Heisses Eisen: Dresden eröffnet Antikriegsmuseum

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Heisses EisenDresden eröffnet Antikriegsmuseum

Statt plumpe Waffenschau eine Kulturgeschichte der Gewalt: Das umgebaute Militärhistorische Museum Dresden zeigt eine kontroverse Schau über Sinn und Unsinn des Krieges.

von
phi

Militärmuseen sind Orte nationaler Beweihräucherung: Sie zeigen Schlachten in chronologischer Abfolge, stellen schicke Unformen aus und präsentieren Kriegswerkzeuge. Die Bundeswehr hat in Dresden ein «Antikriegsmuseum» gebaut. Oberstleutnant Matthias Rogg, der den 54 Millionen Euro teuren Umbau des amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind am 14. Oktober eröffnen wird, sagte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ): «Wir blicken auf unsere Streitkräfte auch kritisch, während sie woanders nach wie vor teil der nationalen Identifikation sind.»

Museum schreckt auch vor grundsätzlichen Fragen nicht zurück

«Wir packen heisse Eisen an. In dieser Konsequenz macht das kein Museum weltweit», so Rogg. 7000 Exponate werden auf 19 000 Quadratmetern in der sächsischen Hauptstadt gezeigt, die am 13. Februar 1945 in der Bombennacht selbst leidvolle Kriegserfahrungen sammeln musste. Im Altbau des Kasernengeländes von 1870 wird die Ausstellung «Deutsche Kriege» präsentiert, die vom Mittelalter bis zum Afghanistan-Einsatz reicht. Auch vor grundsätzlichen Fragen, was dieser Einsatz am Hindukusch überhaupt soll, schrecken die Macher dabei nicht zurück.

«Wir wollen die Kulturgeschichte der Gewalt darstellen», erklärt dazu der wissenschaftliche Leiter des Museums, Gorch Pieken, der FAZ. Im «Spiegel» sagt er: «Wir rechnen mit heftigen Diskussionen.»

Der Neubau von Libeskind aus Stahl und Glas widmet sich in einer zweiten Ausstellung Themen wie «Mode und Militär», «Politik und Gewalt», «Leiden im krieg» oder «Kriege und Gedächtnis». Die Besucher werden von oben nach unten durch das Gebäude geführt: Einen «Erlebnisparcours», ein «Publikumsmuseum» habe Pieken errichten wollen.

«Gewalt so plastisch wie möglich dokumentieren»

Wichtig war dem Forscher, die Exponate für den Zuschauer richtig einzuordnen. «Wir setzen die Dinge in einen Kontext, der nicht für sich alleine steht», so Pieken. So erfahre der Interessierte nicht nur, dass ein Wehrmachtspanzer 500 Liter Sprit auf 100 Kilometer verbrauchte, sondern auch, woher der Treibstoff kam: In Lagern wie Auschwitz wurde er von Zwangsarbeitern in Hydrierwerken hergestellt. Leer schlucken werden Zuschauer auch beim Anblick eines Schädels, dessen Loch in der Front vom Selbstmord eines Soldaten zeugt. Ein Wehrmachtsclip vom qualvollen Gas-Tod eines Kätzchens und Geruchsproben menschlicher Verwesung sind weitere, schwer verdauliche Ausstellungsstücke.

«Wir wollen Gewalt so plastisch wie möglich dokumentieren. Deshalb brauchen wir sprechende Exponate», sagte Pieken dem «Spiegel». Andere Objekte überraschen: Das Museum zeigt aus Zweigen geflochtene Leitern, mit denen Nordafrikaner in die spanische Exklave Melilla eindringen wollten. Reggea-Sänger Patrice stiftete seine Uniformjacke, die auch Stars wie Michael Jackson oder Freddy Mercury getragen haben. Militärisch inspirierte Mode von Vivienne Westwood steht ebenso auf der Museumsagenda wie die Rolle von Tieren in bewaffneten Konflikten.

Weitere Informationen finden Sie beim Internetauftritt des Dresdner Militärmuseums.

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