Aktualisiert 11.06.2011 07:18

32 Tote bei Militäroffensive

Dramatische Szenen in syrischen Städten

Mit grosser Gewalt ist das Militär gegen tausende von Demonstranten vorgegangen, die gegen die Regierung von Präsident Assad protestierten. Derweil sind weitere 4000 Flüchtlinge in der Türkei eingetroffen.

In Syrien sind bei einer gross angelegten Militäroffensive sowie bei weiterer Gewalt gegen Demonstranten nach Angaben von Aktivisten am Freitag mindestens 32 Menschen getötet worden. Allein in der nördlichen Provinz Idlib habe es 15 Opfer gegeben, hiess es. Viele davon seien bei Kämpfen in dem Ort Maaret al Numan ums Leben gekommen. Das syrische Staatsfernsehen berichtete, Bewaffnete hätten in dem Ort das Feuer auf Polizeistationen eröffnet und dabei Angehörige der Sicherheitskräfte getötet.

Unterdessen erreichten Panzer der syrischen Streitkräfte offenbar auch die umkämpfte Stadt Dschisr al Schugur. In einem Bericht des staatlichen Fernsehens hiess es am Abend, die Regierungstruppen befänden sich an den Zugängen der nördlichen Grenzstadt und hätten Mitglieder «bewaffneter Gruppen» festgenommen. Türkischen Berichten zufolge flohen Hunderte aus der Grenzregion in die Türkei; bis Freitag seien fast 4.000 Flüchtlinge über die Grenze gekommen.

Ein syrischer Oppositionspolitiker sagte der Nachrichtenagentur AP am Telefon, in dem 40 Kilometer östlich von Dschisr al Schugur gelegenen Ort Maaret al Numan hätten tausende von Demonstranten Sicherheitskräfte überwältigt; Polizeiwache und Gerichtsgebäude seien in Brand gesteckt worden. Die Streitkräfte hätten den Ort daraufhin mit Panzern beschossen. Seinen Namen wollte der Oppositionspolitiker nicht genannt wissen.

Ungeachtet der Militäroperation demonstrierten am Freitag in ganz Syrien wieder tausende Menschen gegen die Regierung von Präsident Baschar Assad. Auch hierbei wurden nach Angaben von Augenzeugen mehrere Menschen von den Sicherheitskräften getötet. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnete die syrische Militäroperation in einem Interview als «Barbarei».

In Dschisr al Schugur selbst seien die meisten der 45.000 Bewohner geflohen, berichteten Augenzeugen per Telefon. Im Laufe des Tages wurden die Leitungen offenbar unterbrochen.

«Woche des Chaos und der Gewalt»

Die in die Türkei geflohenen Syrer berichteten von einer Woche des Chaos und der Gewalt in Dschisr al Schugur. Polizisten hätten ihre Waffen gegeneinander gerichtet, Soldaten hätten den Schiessbefehl auf Zivilpersonen verweigert und ihre Uniformen abgelegt. Daraufhin seien sie von Regierungstruppen erschossen worden. Sie bestätigten damit frühere Augenzeugenberichte. Das syrische Staatsfernsehen hatte hingegen berichtet, Anfang der Woche seien 120 Soldaten von «bewaffneten Banden» getötet worden.

Der militärische Grosseinsatz solle Dschisr al Schugur aus der Hand dieser Banden befreien, hiess es in dem Sender. Der Leiter des Londoner Syrischen Observatoriums für Menschenrechte, Rami Abdul Rahman, sagte unter Berufung auf Kontakte vor Ort, mehr als 10 000 Soldaten, darunter Elitetruppen, seien im Einsatz.

Erdogan hält Grenze offen

Erdogan sagte, er werde angesichts der «Barbarei» in dem syrischen Grenzgebiet nicht die Grenze schliessen. Der Türkische Rote Halbmond errichtete am Freitag zwei zusätzliche Notaufnahmelager. «Wir können angesichts hilfloser Menschen vor unserer Tür nicht teilnahmslos bleiben», sagte der Abgeordnete und frühere Justizminister Sadullah Ergin in einem der Lager in der Grenzstadt Yayladagi.

