soll sich wegen Völkermords vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten. Ihm wird unter anderem vorgeworfen, die serbischen Einheiten beim Massaker von Srebrenica befehligt zu haben, bei dem im Juli 1995 mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen ermordet wurden. (dapd)

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