Stehlende Mädchen: «Draussen wich das Adrenalin der Euphorie»
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Stehlende Mädchen«Draussen wich das Adrenalin der Euphorie»

Die Anzahl Mädchen, die straffällig werden, steigt seit Jahren an. Auch Jenni (30) beging in ihren Teenager-Jahren viele Ladendiebstähle – bis sie auf frischer Tat ertappt wurde.

von
Simon Ulrich
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Mädchen klauen häufig Kosmetika und Accessoires unter 300 Franken.

Mädchen klauen häufig Kosmetika und Accessoires unter 300 Franken.

Auch Jenni liess in ihren frühen Teenager auf Make-Up-Produkte mitgehen, die ihr von der Mutter verboten wurden. «Geschminkt zur Schule zu gehen war bei uns verpöhnt.»

Auch Jenni liess in ihren frühen Teenager auf Make-Up-Produkte mitgehen, die ihr von der Mutter verboten wurden. «Geschminkt zur Schule zu gehen war bei uns verpöhnt.»

uli Deck
Mit 17 wurde sie beim Diebstahl einer Geburtstagskarte erwischt.

Mit 17 wurde sie beim Diebstahl einer Geburtstagskarte erwischt.

Keystone/Christian Beutler

Sie stehlen und fahren schwarz: Der Anteil krimineller Mädchen nimmt in der Schweiz zu. Im Kanton Zürich ist mittlerweile ein Viertel aller straffälligen Jugendlichen weiblich. Das ist fast doppelt so viel wie noch vor 20 Jahren. Auch Jenni, heute 30 Jahre alt, beging als Teenager zahlreiche Ladendiebstähle.

Ihre Eltern waren streng, «so richtig alte Schule eben», erzählt Jenni. «Ich und mein Bruder mussten auf vieles verzichten, was wir uns gewünscht hätten.» In der zweiten Klasse stibitzte sie erstmals im Dorflädeli. «Ich steckte mir und meiner Kollegin je einen Schleckstängel in die Jackentasche, weil wir beide kein Sackgeld mehr hatten», sagt die Aargauerin. Jenni blieb unbehelligt, ihr Gspänli wurde erwischt.

Gestohlene Kamera landet in der Erinnerungskiste

Mit den Jahren veränderte sich das Diebesgut: «Je älter, desto teurer.» Zu Beginn der Pubertät konzentrierte sich Jenni vornehmlich auf Make-up, das ihr die Mutter verboten hatte. «Geschminkt zur Schule zu gehen, war bei uns verpönt.»

Später kamen CDs und DVDs hinzu. «Einmal habe ich sogar eine Kamera mit Display im Wert von 140 Franken gestohlen», sagt sie. Das sei aber ein Ausnahmefall gewesen. «Ich bewahre sie bis heute in meiner Erinnerungskiste auf.»

Mit 17 Jahren aufgeflogen

An den Kick während der Diebestouren mit ihren Freundinnen kann sich Jenni noch gut erinnern. Nervös habe man um sich geschaut und prüfende Blicke in die Spiegel der Geschäfte geworfen, um nicht ertappt zu werden. «Hatten wir es mit der Beute nach draussen geschafft, wich das Adrenalin der Euphorie», sagt Jenni.

Die Diebstähle habe sie begangen, weil das Sackgeld zur Neige gegangen sei oder weil sie dem Schulschwarm habe imponieren wollen. Eine böse Absicht habe nie dahintergesteckt, sagt Jenni heute. «Wenn ich nichts brauchte, klaute ich meist auch nicht.»

Mit 17 Jahren wurde die Jugendliche schliesslich erwischt: In der Papeterie beobachtete eine Kundin, wie sie ihrem Komplizen eine Geburtstagskarte in den Rucksack steckte, und meldete den Vorfall an der Kasse. «Der Filialleiter hielt uns eine zünftige Standpauke», sagt Jenni. Diese zeigte Wirkung: Mit dem Stehlen hörte sie von da an auf.

Von der Diebin zur Geschäftsführerin

Nur einmal wurde die junge Frau rückfällig: Mit 20 Jahren steckte sie als Kassiererin einer Pizza-Kette Geld in die eigene Tasche. «Ich hatte Mitte Monat nichts mehr zu essen wusste nicht, wie ich überleben sollte», sagt sie. Also «vergass» sie hin und wieder, Artikel zu tippen – bis bei einer stichprobenartigen Kontrolle der Kassenbelege der Betrug aufflog.

Der Chef stellte Jenni vor die Wahl: ihn gleich auf den Polizeiposten zu begleiten oder die ganze Wahrheit zu erzählen und die Schuld bis auf den letzten Rappen zu begleichen. Die junge Frau entschied sich für Letzteres. «Später machte mich der Chef zur Geschäftsführerin zweier Filialen», erzählt sie stolz.

Heute hat Jenni selber eine dreijährige Tochter. Diese erziehe sie «bedürfnisorientiert». Wenn sie etwas zu essen haben wolle, bekomme sie das auch. Zu viele Verbote würden nichts bringen, ist Jenni überzeugt. «Kinder und Jugendliche finden immer einen Weg, wie sie auf anderen Wegen an die Dinge herankommen.»

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