Aktualisiert 21.11.2016 09:21

StromnetzDrohen Blackouts bei einem Atomausstieg?

Politik und Experten streiten sich, was die Abschaltung der AKW für unsere Stromversorgung hiesse. Ein Überblick.

von
J. Büchi
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Stromausfall in Zürich im September 2016: Müssen wir uns nach einem Atomausstieg an dieses Bild gewöhnen?

Stromausfall in Zürich im September 2016: Müssen wir uns nach einem Atomausstieg an dieses Bild gewöhnen?

Keystone/Walter Bieri
Bundesrätin Doris Leuthard  (CVP) warnte wiederholt vor Blackouts.

Bundesrätin Doris Leuthard (CVP) warnte wiederholt vor Blackouts.

Keystone/Peter Klaunzer
Ihr Parteikollege Stefan Mueller-Altermatt (2. von rechts) hingegen sagte, eine Stromlücke sei kein Thema. Was hat es damit auf sich?

Ihr Parteikollege Stefan Mueller-Altermatt (2. von rechts) hingegen sagte, eine Stromlücke sei kein Thema. Was hat es damit auf sich?

Keystone/Marcel Bieri

Und plötzlich sitzen wir im Dunkeln. Viele, die am 27. November ein Nein in die Urne legen, fürchten sich vor diesem Szenario. Wie die Tamedia-Abstimmungsumfrage zeigt, ist die Sorge um die Stromversorgung das wichtigste Argument im Lager der Gegner. «Blackouts», «Stromlücken» oder «Kurzschlüsse» – seit Wochen nun wird über diese Begriffe gestritten.

Droht uns wirklich das Licht auszugehen? Selbst das Lager der Gegner ist sich darüber auf den ersten Blick nicht einig. Während Energieministerin Doris Leuthard (CVP) offensiv vor Blackouts warnt, sagte ihr Parteikollege Stefan Müller-Altermatt im «Tages-Anzeiger», eine Stromlücke sei kein Thema.

«Ein Leichtes, uns zu widerlegen»

Müller-Altermatt verwies darauf, dass im vergangenen Sommer einmal alle AKW gleichzeitig stillgestanden waren. Würde sein Komitee im Abstimmungskampf also diese Karte ausspielen, wäre es für die Befürworter «ein Leichtes, uns zu widerlegen», sagte er. Darauf verweisen auch die Befürworter. Der Chef der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid wiederum hält «Teilausfälle» des Stromnetzes für möglich.

Was stimmt nun?

Für Verwirrung sorgen einerseits die unterschiedlichen Schlagworte. Eine eigentliche «Stromlücke» – also ein Mangel an Strom – droht nicht. In Europa hat es mehr als genug Strom, Millionen von Kilowattstunden werden täglich über die Landesgrenzen verschoben. Da sind sich die Experten einig.

Die Frage ist, was passiert, wenn beim Wegfall von Schweizer AKW mehr ausländischer Strom importiert werden müsste. Die Kapazitäten gewisser Leitungen würden nicht ausreichen, um die neuen Stromflüsse zu bewältigen, sagen die Gegner. Auch bei der Netzgesellschaft Swissgrid heisst es, das Netz müsste etwa im Raum Mühleberg ausgebaut werden, damit Engpässe verhindert werden könnten. Zudem wäre in Mühleberg und bei Beznau die Installation eines Transformators nötig.

«Reiner PR-Coup»

Die entsprechenden Bewilligungsverfahren brauchen jedoch Zeit. Deshalb sagte Swissgrid-Chef Yves Zumwald im «Tages-Anzeiger», «Teilausfälle im Raum Bern und Zürich» wären möglich, falls das Netz nach dem Atomausstieg «manchmal über den Limiten» betrieben werden müsste.

Andere Experten zweifeln die Aussage an. «Das ist ein reiner PR-Coup», sagt Felix Nipkow, Projektleiter Strom & Erneuerbare bei der Schweizerischen Energie-Stiftung. Bis vor wenigen Wochen habe die Swissgrid-Website noch darüber informiert, dass der Ausbau in der Region Mühleberg bis ins Jahr 2025 geplant ist. «Allerdings geht Mühleberg auch ohne die Initiative 2019 vom Netz – ziemlich entlarvend», so Nipkow.

Netzüberlastungen könnten vermieden werden, wenn die Wasserkraftwerke für die inländische Versorgung statt für den Export produzieren würden. «Die Branche hat im letzten Winter selber gezeigt, dass das mit Marktanreizen möglich ist.» Zudem sei in den letzten Tagen und Wochen bereits ein Mehrfaches der Leistung des AKW Mühleberg importiert und exportiert worden. «Da mutet es komisch an, dass die Kapazität der Leitungen nun plötzlich nicht mehr reichen soll.»

Swissgrid änderte Pläne

Je weiter der Weg vom Produzenten zum Kunden, desto schwieriger sei die Situation für die Stabilität des Netzes, sagt Swissgrid-Sprecherin Fischbach. Dass der Planungshorizont im Raum Mühleberg ursprünglich bis ins Jahr 2025 reichte, dementiert sie nicht. «Nachdem es im letzten Winter jedoch zu Problemen bei der Stabilisierung des Stromnetzes kam, haben wir eine Repriorisierung vorgenommen.»

Den Vorwurf, die Aussagen ihres Chefs seien Teil der Gegenkampagne, weist sie zurück: «Wir liefern nur die technische Analyse, was ein Atomausstieg für das Übertragungsnetz bedeuten würde.»

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