Sedat Peker auf Youtube - Drogen, Korruption, Mord – Mafioso beschuldigt Erdogans Regierung
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Sedat Peker auf YoutubeDrogen, Korruption, Mord – Mafioso beschuldigt Erdogans Regierung

Gleich und gleich gesellt sich gern? Genau, sagt Mafiapate Sedat Peker. Auf Youtube beschuldigt er Mitglieder der Erdogan-Regierung des Drogenschmuggelns, der Korruption und des Mordes.

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Mafiapate Sedat Peker im Exil: «Ich setze die Welt in Brand für eine Träne in den Augen meiner Tochter». 

Mafiapate Sedat Peker im Exil: «Ich setze die Welt in Brand für eine Träne in den Augen meiner Tochter».

Screenshot Youtube
Zu den Anschuldigungen des Mafioso hat sich der türkische Präsident auffällig lange nicht geäussert. Jetzt aber hat er seinen Ministern den Rücken gestärkt. 

Zu den Anschuldigungen des Mafioso hat sich der türkische Präsident auffällig lange nicht geäussert. Jetzt aber hat er seinen Ministern den Rücken gestärkt.

via REUTERS
Sedat Peker beschuldigt führende und ehemalige Mitglieder der Regierung der Korruption, des Drogenhandels und des Mordes. Innenminister Soylu (im Bild mit Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak) etwa habe eng mit der Mafia zusammengearbeitet. 

Sedat Peker beschuldigt führende und ehemalige Mitglieder der Regierung der Korruption, des Drogenhandels und des Mordes. Innenminister Soylu (im Bild mit Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak) etwa habe eng mit der Mafia zusammengearbeitet.

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Darum gehts

  • Präsident Erdogan weist Korruptionsvorwürfe eines Mafiapaten gegen Regierungsmitglieder zurück.

  • Der verurteilte und flüchtige Sedat Peker beschuldigt Mitglieder der Regierungspartei der Korruption, des Drogenschmuggels und der Vertuschung eines Mordes.

  • Peker hat bisher keine Dokumente vorgelegt, die seine Vorwürfe untermauern würden.

Einst unterstützte er Recep Tayyip Erdogan mit politischen Veranstaltungen und bedrohte dessen Gegner. Jetzt hat aber hat Mafiapate Sedat Peker der türkischen Regierung den Krieg erklärt – per Youtube-Videos im Exil.

In seinem jüngsten Video vom Sonntag erklärt der 49-Jährige, der Sohn des früheren Ministerpräsidenten Binali Yildirim sei nach Venezuela gereist, um dort mögliche Schmuggelrouten für Drogengeschäfte zu erschliessen. Dies sei nötig gewesen, weil zuvor eine Lieferung von 4,9 Tonnen Kokain aus Kolumbien abgefangen worden sei.

Die Mafia im Staat?

Der ehemalige Regierungschef weist das scharf zurück: Sein Sohn, Inhaber einer Reederei, habe Schutzkleidung und Corona-Tests nach Caracas gebracht. Doch der Schaden ist angerichtet: Über zwölf Millionen User schauten sich bereits das Video an. Dabei ist es nur eines von insgesamt sieben, die Peker seit Anfang Mai hochgeladen hat.

Mafioso Peker ist in der Türkei bereits mehrfach im Gefängnis gesessen und wird jetzt in Dubai vermutet. Seine Videos setzen vor allem Innenminister Süleyman Soylu unter Druck, der als möglicher Nachfolger Erdogans gehandelt wird.

Dieser habe ihm, Peker, einen Leibwächter organisiert und ihn über Ermittlungen gegen seine Leute auf dem Laufenden gehalten – tatsächlich soll Peker letztes Jahr die Flucht aus der Türkei gelungen sein, nachdem er von einer geplanten Polizeioperation gegen seine Gruppe erfahren hatte. Als Gegenleistung habe Soylu ihn etwa um Hilfe im Ringen mit einer rivalisierenden Gruppe innerhalb der AKP gebeten, die von Erdogans Schwiegersohn angeführt werde .

Vertuschte Morde?

