Bewerbungsdebakel in Zofingen: Drogen-Polizeichef: Worüber stolperte Scholl?
Aktualisiert

Bewerbungsdebakel in ZofingenDrogen-Polizeichef: Worüber stolperte Scholl?

Er ist ein Vollblutpolitiker. Doch möglicherweise machte der zurückgetretene Zofinger Stadtrat Herbert H. Scholl deswegen einen Fehler — und stellte einen Drogendealer als Polizeikommandanten ein.

von
Lukas Mäder

Ein drogendealender Polizeikommandant wurde dem höchsten Aargauer zum Verhängnis: Nachdem am 11. August bekannt geworden war, dass die Aargauer Kantonspolizei Matthias M.*, Chef der Zofinger Regionalpolizei, wegen Drogenhandels und -konsums verhaftete, trat der zuständige Stadtrat Herbert H. Scholl vier Tage später zurück. Doch der gravierende Fehler des Politikers, der den Bewerber für das Amt vorgeschlagen hatte, kam erst diese Woche zum Vorschein: Scholl hatte keinen Leumundsbericht eingeholt, der eine frühere Verurteilung von Matthias M. im Zusammenhang mit Drogen gezeigt hätte. Diesen Fehler räumt Scholl ein (20 Minuten Online berichtete).

Keine Zeit wegen zu vielen Ämtern?

Doch warum stolpert ein Vollblutpolitiker wie Scholl über einen Anfängerfehler? «Ich nehme an, dass ihm der Fehler aus Zeitgründen unterlaufen ist», sagt ein Aargauer Politiker, der anonym bleiben will. Denn Scholl sei eine hochqualifizierte und kompetente Person. Dieselbe Vermutung kursiert in Scholls Heimatstadt: «Aufgrund seiner vielen Ämter fragt man sich, ob er noch alle seriös bewältigen kann», sagt ein Zofinger. Das hält auch Stefan Giezendanner, SVP-Einwohnerrat von Zofingen, für möglich: «Herbert H. Scholl ist überdurchschnittlich engagiert. Da könnte sich ein Fehler einschleichen.»

Tatsächlich ist die Liste von Scholls Mandaten lang: Neben seinem Stadtratsamt, das er in Teilzeit ausübte, arbeitet der 51-Jährige als selbständiger Rechtsanwalt und sitzt im Aargauer Grossrat, dem er dieses Jahr als Präsident vorsitzt — und somit höchster Aargauer ist. Zudem sitzt Scholl in der Geschäftsleitung des Aargauischen Gewerbeverbandes und ist Verwaltungsratsmitglied der Neuen Aargauischen Bank sowie der Bata Schuhe AG. Ein weiteres halbes Dutzend Funktionen — in Gremien von der Genossenschaft für kollektive Berufs- und Altersvorsorge bis zum Turnverein Zofingen — listet die Webseite des Aargauer Kantonsparlaments auf.

Ein Leben für die Politik

Scholl ist ein «animal politique»: Er begann seine politische Karriere vor Jahrzehnten im Einwohnerrat von Zofingen, seit 1981 sitzt er im Grossrat des Kantons Aargau und war knapp zehn Jahre Präsident der kantonalen FDP. Für seine Tätigkeit zollen ihm auch politische Gegner Respekt: «Ich habe ihn als sehr intelligente Person kennen und schätzen gelernt, der gradlinig politisiert und sich an Abmachungen hält», sagt Giezendanner, der als Herausforderer bei den Zofinger Stadtratswahlen Anfang August antrat — kurz vor Bekanntwerden von Scholls Fehlern. Andere Aargauer Politiker bezeichnen ihn als «politisches Schwergewicht» und als «blitzgescheit».

Politische Karriere führte nicht zum Gipfel

Doch Scholl, der aus einer angesehenen Zofinger Familie stammt, muss in seiner politischen Karriere auch Rückschläge einstecken: Der Sprung aufs nationale Parkett gelingt ihm nie. Bei den Eidgenössischen Wahlen 1999 landet der damalige freisinnige Kantonalpräsident nur auf dem siebten Listenplatz. Und auch vier Jahre später verwehrt ihm das Aargauer Stimmvolk den Einzug in den Nationalrat. Doch härter dürfte ihn der lokale Misserfolg 2005 getroffen haben: Der Parteilose Hans-Ruedi Hottiger schlug bei der Wahl zum Stadtammann den FDPler Scholl deutlich.

Scholl musste mit dem einfachen Teilzeit-Job als Stadtrat Vorlieb nehmen. «Ich bin überzeugt, dass ihn das getroffen hat», sagt Giezendanner. Er sieht als Grund für Scholls Nicht-Wahl dessen Ecken und Kanten: «Hottiger hat die gewinnendere Art», sagt Giezendanner, dem Scholl politisch näher steht als Hottiger. Mit der aktuellen Affäre und Scholls Rücktritt endet dessen kurzes politisches Zwischenspiel auf kommunaler Ebene: «Das ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen», sagt Giezendanner. Und er glaubt an weiterreichende Folgen: «Scholl zieht sich langsam zurück, weil er die Wertschätzung für seine Arbeit nicht bekommt.»

* Name der Redaktion bekannt

Herbert H. Scholl wollte sich auf Anfrage zum Thema nicht äussern.

Zofinger Drogen-Debakel

Wie eine Bombe schlug die Nachricht in Zofingen ein: Am Dienstag, 11. August 2009 wurde bekannt, dass der Chef der Regionalpolizei Zofingen verhaftet worden sei — weil er mit Drogen dealte. Polizeikommandant Matthias M. hatte seinen Posten als Quereinsteiger ein Jahr zuvor angetreten. Am darauffolgenden Samstag, 15. August, trat der Zofinger Stadtrat Herbert H. Scholl mit sofortiger Wirkung zurück. Scholl war als zuständiger Stadtrat verantwortlich für das Auswahlverfahren, als 2008 die Kommandantenstelle neu besetzt wurde.

Doch der eigentliche Kapitalfehler wurde erst am Dienstag, 18. August bekannt: Matthias M. war bei der Zürcher Kantonspolizei wegen zwei Drogendelikten aus den Jahren 2006 und 2007 aktenkundig. Stadtrat Scholl hätte davon erfahren können, wenn er einen Leumundsbericht angefordert hätte. Das ist bei der Anstellung von Polizisten eigentlich üblich. Scholl hat diesen Fehler eingestanden.(mdr)

Deine Meinung