Doris Leuthard: «Ich will Bildung für alle»
Aktualisiert

Doris Leuthard: «Ich will Bildung für alle»

Im Interview mit 20 Minuten nimmt Bundesrätin Doris Leuthard Stellung zu Bildungsfragen, welche sie 2008 besonders intensiv verfolgen möchte.

Doris Leuthard, wann haben Sie die letzte Weiterbildung besucht?

Doris Leuthard: Weiterbildung ist bei mir ein Dauerthema. Im Zusammenhang mit meiner Funktion eigne ich mir laufend neues Wissen an, besuche Seminare und Vorträge. «Lebenslanges Lernen» ist europaweit eines der wichtigsten Themen in der Ausund Weiterbildung.

Was unternimmt die Schweiz, um «lebenslanges Lernen» zu fördern?

Die Verhandlungen mit der EU für die Teilnahme der Schweiz am EU-Programm Lifelong Learning (LLL) werden diesen Herbst starten. Eine Teilnahme hätte eine Erleichterung der Mobilität innerhalb Europas für Berufstätige und Studierende aller Stufen zur Folge, was wir als erstrebenswert erachten.

Warum kommen viele Topkräfte in Schweizer Betrieben aus dem Ausland?

Die Schweiz geniesst international einen sehr guten Ruf als Bildungsstandort. Dementsprechend sind unsere Bildungsinstitutionen bei Studierenden aus dem Ausland gefragt. Die Globalisierung führt dazu, dass nicht nur Schweizer Topkräfte im Ausland arbeiten, sondern dass eben auch gut ausgebildete Personen aus dem Ausland zu uns kommen.

Für welche Bildungsfragen werden Sie sich 2008 persönlich engagieren?

Mir ist es wichtig, dass wir unser bewährtes Berufsbildungssystem weiter ausbauen und optimieren. Im Vordergrund steht für mich zum einen die Sicherung der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe. Zum andern ist es mir ein grosses Anliegen, dass alle interessierten Jugendlichen einen nachobligatorischen Abschluss erzielen.

Wie stellen Sie sich zu dem von Arbeitnehmerverbänden geforderten Recht auf Weiterbildung?

Weiterbildung ist ein Muss. Erfolgreiche Weiterbildung basiert jedoch nicht auf Zwang, sondern auf Eigeninitiative. Ein generelles Recht auf Weiterbildung würde bedingen, dass sich die Kosten durch entsprechende Erträge rechtfertigen lassen. Dies ist jedoch nur individuell oder allenfalls branchenweise zu beurteilen.

Wie können bildungsferne Schichten in der Schweiz in Aus- und Weiterbildungsprogramme integriert werden?

Heute verfügen bereits knapp 90 Prozent der Jugendlichen über einen nachobligatorischen Abschluss. Unser Ziel ist es, diese Quote bis 2015 auf 95 Prozent anzuheben. Dabei unterstützen wir vom Bund her die Anstrengungen der Kantone und Verbände, ein attraktives Lehrstellenangebot bereitzustellen.

Sollten Berufsbildungskosten nicht automatisch von den Steuern abgezogen werden können?

Ich begrüsse es sehr, dass die Frage der steuerlichen Behandlung zurzeit Gegenstand verschiedener parlamentarischer Vorstösse ist.

Wie könnten technische Studiengänge (Ingenieure, Techniker) für Junge wieder attraktiver gemacht werden?

Ob im Kindergarten oder in der Schule, in der beruflichen Bildung oder in den Hochschulen: Überall brauchen wir eine neue Begeisterung für Technik. Die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer müssen auf allen Bildungsstufen verstärkt werden.

Wie sollen insbesondere Frauen für technische Studiengänge motiviert werden?

Es gibt eine Reihe von Ansatzpunkten, die wir vom Bund unterstützen: Schnuppertage in technischen Berufen, Mentoring und Vernetzungsmöglichkeiten für Studentinnen und Berufsfrauen, neue technische Studiengänge mit stärkerer Gewichtung des Realitätsbezugs und Fächern wie Projektmanagement und Kommunikation.

Sind unsere Studiengänge – Bachelor und Master – mit den Europäischen Standards abgestimmt?

Ja, die Studiengänge der Schweizer Hochschulen sind auf die europäischen Standards abgestimmt. Die Schweiz gehörte zu den Erstunterzeichnenden der Bologna-Deklaration. So beginnen bereits heute neun von zehn Studierenden an Fachhochschulen einen Bachelor- Studiengang.

Othmar Bertolosi

Deine Meinung