Auch den ehemaligen Innenminister Mehmet Agar und seinen Sohn Tolga beschuldigt der 49-Jährige: Sie sollen einen verdächtigen Todesfall vertuscht haben. So erklärte Peker, der AKP-Abgeordnete Tolga Agar sei in den Tod einer kasachischen Studentin verwickelt, die ihn interviewt habe. Nach einer mutmasslichen Vergewaltigung sei ihr Tod als Suizid ausgegeben worden. Der Abgeordnete bestreitet die Angaben.

Peker hat bisher keine Dokumente vorgelegt, die seine Vorwürfe beweisen. Doch seine Videos haben bereits zu Forderungen nach einem Rücktritt von Innenminister Soylus geführt; die Opposition fordert zudem eine Untersuchung der Vorwürfe durch die Staatsanwaltschaft.

Wieso schiesst der Mafioso gegen Erdogans Regierung?

«Peker wirkt, als wäre er betrunken oder auf Koks, während er in die Kamera spricht», schreibt der «Spiegel». «Doch das, was er in seinen Youtube-Videos berichtet, hat das Potenzial, die Türkei in ihren Grundfesten zu erschüttern.» Peker und seine Videos «treffen anscheinend einen Nerv vieler Türkinnen und Türken, die seit Langem das Gefühl haben, von einer Clique korrupter, autoritärer Politiker beherrscht zu werden.»

Aber wieso hat sich Mafiapate Peker plötzlich gegen die Erdogan-Regierung gewandt? Er erklärt es damit, dass die Polizei seine Villa in Istanbul gestürmt und seine Ehefrau und seine beiden Töchter bedroht und misshandelt hätte.

Dies, obgleich ihm Innenminister Soylu Straffreiheit zugesichert habe. «Ich setze die Welt in Brand für eine Träne in den Augen meiner Tochter», tönt er in Hollywoodmanier auf Youtube und schreibt auf Twitter: «Ich werde einige Tyrannen lehren, dass es nichts Gefährlicheres gibt als einen Mann, der keine Angst hat zu sterben».

«Hinterhältige Operation»

Gegen Erdogan selbst hat Peker bemerkenswerterweise noch nie geschossen. Der Präsident hielt sich so auch auffällig lange zurück, bis er seinen Leuten öffentlich den Rücken stärkte. Das war gestern, am Mittwoch. Erdogan erklärte, der verurteilte und flüchtige Peker wolle in «einer hinterhältigen Operation» und mit seinen Anschuldigungen die Türkei und die Regierung untergraben.

Mit Blick auf die Forderungen nach einem Rücktritt von Innenminister Soylu und der Ausrufung vorgezogener Neuwahlen betonte Erdogan, die nächsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen würden wie geplant 2023 stattfinden.

Erdogans auffällig langes Warten

«Warum Erdogan so lange gewartet hat, um seinem Innenminister im Streit mit Peker den Rücken zu stärken, wirft Fragen auf», schreibt die «NZZ». Sie zitiert Berk Esen, der an der Sabanci-Universität in Istanbul Politikwissenschaften lehrt: Dieser vermutet, «dass Erdogan eine Schwächung des mächtigen Kabinettsmitglieds bewusst geschehen liess.»

Das Motiv dürfte Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak sein. Im Kabinett galt er als der grösste Konkurrent von Innenminister Soylus. Dann trat Albayrak als Finanzminister überraschend zurück. Seit Wochen sind Medien zufolge aber Gerüchte im Umlauf, wonach er seine Rückkehr auf die politische Bühne vorbereitet.

Historisch tiefe Umfragewerte

Die «Peker-Tapes» wie sie in der Türkei genannt werden, sorgen zu einem Zeitpunkt für Aufsehen, an dem Erdogans AKP-Regierung in der öffentlichen Meinung immer schlechter wegkommt. In Umfragen liegt die AKP mit 27 Prozent auf dem niedrigsten Wert in ihrer Geschichte, und selbst der einst so populäre Erdogan würde derzeit nicht mehr gewählt.

Das hat vor allem mit der schlechten Wirtschaftslage zu tun, die sich in der Corona-Zeit noch einmal drastisch verschärft habe, schreibt die «NZZ». In einer Zeit, in der die Lira seit März gegenüber dem Dollar 14 Prozent an Wert verloren hat, lösten Berichte über einen mafiösen Staat und kriminelle, sich bereichernde Eliten leicht folgenschwere Empörung aus, egal wie unglaubwürdig der kriminelle Kronzeuge sei.

(gux/DPA)

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