Inkontinenz: «Drei 10-Jährige waren mit Windeln im Klassenlager»
Aktualisiert

Inkontinenz«Drei 10-Jährige waren mit Windeln im Klassenlager»

Immer mehr Kinder würden bis ins Schulalter Windeln tragen, weil diese immer komfortabler seien, beobachtet eine Therapeutin. Eine Ärztin widerspricht.

von
the
1 / 2
Windeln bei Schulkindern, diesen Trend beobachtet die Schweizer Therapeutin Rita Messmer. «Ich weiss von einer Klasse, in der drei Zehnjährige mit Windeln ins Klassenlager gegangen sind.»

Windeln bei Schulkindern, diesen Trend beobachtet die Schweizer Therapeutin Rita Messmer. «Ich weiss von einer Klasse, in der drei Zehnjährige mit Windeln ins Klassenlager gegangen sind.»

Jes2ufoto
Grund der Entwicklung sind für Messmer die Windeln, die immer saugfähiger und bequemer seien. «Niemand mag gern in seinen eigenen Ausscheidungen liegen, doch wenn die Windeln so saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl.»

Grund der Entwicklung sind für Messmer die Windeln, die immer saugfähiger und bequemer seien. «Niemand mag gern in seinen eigenen Ausscheidungen liegen, doch wenn die Windeln so saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl.»

Keystone/Alessandro Della Bella

Grossbritannien hat eine Töpfchen-Krise. Lehrer berichten, dass immer mehr Kinder zu Schulbeginn noch nicht allein aufs Klo gehen können und Windeln tragen müssen. Laut dem britischen Lehrerverband gehen die Kinder im Schnitt erst mit dreieinhalb Jahren allein auf die Toilette, vor 50 Jahren betrug das Durchschnittsalter noch 15 Monate.

Diesen Trend beobachtet auch die Schweizer Therapeutin Rita Messmer. «Ich habe in letzter Zeit viele sehr krasse Fälle in meiner Praxis behandelt: einen Elfjährigen, der sogar sein grosses Geschäft in der Windel verrichten muss, und einen 14-Jährigen, der immer noch nicht trocken ist.» Auch das Bettnässen sei ein zunehmendes Problem. «Ich weiss von einer Klasse, in der drei Zehnjährige mit Windeln ins Klassenlager gegangen sind.»

«Weil Windeln saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl»

Auch Kinder- und Jugendpsychiater Ulrich Fischer stellt eine Tendenz zum längeren Windeltragen fest. «Früher, als es nur Stoffwindeln gab, wollten die Eltern die Kinder möglichst schnell ans Töpfchen gewöhnen, um die Windeln nicht mehr waschen zu müssen. Heute ist es hingegen einfacher, weiterhin Windeln zu verwenden, als den Kindern den eigenständigen Gang aufs WC beizubringen.» Dies sei aber eher bei Kindergärtlern ein Problem. Fischer plädiert dafür, nicht aus Bequemlichkeit die Sauberkeitserziehung zu lange aufzuschieben. «Für junge Kinder ist es ein wichtiger Autonomieschritt, der positiv erlebt wird.»

Grund der Entwicklung sind für Messmer die Windeln, die immer saugfähiger und bequemer seien. «Niemand mag gern in seinen eigenen Ausscheidungen liegen, und so wollen die Kinder schnell eigenständig aufs Töpfchen. Doch wenn die Windeln so saugstark sind, bleibt kein unangenehmes Gefühl.» Dies führe dazu, dass die Kinder einfach laufen lassen, wenn sie Druck oder Harndrang verspüren. «Die Körperfunktionen, welche die Ausscheidungen zurückhalten, werden nicht mehr trainiert. Das führt dazu, dass man diese dann später mühsam erlernen muss.»

Schon Säuglinge ohne Windeln?

Die Therapeutin warnt vor einer Epidemie. Dieses Problem werde zunehmen: «Es gibt immer mehr Windeln für grössere Kinder im Detailhandel, und Verkäuferinnen sagen mir, die gehen weg wie warme Weggli.» Sie plädiert deshalb dafür, schon Säuglinge von der Windel zu befreien und sie aufs Töpfchen zu setzen und zu halten, bis sie ihr Geschäft verrichtet haben. «Das kann man ab dem ersten Tag nach der Geburt machen, denn die Säuglinge befinden sich in einer sensiblen Phase.» Wenn es so weit sei, würden die Babys Signale geben. «Das ist ein leichtes Unruhigwerden, Weinen oder Absetzen beim Stillen.» So würden die Babys von Anfang an lernen, dass ihr Geschäft aufs Töpfchen gehört. «In anderen Kulturen tragen die Kinder auch keine Windeln, und es funktioniert.

Nichts von den Theorien der Therapeutin Messmer hält die Ärztin Regula Doggweiler vom Kontinenzzentrum Hirslanden. «Dass Kinder im Schulalter noch Windeln brauchen, kommt immer mal wieder vor, zugenommen haben die Fälle in meinen Augen nicht.» Auch seien nicht etwa besonders saugfähige Windeln dafür verantwortlich. «Die sind sehr unbequem und tönen beim Laufen, den Kindern im Schulalter sind sie zudem unglaublich peinlich.»

«Windeln zu tragen ist nicht schädlich»

Eine Inkontinenz in diesem Alter könne verschiedenste Gründe haben. «Etwa ein Nervensystem, dass die Blase nicht richtig kontrollieren kann, oder Probleme im persönlichen Umfeld, die eine psychische Reaktion verursachen.» Sei ein Kind mit etwa vier Jahren noch nicht trocken, solle man dies mit einem Arzt besprechen.

Bereits Säuglinge aufs Töpfchen zu setzen, habe aber keinen Sinn. «Ein bis zwei Jahre Windeln zu tragen, ist völlig normal und überhaupt nicht schädlich. Wenn das Kleinkind selbst die Windeln auszieht, kann man es mit dem Töpfchen versuchen.»

Deine Meinung