Basel – Drei Strafanzeigen, ein Monat Haft und der Stalker hörte immer noch nicht auf
Publiziert

BaselDrei Strafanzeigen, ein Monat Haft und der Stalker hörte immer noch nicht auf

Eine junge Frau wehrte sich in Basel mit Anzeigen gegen einen aufdringlichen und gewalttätigen Stalker. Erst nach dem vierten Strafantrag landete der 29-Jährige dauerhaft im Gefängnis. Ende April muss er sich vor Gericht verantworten.

von
Lukas Hausendorf
1 / 5
Vor dem Basler Strafgericht muss sich Ende April ein 29-jähriger Mann wegen Stalkings verantworten.

Vor dem Basler Strafgericht muss sich Ende April ein 29-jähriger Mann wegen Stalkings verantworten.

20 Minuten
Er terrorisierte seine Ex-Freundin über Monate hinweg telefonisch, stellte ihr nach und wurde sogar gewalttätig. (Symbolbild)

Er terrorisierte seine Ex-Freundin über Monate hinweg telefonisch, stellte ihr nach und wurde sogar gewalttätig. (Symbolbild)

20min/Marco Zangger
Seine 22-jährige Ex-Freundin wehrte sich mit mehreren Strafanträgen. Die Polizei sprach auch mehrfach Rayonverbote aus.

Seine 22-jährige Ex-Freundin wehrte sich mit mehreren Strafanträgen. Die Polizei sprach auch mehrfach Rayonverbote aus.

Kapo Basel-Stadt

Darum gehts

Als am 15. Dezember die Handschellen klickten, endete für die junge Baslerin ein neunmonatiges Martyrium. Seit März stellte ihr ihr Ex-Freund nach. Unzählige Male rief er bei ihr an, kletterte auf ihren Balkon, schrie in ihrem Innenhof herum, bedrohte sie mit dem Tod, schlug sie gar bewusstlos. Die 22-Jährige wehrte sich gegen ihren Stalker, insgesamt vier Mal stellte sie Strafantrag, drei Mal sprach die Polizei dem 29-Jährigen ein Rayonverbot aus. Einen Monat lang hatte sie Ruhe, als er in Haft war. Kaum aus dem Gefängnis entlassen terrorisierte er sie weiter. Bis zum 15. Dezember, seither ist er wieder in Haft. Ende April nun muss sich der Stalker vor dem Basler Strafgericht verantworten.

Im Gerichtskalender heisst es zum Fall «Stalking nach Beziehungsende», obschon ein eigentlicher Stalking-Straftatbestand im Schweizer Strafgesetz gar nicht existiert. Die Kommission für Rechtsfragen, der auch die Basler Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne) angehört, will einen entsprechenden Vorstoss von 2019 noch dieses Jahr in die Vernehmlassung schicken. Wenn Stalking explizit als Straftatbestand aufgenommen werde, habe das eine präventive und abschreckende Wirkung: «Und die Betroffenen würden sich mehr trauen, sich dagegen zu wehren», so Arslan gegenüber 20 Minuten. Das Anliegen kam diese Woche wieder in die Schlagzeilen, nachdem eine 22-jährige Thurgauerin von ihrem Stalker in Hamburg erschossen wurde.

Hinter dem Begriff steckt in diesem Fall eine Vielzahl an Delikten, die dem Stalker vorgeworfen werden. Mehrfache einfache Körperverletzung, Tätlichkeiten, Sachbeschädigung, Beschimpfungen, mehrfacher Missbrauch einer Fernmeldeanlage, Drohungen, Nötigung, Gewalt und Drohung gegen Beamte,  Hinderung einer Amtshandlung und Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung. 

Anzeigen und Rayonverbote nützten nichts

Das Leiden der 22-Jährigen nahm seinen Lauf im Februar vergangenen Jahres, als sie die Beziehung zum Beschuldigten nach rund einem halben Jahr beendete. Er «wollte und konnte das Beziehungsende nicht akzeptieren», hält die Anklage einleitend fest. Mehrfach habe er versucht, sie zu einer Wiederaufnahmen der Beziehung zu überreden. Ab März eskalierte sein Verhalten dann.

Von mindestens zehn verschiedenen Nummern habe er sie, aber auch ihre Schwester, deren Freund und ihre Familie unzählige Male angerufen. So soll er beispielsweise allein am 24. Mai 60 Mal angerufen haben. Damit nicht genug. Der verschmähte Ex kletterte eines Nachts nach erfolglosen Anrufen auf den Balkon ihrer Wohnung und hämmerte an ihre Fensterscheibe. Nachdem sie ihn auch dort ignorierte, übernachtete er vor ihrem Briefkasten. 

Schliesslich willigte sie zu einem Treffen ein, bei dem er tätlich wurde, als er erkannte, dass er keine zweite Chance bekommen würde. Nach einem zweiten gewalttätigen Treffen stellte sie am 2. Juni erstmals einen Strafantrag. Die Polizei sprach gegen ihren Ex in der Folge ein Rayonverbot aus, das er schon am nächsten Tag missachtete. Am 24. August bedrohte er sie erstmals mit dem Tod, nachdem er am Vorabend in Polizeigewahrsam genommen wurde, weil er betrunken in ihrem Innenhof herumgeschrien hatte. Es folgte der zweite Strafantrag und wieder wurde ein Rayonverbot ausgesprochen.

Nach dem Gutachter ins Gefängnis

Am 9. Oktober passte er sie auf dem Arbeitsweg ab und setzte sich zu ihr in den Bus. Als sie ausstieg und ihm zu entkommen versuchte, riss er sie an den Haaren zurück und schlug sie schliesslich bewusstlos. Danach wurde er für einen Monat in Haft genommen, sie stellte ihren dritten Strafantrag. Nach seiner Entlassung stalkte er sie aber weiter. Am 11. Dezember wurde er wieder handgreiflich, bedrohte sie und klingelte abends Sturm an ihrer Haustüre. Nach diesem Vorfall wurde eine kurzzeitige fürsorgerische Unterbringung verfügt, am 15. Dezember wurde er in Haft genommen, nachdem er seine Termine beim Gutachter wahrgenommen hatte. 

Am 26. April wird das Dreiergericht seinen Fall verhandeln. Es gilt die Unschuldsvermutung.

«Wichtig ist, dass sich die Frauen bei der Polizei melden»

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Stalking betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Deine Meinung