Die syrische Regierung erlaubte einer Gruppe Journalisten, den Militäreinsatz im Norden zu begleiten - offenbar um die Existenz von bewaffneten Banden zu beweisen. Einwohner in Dörfern vor der Stadt sagten, sie fühlten sich nun angesichts der Truppenpräsenz sicher, berichtete ein AP-Reporter, der zu der Journalistengruppe gehörte. Die 50-jährige Waluda Scheicho und andere Bewohner des Dorfes Foro begrüssten Soldaten mit Lebensmitteln, Wasser und Saft. Sie sagten, die Soldaten seien auf ihre Bitten gekommen.

Das Staatsfernsehen berichtete, dass bewaffnete Gruppen rund um die Stadt angesichts der näher rückenden Soldaten Weizenfelder in Brand gesteckt hätten. In Dschisr al Schugur verbliebene Einwohner sagten dagegen, Soldaten hatten die Ernte vernichtet. Einer von ihnen berichtete, dass 40 Panzer in ein Dorf zwölf Kilometer von der Stadt entfernt eingedrungen seien. Er und andere Aktivisten hätten ausserdem Maschinengewehrfeuer gehört.

Menschenrechtsorganisationen zufolge sind in Syrien bisher mehr als 1.300 Menschen bei der Niederschlagung von regierungskritischen Demonstrationen getötet worden. Eine Sprecherin der Regierung sagte, dass 500 Sicherheitskräfte während der Revolte ihr Leben gelassen hätten.

Am Freitag demonstrierten erneut Hunderte in der nördlichen Stadt Aleppo, in den zentralen Städten Homs und Hama, in Daraa im Süden, in Bukamal im Osten, sowie in Vororten von Damaskus und in der Küstenstadt Latakia.

(dapd)

UNO und USA verurteilen Gewalt gegen Zivilisten in Syrien

Das syrische Regime wird für sein brutales Vorgehen gegen Regimegegner immer schärfer verurteilt. Die UNO und die USA forderten Präsident Baschar al-Assad am Freitagabend (Ortszeit) auf, die Gewalt gegen Demonstranten sofort zu beenden.

In einer Erklärung des Weissen Hauses hiess es, dass es diese Art von «entsetzlicher Gewalt» sei, die die USA zur Unterstützung einer Resolution gegen Assads Regime al-Assad im UNO-Sicherheitsrat führten.

Ban nannte die Gewalt syrischer Sicherheitskräfte gegen Zivilisten «inakzeptabel». Die syrischen Behörden hätten die Pflicht, ihr Volk zu schützen und seine Rechte zu respektieren. Nach Angaben eines Sprechers hatte Ban zuvor vergeblich versucht, mit Assad am Telefon über die Lage zu beraten. Es habe geheissen, der Präsident sei nicht zu erreichen.

Verhandlungen über Resolution

Verhandlungen über Resolution

Der UNO-Sicherheitsrat setzte derweil seine Beratungen über einen Resolutionsentwurf fort, mit dem zwar keine Sanktionen gegen Syrien verhängt würden. In dem Text wird aber das Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten verurteilt und ein sofortiges Ende der Gewalt gefordert.

Dabei ist auch die Rede von mutmasslichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit durch die syrischen Sicherheitskräfte. Der Entwurf ist von den vier EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Grossbritannien und Portugal eingebracht worden.

Russland und China haben bereits angedeutet, die Resolution notfalls mit einem Veto zu stoppen. Nach Einschätzung von Diplomaten dürfte der Entwurf nächste Woche zur Abstimmung gebracht werden.

Warnung vor Einmischung

Syrien seinerseits warnte die Vereinten Nationen am Abend vor einer Einmischung in die inneren Angelegenheit des Landes. Die Annahme einer kritischen Resolution durch den UNO-Sicherheitsrat würde die Situation im Land nur verschärfen.

Dadurch würden «Extremisten und Terroristen» ermuntert, Syrien weiter zu destabilisieren, schrieb der syrische Aussenminister Walid al-Mualam in einem Reuters am Freitag vorliegenden Brief an UNO- Generalsekretär Ban Ki Moon.

Der Aussenminister zeigte keinerlei Reue über die Niederschlagung der Proteste, bei denen nach Angaben von Menschenrechtsgruppen seit März 1100 Menschen getötet wurden. Stattdessen sprach er von «mörderischen und zerstörerischen Banden», die das Land ins Chaos stürzen wollten.

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