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Amanda Knox vor GerichtDreht die Verteidigung den Spiess noch um?

Noch vor wenigen Wochen schien der Fall ganz klar zu sein: Amanda Knox und Raffaele Sollecito sollen die britische Austauschstudentin Meredith Kercher im Rausch getötet haben. Doch inzwischen scheint alles ganz anders zu sein und zu den bisher bekannten Pannen gesellt sich eine neue.

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«Es ist eine Schande. Was hier vor sich geht, ist einfach eine Schande», schimpfte vor dem Gerichtshaus in Perugia der Vater des Angeklagten Raffaele Sollecito. Unterstützt in seiner Hasstirade wird er vom Vater der ebenfalls vor Gericht stehenden Amanda Knox. Er mache sich Sorgen über die Ungereimtheiten in den DNA-Proben, die dazu führten, dass seine Tochter im Gefängnis sitzt, «für etwas, das sie nicht getan hat».

Seit dem Prozessbeginn am 16. Januar wurden 80 Zeugen in 41 Gerichtsverhandlungen angehört. In der ersten Hälfte des Prozesses waren es eher die Zeugen der Staatsanwaltschaft, die zu Wort kamen. Dabei ging es Star-Ankläger Giuliano Mignini darum, zu beweisen, wie verwickelt Knox und Sollecito im Mord an Meredith Kercher sind: Nicht nur DNA-Proben, sondern auch Knox' widersprüchliche Aussagen belasten sie sehr.

Wer schnüffelte am Computer?

Doch seit die Verhandlungen nach der zweimonatigen Sommerpause wieder aufgenommen wurden, scheint sich das Panorama im Fall vollkommen verändert zu haben. Die zwei Gerichtsmediziner, die in den letzten Wochen zu Wort kamen, konnten plötzlich Migninis zwei Hauptargumente zerschmettern: Die Fussspuren im Badezimmer des Opfers stammen nicht – wie er bisher behauptete – von Sollecito, sondern vom bereits verurteilten Mitangeklagten Rudy Guede. Und das Messer, das monatelang für die Tatwaffe gehalten wurde und DNA-Spuren von Knox und Kercher aufweist, ist nicht einmal die Mordwaffe.

Das Fiasko für die Anklage wird aber nun verstärkt: Luca Maori, ein Computer-Spezialist, der am Samstag vor den Geschworenen aussagte, behauptet, dass der Computer von Raffaele Sollecito Stunden nach seiner Verhaftung benutzt wurde. Sollecito wurde auf den Polizeiposten am 5. November 2007, drei Tage nach dem Mord, um 21.40 Uhr bestellt – und kehrte seitdem nie mehr nach Hause. Besonders brisant: Während er und Knox vernommen wurden, hatte nur die Polizei Zugang zu seiner Wohnung.

Wie Maori weiter erklärte, seien zwischen 01.00 und 02.47 Uhr der Film «Stardust» heruntergeladen und zwei Pressemitteilungen der italienischen Nachrichtenagentur ANSA zum Mord an Kercher gelesen worden. Diese Aktivität auf der Festplatte habe die Ermittlungen erschwert, so Maori weiter. Ausserdem hätte damit die Glaubwürdigkeit der Beamten damit einen weiteren Tiefpunkt erreicht.

Warum hat Knox gelogen?

Der einzige Punkt, an dem sich Mignini noch festhielt – Knox' widersprüchliche Aussagen - hat am Wochenende der Neuropsychiater Carlo Caltagirone versucht zu widerlegen. Amanda Knox hatte bei einer ihrer ersten Einvernahmen behauptet, Patrick Lumumba, der Besitzer der Bar, in der sie arbeitete, sei im Mord an ihrer Mitbewohnerin verwickelt. Später zog sie diese Aussage zurück, behauptete aber, sie habe die ganze Nacht in der Wohnung ihres Ex-Freundes verbracht. Auch diese Aussage korrigierte sie wenig später und sagte, sie wisse nicht mehr, wie lange sie bei Sollecito geblieben sei.

Caltagirone erklärte dieses wirre Verhalten mit der Tatsache, dass die 21-Jährige innerhalb von vier Tagen während 41 Stunden verhört worden sei. Das habe einen derart grossen Stress verursacht, dass sie falsche Aussagen machte. «Man muss bedenken, dass Amanda Knox erst einen Monat vorher in ein fremdes Land gekommen war, und dass sie mit wenig Sprachkenntnissen aufgefordert wurde, jede Menge Informationen zu geben. Das kann zu falschen Erinnerungen führen.»

Mignini wollte dann wissen, wieso sich diese Situation nur bei Knox ergeben hatte – schliesslich hätten sich die anderen beiden Mitbewohnerinnen nie in widersprüchliche Aussagen verstrickt. Caltagirone meinte, das sei Knox' Art, mit dem Stress umzugehen. Er habe die junge Frau im März drei Stunden lang im Gefängnis besucht. «Ich kann aus meinem Gespräch mit Amanda sagen, dass sie eine sehr ruhige, besinnliche und zuvorkommende Person ist, aber sie verinnerlicht stressvolle Situationen.»

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