Aktualisiert 10.08.2010 22:18

ZürichDrei Tage im Schaufenster wohnen

Drei Kunst-Studenten leben drei Tage in einem Schaufenster an der Langstrasse. Sie möchten damit zeigen, wie es ist, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

von
David Torcasso
Stets erreichbar: David Suter, Oliver Sutter und Roger Hofstetter. (Bild: Aebi)

Stets erreichbar: David Suter, Oliver Sutter und Roger Hofstetter. (Bild: Aebi)

Passanten an der Langstrasse bleiben plötzlich stehen und blicken verdutzt ins Schaufenster des Kunstraums Perla/College Corner. Darin befinden sich zwei kleine Zimmer mit Pflanzen, Matratzen, Laptops und Büchern. Ans Fenster sind drei Handynummern hingemalt. Seit gestern hausen die Studenten Oliver Sutter (32), David Suter (22) und Roger Hof­stetter (22) mitten im Schaufenster: «Wir sind drei Tage lang nonstop mit der Aussenwelt verbunden. Man kann uns rund um die Uhr anrufen oder mit uns chatten und skypen», sagt Sutter. Mit dieser Performance möchten die drei Fotografie-Studenten der F+F Schule für Kunst und Mediendesign Zürich die ständige Erreichbarkeit unserer Gesellschaft «in einer extremen Form darstellen», so Sutter. «Der Verzicht auf Privatsphäre hat im Zeitalter von Facebook unmerklich zugenommen, dauernd setzt man sich seiner Umwelt aus. Das tun wir in diesem Schaufenster, das zugleich wie ein Käfig ist.»

Sie wollten keine voyeuristischen Gelüste wecken und auch keine Selbstdarstellung betreiben: «Es geht uns nur um die Interaktion mit der Aussenwelt. So viele wie möglich sollen uns in diesen 72 Stunden kontaktieren», sagt Sutter. Für die drei leidenschaftlichen Fotografen bietet die Langstrasse aber auch eine unerschöpfliche Kulisse für tolle Sujets. «Einige Leute werden uns fotografieren, aber auch wir halten die Aussenwelt fest.»

Ausstellung heute ab 12 Uhr.

Schon 1998 Familie in Schaufenster

Bereits 1998 wohnten Menschen in einem Schaufenster in Zürich: Der Werber Frank Baumann schickte Ende März 1998 die Familie Biundo aus Wetzikon ins Schaufenster des Jelmoli an der Bahnhofstrasse. Vier Wochen lang sollte das Ehepaar mit seiner drei- und elfjährigen Tochter dort wohnen – Lohn: 10 000 Franken. Das Publikumsinteresse und der Medienrummel waren enorm: Rai 2, BBC und sämtliche deutschen TV-stationen berichteten über die Familie. Doch nach 52 Stunden zogen die Biundos wieder aus – und zwar nicht freiwillig. Die Aktion war auf Druck von Jelmoli abgebrochen worden, weil der Medienhype zu gross geworden war.

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