Sendekritik: Drei Tabubrüche bei Steffi Buchlis MySports

Publiziert

SendekritikDrei Tabubrüche bei Steffi Buchlis MySports

MySports hat die Premiere hinter sich gebracht. 20 Minuten hat dem neuen Sportsender am ersten Wochenende auf die Finger geschaut.

von
Marcel Allemann

Der grosse Gewinner der neuen Verhältnisse im Sport-TV-Kuchen ist das Eishockey. Über fünf Stunden war MySports am Premierenabend auf Sendung, das gab es zuvor im Rahmen einer Eishockey-Runde in der Schweiz noch nie. Zudem gewichtet auch SRF die Spieltage nun mit seinem Magazin «Eishockey aktuell» stärker. Mit dem vollen Paket von Pay-TV und Free-TV kann sich der Fan nun wie in einem Schlaraffenland fühlen und erhält einen deutlichen Mehrwert.

MySports zeigte sich bei seiner Premiere frisch, dynamisch und modern. Und wartete mit nicht weniger als drei Tabubrüchen auf. Die Sendekritik nach den ersten beiden Eishockeyabenden in der National League, aufgeteilt nach einzelnen Punkten:

Optischer Auftritt: Das Studio ist topmodern und so aufgebaut, wie man es aus den TV-Formaten aus der NHL kennt. Schick ist die Hintergrundwand, auf der zumeist Spielernamen aus der National League eingeblendet werden und auch immer wieder mit Grafiken, Logos und Bildern gespielt wird. Verbesserungsfähig sind die grafischen Elemente bei den Spielübertragungen.

Sendeformate: Ein Hockeyabend besteht neben den Live-Spielen aus Vorberichterstattung, Drittelspausenprogramm und Nachberichterstattung. Neben den Diskussionen im Studio am Tisch zwischen Moderation, Experten und Gästen sind Hintergrund-Beiträge ein wichtiges Element bei MySports. Einige waren stark und tiefgründig, wie etwa jener über den neuen ZSC-Captain Patrick Geering. Andere, wie jener über Chris McSorleys ersten Abend auf der Tribüne statt an der Bande von Servette, dagegen dünn und oberflächlich. Allgemein war das Tempo am Premieren-Abend zu rasant, zu viele Themen wurden kurz angesprochen, aber in die Tiefe ging man nur selten. Am Samstag war dies dann besser.

Moderation: MySports ist Steffi Buchli, und Steffi Buchli ist nun MySports. Die Starmoderatorin kann nach ihrem spektakulären Abgang von SRF auf eine insgesamt geglückte Premiere zurückblicken und konnte ihre bekannten Stärken ausspielen, blieb aber auch von einigen Pannen nicht verschont. Unmittelbar beim Sendestart wirkte Buchli ungewohnt nervös, was sich auch auf die anderen im Studio übertrug, aber später legte. Sie leistete sich insgesamt auch mehr Versprecher, als man es sich von ihr aus SRF-Zeiten gewohnt ist, und man bekam den Eindruck, dass sie auf dem Ohr von der Regie noch nicht so gut gecoacht wird, wie sie sich das vom Schweizer Fernsehen gewohnt war.

Am Freitag wusste Buchli einmal auch nicht mehr, in welchem der verschiedenen Sendeformate sie nun unterwegs ist, zudem gab es einige Tonprobleme. Charmant war danach jedoch ihre Abmoderation und wie sie sich für die «Hacker» in der ersten Sendung entschuldigte. Speziell war, dass am Freitag Buchlis Tattoo am Unterarm prominent zu sehen war. Ein erster Tabubruch, der jedoch durchaus dem Zeitgeist entspricht. Eine Eishockey-Sendung ist schliesslich nicht die Hauptausgabe der «Tagesschau».

Experten: Nach nervösem Beginn steigerte sich Ex-ZSC-Stürmer Patrik Bärtschi am Freitag und überzeugte. Gut war auch Ex-Ref Nadir Mandioni, dessen Ausführungen nach dem Schiri-Schubser von Zugs Timo Helbling interessant waren. In der Samstagssendung gefiel der frühere Trainer und Verbandsfunktionär Ueli Schwarz. Seine Analysen wirken nicht mehr so lehrerhaft und verstaubt wie noch früher in selber Funktion bei SRF, sondern wesentlich frischer und witziger. Ein eher schwaches Element war dagegen Ex-Stürmer Dario Kostovic. Allgemein fällt auf, dass alle sehr lieb zueinander sind im Studio. Es fehlt eine kontroverse Figur, wie es Morgan Samuelsson beim Teleclub ist. Speziell ist, dass sich alle duzen. Womit wir beim zweiten Tabuburch wären. Bei SRF und dem Teleclub siezen die Moderatoren ihre Gäste. Ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig für die Zuschauer, passt jedoch zur Sportart Eishockey, in der das Du normal ist.

Kommentatoren: Ganz stark: Thomas Rottmeier. Gut machte es bei seiner Live-Premiere auch Rookie Lars Nay. Aber es gibt auch ein natürliches Gefälle unter den Moderatoren. Mutig war, dass MySports den Deutschen Basti Schwele, der bei Sport 1 die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft kommentiert, bei ZSC – Kloten ans Mikrofon liessen. Ein Deutscher, der ein Schweizer Spiel kommentiert, das ist ein weiterer Tabubruch. Geht aber, weil Schwele ein überragender Kommentator ist. Nur mit dem Namen Reto Schäppi hatte er seine liebe Mühe.

Gäste: Am Freitag waren Reto Suri (Zug) und Eric Blum (SCB) im Studio, am Samstag Tanner Richard (Servette). Besser geht es kaum. Suris Ausdrucksweise ist so gut wie bei kaum bei einem Zweiten in der Liga. Blum ist witzig sowie schlagfertig und auch Richard ein TV-Naturtalent. Grossartig war, als dieser erzählte, wie er beim Spiel am Freitag vergebens versuchte, Fribourg-Goalie Barry Brust zu provozieren. Kann MySports dieses Gäste-Niveau halten, wäre das top.

Deine Meinung