Michele Ferrari: «Dr. EPO» traf Armstrong an der Tankstelle
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Michele Ferrari«Dr. EPO» traf Armstrong an der Tankstelle

Der italienische Arzt Michele Ferrari hat im Sport betrogen, was das Zeug hält. Zu seinen Kunden zählten Radprofis wie Lance Armstrong und auch zwei Schweizer.

von
heg

Michele Ferrari, italienischer Sportarzt, lernte sein Handwerk bei Professor Francesco Conconi in Ferrara. Die renommierte italienische Sportzeitung «Gazzetto dello Sport» bezeichnete Conconis Institut einst als «Epizentrum des italienischen Dopings». Jahrelang waren die beiden Ärzte die treibenden Kräfte hinter den einheimischen Sportlern im Ski-, Lauf- und Radsport.

Eines Tages löste sich Ferrari von Conconi und machte sich selbständig. Bei ihm bestand schon früh der Verdacht, im grossen Stil mit Dopingmitteln zu handeln. Im Radsport war der heute 59-Jährige weit über die Landesgrenzen hinaus auch als «Dottore EPO» bekannt. Über Erythropoetin sagte er in einem Interview auch schon mal, dass es «so gefährlich wie Orangensaft», aber «alles eine Frage der Dosierung» sei.

Armstrong führt lange Kundenliste an

Die italienische Justiz ermittelte immer wieder gegen Ferrari. 1997 fanden Carabinieri bei Hausdurchsuchungen heraus, dass damalige Radsportgrössen wie Tony Rominger, Abraham Olano und Laurent Jalabert zum Kundenstamm des umstrittenen Arztes gehörten. 2004 verdonnerte ihn ein Gericht in der Heimat wegen Sportbetrug zu einem Jahr Haft auf Bewährung. Zudem wurde ihm ein elfmonatiges Berufsverbot auferlegt.

Zu jenem Zeitpunkt war die Kundenliste von Ferrari noch viel länger. Unter anderem stand mit Beat Zberg ein zweiter Schweizer Name darauf. Allen voran thronte aber jener von Lance Armstrong. Der mittlerweile tief gefallene Radstar gab die Verbindung zu «Dottore EPO» jedoch nie zu. Wie die «Welt» berichtet, soll Armstrongs Zusammenarbeit mit Ferrari bereits vor seiner Krebsdiagnose 1996 und bis zu seinem Comeback 2009 gedauert haben. Es soll auch einen Exklusivvertrag gegeben haben, der festlegte, dass Ferrari nur Fahrer betreuen durfte, die Armstrong während der Grande Boucle nicht gefährlich werden konnten.

Geheimtreffen im Camper

Der siebenfache Tour-de-France-Sieger bezeichnete Ferrari denn auch als «Ehrenmann». Nach der Verurteilung des Doktors wollte er offiziell nichts mehr von ihm wissen. Der über 1000-seitige Untersuchungsbericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA zeigt ein anderes Bild. Gemäss Betsy Andreu, der Frau von Armstrongs ehemaligem Teamkollegen Frankie Andreu, traf sich Armstrong im März 1999 mit Ferrari. Das Treffen fand ausserhalb Mailands an einer Tankstelle in einem Camper statt. Der Ort wurde bewusst gewählt, «damit ihn die beschissene Presse nicht belästigt», soll Armstrong der Frau gesagt haben.

Geschäftsvolumen von 30 Millionen Euro

Dem Mega-Bericht ist weiter zu entnehmen, dass Armstrong in den Jahren 1996 bis 2006 über eine Million US-Dollar auf ein Schweizer Bankkonto in Locarno überwies, das Ferrari gehört. Jährlich gingen Beträge zwischen 75 000 und 110 000 Dollar ein, wie Bankauszüge belegen. Die Geldsummen seien «für verspätete Bezahlungen für Beraterleistungen in vorhergegangen Jahren», rechtfertigte sich Ferrari auf seiner Homepage «53x12.com». Die Leistungen hätten sich nur beschränkt auf «Ratschläge für Training, Einstellung der Sattelhöhe, aerodynamische Positionen, Orte für Training und Wettkämpfe». Mit Doping habe das nichts zu tun gehabt.

Wie die «Gazzeta dello Sport» am Donnerstag berichtet, soll Ferrari sein Millionengeschäft in einer Wohnung in St. Moritz betrieben haben. Ausserdem belaufe sich sein Geschäftsvolumen auf über 30 Millionen Euro. Nicht nur einzelne Radprofis, sondern ganze Teams hätten in den letzten Jahren Millionen gezahlt, um sich Ferraris Dienste zu sichern. Die Staatsanwälte haben demnach ein kompliziertes System entlarvt, mit dem Teams Steuern hinterzogen, Geld wuschen und es damit ihren Profis ermöglichten, Ferraris Rechnungen zu bezahlen. Von diesem Teamkonto auf der Schweizer Bank in Locarno hätten Radprofis systematisch Geld abgehoben, um Ferraris Rechnungen zu zahlen, behaupten die Ermittler.

Fortsetzung folgt.

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