Drei Medaillen für die Schweizer Boarder
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Drei Medaillen für die Schweizer Boarder

Die Schweizer Snowboarder haben bei der Heim-WM in Arosa ihre Medaillen zwei, drei und vier gewonnen. Im Parallel-Riesenslalom der Männer belegte Philipp Schoch den zweiten, Heinz Inniger den dritten Platz. Bei den Frauen sicherte sich Fränzi Kohli die Bronzemedaille.

Gleich bei erster Gelegenheit demonstrierten die einheimischen Alpinboarder im WM-Parallel-Riesenslalom in Arosa ihre Klasse. Doppel-Olympiasieger Philipp Schoch erweiterte sein beeindruckendes Palmarès um eine Silbermedaille. Heinz Inniger veredelte die erstklassige Schweizer Bilanz mit Bronze.

Nur auf dem obersten Podestplatz stand kein Vertreter von Swiss- Ski: Rok Flander, der slowenische Aufsteiger und Mitfavorit, liess sich von niemandem bezwingen und sicherte der südeuropäischen Kleinrepublik vier Jahre nach Dejan Kosirs Goldfahrt in Kreischberg den zweiten WM-Titel. Die Euphorie der Einheimischen schmälerte der Coup Flanders' keineswegs. Nach zwei Wettkampftagen erreichten sie die vom Verband formulierten Ziele zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Dank zwei silbernen und bronzenen Auszeichnungen haben die Gastgeber bereits mehr Edelmetall gewonnen als an der gesamten letzten WM in Whistler Mountain - notabene vor den womöglich medaillenträchtigen Parallel-Slaloms von Mittwoch.

Obschon Philipp Schoch in den letzten beiden Läufen des Tages eine Niederlage erlitt, ist allein sein Finalvorstoss wie ein Sieg zu bewerten. Seit rund vier Wochen leidet er unter den schmerzhaften Folgen einer Sehnenentzündung zwischen Schien- und Wadenbein. «Im Weltcup hätte ich in einer vergleichbaren Situation wohl aufgegeben», mutmasste Schoch. Ohne schmerzstillende Spritze wäre der Start undenkbar gewesen. Unter diesen Umständen war nur nachvollziehbar, dass der Modellathlet hinterher vom «grössten Kampf seiner Karriere» sprach.

Simon Schochs fataler Bügelbruch

Der attraktive Wettkampf stand vorwiegend im Zeichen der Familie Schoch. Philipp erreichte nach mehreren vergeblichen Anläufen nun auch auf WM-Niveau die erwartete Spitzenklassierung, derweil sein Bruder Simon in der Qualifikation im zweiten Lauf wegen eines Materialschadens stürzte und deshalb völlig überraschend den Cut nicht schaffte. Der Bügelbruch der vorderen Bindung verhinderte im «Vorprogramm» ziemlich sicher einen Doppelsieg der Schoch-Brothers.

Simon Schoch hatte im ersten Durchgang der Qualifikation dem Rest der Weltelite eine Lektion erteilt. Nichts deutete auf eine Enttäuschung hin, bis er ohne eigenes Verschulden kurz vor der drittletzten Torflagge unkontrolliert abdriftete. «Bei dieser Querbeschleunigung hatte ich keine Chance mehr. Das Material hat dem Druck nicht mehr standgehalten. So etwas ist mir zuletzt vor zwei Jahren in Lake Placid passiert», fasste der schwer enttäuschte Weltcup-Leader sein Pech in Worte.

Das Out des derzeit weltbesten Alpinfahrers trägt ungemein bittere Züge. Zwei von fünf Rennen dieser Saison hat Simon Schoch gewonnen; ein dritter Platz ist sein «schwächstes» Resultat. Kein anderer brillierte bis anhin auf der FIS-Tour mehr als der Gesamtweltcupsieger des letzten Winters. «Keiner bringt momentan mehr Zug auf die Piste als Simon», bedauerte Alpin-Trainer Christian Rufer den prominentesten Ausfall neben jenem des Doppel-Weltmeisters JJ Anderson.

