Drehbuch seit Monaten in der Schublade bereit
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Drehbuch seit Monaten in der Schublade bereit

Der gestürzte Diktator, dreckig, zerzaust, und ein Armeearzt, der seinen Kopf offenbar nach Läusen absucht - diese Bilder waren nach der spektakulären Gefangennahme von Saddam Hussein in Endlosschleife im US-Fernsehen zu sehen.

Eine kalkulierte Szene, für die die Amerikaner das Drehbuch seit Wochen in der Schublade hatten, wie US-Beamte in Interviews einräumten.

Die starken Bilder sollten einen Mythos zerstören, den Hussein in Jahrzehnten der Terrorherrschaft aufgebaut hatte. «Wir wollten keine Bilder, mit denen er auch nur in irgendeiner Weise als Märtyrer oder Held aufgebaut werden könnte», sagte der Kommunikationsdirektor der Besatzungsbehörde in Bagdad, Gary Thatcher, der «New York Times».

Das Ergebnis war nach seinen Worten besser als alles, was die Strategen erhofft hatten. «Unsere Planung war gut, aber wir hätten uns nicht träumen lassen, dass Hussein selbst dermassen dazu beiträgt, in dem er sich so verkommen liess.»

Lektion gelernt

Die Amerikaner lernten die Lektion im Sommer, als die Hussein-Söhne aufgespürt und bei einer wilden Schiesserei getötet wurden. Damals wollten viele Iraker den Tod der beiden gefürchteten Tyrannen zunächst nicht glauben.

Das US-Militär veröffentlichte schliesslich makabere Fotos der schlimm zugerichteten Leichen und sahen sich gezwungen, irakische Journalisten in die Leichenhalle zu führen, um den Tod der beiden zu beweisen.

Das sollte im Fall Husseins nicht passieren. Thatcher entwarf deshalb zwei Kommunikationspläne für den Tag X. Für den Fall, dass Hussein den Amerikanern tot in die Hände fallen sollte, wurde vor allem eine schnellere Identifizierung als bei den Söhnen vorbereitet. Im Fall einer Gefangennahme des lebenden Diktators sollten die Iraker selbst eine entscheidende Rolle spielen.

Die erfolgreiche Aktion am vergangenen Samstag wurde deshalb fast 18 Stunden geheim gehalten. Nur ganz wenige Eingeweihte wussten, dass sich «High-Value Target No 1» (Hochwertiges Ziel Nr.1) in US-Gewahrsam befand. Dschalal Talabani, Mitglied des irakischen Regierungsrates, liess die Katze schliesslich als erster aus dem Sack.

Empörung

Viele Araber waren empört, dass die Amerikaner Hussein in erniedrigender Pose mit weit offenem Mund, in den ein Armeearzt mit der Taschenlampe leuchtet, zeigen. Doch die Amerikaner verteidigen ihr Vorgehen.

Nur authentische Videobilder des Mannes, dessen Namensnennung schon allein den meisten Irakern jahrelang kalte Schauer der Angst über den Rücken jagte, würde die Skepsis über die Gefangennahme zerstreuen, waren sie überzeugt.

Die «Washington Post» zollte den Kommunikationsstrategen Respekt. Hussein in Handschellen und mit Gewehrläufen vor dem Gesicht oder als Opfer verbaler Verunglimpfungen zu zeigen, wäre als Arroganz eines Triumphators zerrissen worden, schrieb die Zeitung am Dienstag.

Bilder der ärztlichen Untersuchung seien etwas anderes. Das Gefühl der Beschämung dabei, das viele Leute aus eigener Erfahrung kennen, erniedrige den Menschen auf humane Weise.

(sda)

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