Philipp Schochs beeindruckende Wenden

Dem nicht zu übersehenden Schoch-Fanclub - die Anhänger der Zürcher Oberländer installierten auf einer Anhöhe eine gut frequentierte Raclette-Openair-Bar - blieben weitere Frusterlebnisse indes erspart. Philipp Schoch schaltete der Reihe nach den Russen Alexander Belkin, den Slowenen Izidor Sustersic und seinen Teamkollegen Heinz Inniger aus. Zweimal korrigierte der 27- jährige Kraftprotz einen erheblichen Rückstand. Im packenden Duell mit Inniger wendete Schoch das Blatt im grossen Stil gar trotz eines Handicaps von 0,91 Sekunden.

Bis zum ersten Finalrun steigerte sich der Doppel-Olympiasieger kontinuierlich. Kraftvoll und mit der ihm eigenen Entschlossenheit des selbstbewussten Champions carvte er einem weiteren Highlight seiner exzellenten Karriere entgegen - bis er das WM-Glück mit seinem radikalen Fahrstil zu sehr strapazierte. Für einmal versagte das Risikomanagement Schochs. Wie sein Bruder stürzte er drei Flaggen vor der Ziellinie. Einen erneuten Umschwung liess der stilsichere Flander zum Nachteil der Schweizer nicht mehr zu.

Heinz Innigers Olympia-Revanche

Mit Ausnahme des zu zögerlichen zweiten Halbfinals verwöhnte Heinz Inniger die wieder gegen 4000 Schüler und sonstigen Snowboard-Touristen mit einer spektakulären «Steigerungsfahrt». Im Fotofinish bezwang der Berner Oberländer in der Startrunde den französischen Ausnahmekönner Mathieu Bozzetto. Der Erfolg gegen den zweifachen WM- Zweiten löste beim vom Verband nicht gesetzten Schweizer den Knoten.

Nur von Schoch liess er sich stoppen. Im Kampf um Rang 3 revanchierte sich Inniger gegen Österreichs Kultboarder Sigi Grabner für die Viertelfinal-Niederlage an den olympischen Spielen in Turin. «Das ist für mich eine spezielle Genugtuung», strahlte Inniger ohne Unterbruch. Nur einer freute sich noch grenzenloser über den Exploit Innigers: Der unsägliche Speaker beschallte den Zielraum nonstop mit Sätzen wie «Hollywood-Heinz isch e geile Siech».

Fränzi Kohli kurvte in die Weltelite

Die Schweizer Mini-Delegation erreichte im WM-Parallel- Riesenslalom der Frauen entgegen der allgemeinen Prognosen nahezu das Maximum. Fränzi Kohli gewann nach ihrem unnötigen Out gegen die spätere russische Weltmeisterin Jekaterina Tudigeschewa ihre erste Bronzemedaille an internationalen Titelkämpfen.

Drei Jahre nach ihrem Aufstieg in die Nationalmannschaft tauchte die 24-Jährige aus Steffisburg am wichtigsten Rendez-vous ausserhalb der Olympischen Spiele erstmals im engsten Kreis der Weltelite auf. Zwei Hundertstel trennten sie eine Runde vor Schluss von einer noch besseren Klassierung. Im Halbfinal gegen Tudigeschewa war ihr wegen eines zeitraubenden Fehlers im flachen Teil des Hangs eine Reserve von 0,38 Sekunden entglitten.

Vom insgeheim angepeilten Medaillengewinn liess sich Kohli gleichwohl nicht mehr abbringen. Gegen die Österreicherin Marion Kreiner spielte sie ihre technischen Vorzüge überzeugend aus. Und trotz des Erfolgs schwankte die einzige Alpin-Athletin mit Nationalmannschaftsstatus zwischen Freude und Unzufriedenheit: «Ich bin schon happy, aber der Fehler im Halbfinal fuchst mich doch sehr. Es wäre noch mehr möglich gewesen.»

Dank der gemeinhin nicht kalkulierten Bronzemedaille wird Kohli zumindest für ein paar Tage mehr mediale Beachtung zuteil werden als in ihrer gesamten knapp fünfjährigen Wettkampf-Laufbahn. Während der Regentschaft der Weltcup-Dominatorinnen Daniela Meuli und Ursula Bruhin beteiligte sich die Pharma-Assistentin praktisch unter Ausschluss der Schweizer Öffentlichkeit an der FIS-Tour.

Nun sorgte Kohli, die erst im vergangenen Oktober in Sölden ihr erstes Weltcuprennen gewonnen hatte, gleich beim ersten international massgebenden Anlass seit dem Doppelrücktritt von Meuli und Bruhin für eine Ehrenmeldung. Nicht auf gleicher Höhe bewegte sich hingegen die Walliserin Patrizia Kummer (13.). Die Verwandte der früheren Weltcup-Skifahrerin Lilian Kummer überstand zwar die Qualifikation, scheiterte dann aber chancenlos an der US- Konkurrentin Stacia Hookom. Kobers Sturz des Tages

Das Missgeschick des Tages leistete sich die erst 19-jährige Favoritin Amelie Kober. Deutschlands Junioren-Sportlerin des Jahres führte nach dem ersten Finaldurchgang scheinbar uneinholbar mit 1,44 Sekunden Vorsprung. Mit Gold vor Augen stürzte das grösste Talent der Alpinszene ohne Grund und aus der Entscheidung. Ein ähnliches Malheur war ihr vor Jahresfrist bereits im Olympia-Final gegen Meuli unterlaufen.

Arosa. WM. Parallel-Riesenslalom. Männer: 1. Rok Flander (Sln). 2. Philipp Schoch (Sz). 3. Heinz Inniger (Sz). 4. Siegfried Grabner (Ö). 5. Andreas Prommegger (Ö). 6. Tyler Jewell (USA). 7. Nicolas Huet (Fr). 8. Izidor Sustersic (Sln). 9. Marc Iselin (Sz). 10. Mathieu Bozzetto (Fr). 11. Justin Reiter (USA). 12. Rok Marguc (Sln) und Matthew Morison (Ka). 14. Daniel Biveson (Sd). 15. Roland Fischnaller (It). 16. Alexander Belkin (Russ). Ferner, in der Qualifikation gescheitert: 30. Simon Schoch. Disqualifiziert: Emanuel Oppliger (Au/Sz). - 53 klassiert.

Frauen: 1. Jekaterina Tudigeschewa (Russ). 2. Amelie Kober (De). 3. Fränzi Kohli (Sz). 4. Marion Kreiner (Ö). 5. Stacia Hookom (USA). 6. Carmen Ranigler (It). 7. Swetlana Boldikowa (Russ). 8. Julie Pomagalski (Fr). 9. Heidi Krings (Ö) und Nicolien Sauerbreij (Ho). 11. Isabella Laböck (De). 12. Eri Yanetani (Jap). 13. Michelle Gorgone (USA) und Patrizia Kummer (Sz). 15. Tomoka Takeuchi (Jap). 16. Kimiko Zakreski (Ka). - 51 klassiert. (si)

Die Medaillengewinner:

Philipp Schoch: Geboren am 12. Oktober 1979. - Grösse/Gewicht: 183 cm/90 kg. - Wohnort: Steg ZH. - Beruf: Snowboard-Profi. - Hobbys: Biken, Motocross, Wakeboarden. - Grösste Erfolge: Alpin-Olympiasieger 2006 und 2002, WM-Zweiter im Parallel-Riesenslalom 2007 in Arosa, Alpin-Weltcupsieger 2005, 25 Weltcup-Podestplätze (davon 15 Siege).

Heinz Inniger: Geboren am 18. Dezember 1980. - Grösse/Gewicht: 180 cm/80 kg. - Wohnort: Frutigen. - Beruf: Bäcker-Konditor/Profi. - Hobbys: Badminton, Biken, Volleyball. - Grösste Erfolge: WM-Dritter im Parallel-Riesenslalom 2007 in Arosa, Olympia-Fünfter 2006, Dritter im Alpin-Weltcup 2006, 8 Weltcup- Podestplätze (davon 3 Siege).

Fränzi Kohli: Geboren am 31. Mai 1982. - Grösse/Gewicht: 171 cm/63 kg. - Wohnort: Steffisburg. - Beruf: Pharmaassistentin/Profi. - Hobbys: Klettern, Wandern, Zelten, Natur. - Grösste Erfolge: WM-Dritte im Parallel-Riesenslalom 2007 in Arosa, 7 Weltcup-Podestplätze/1 Sieg (im Oktober 2006 in Sölden/Ö).

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