Flashmob Barbezug: Droht am 7. Dezember ein Bankencrash?
Aktualisiert

Flashmob BarbezugDroht am 7. Dezember ein Bankencrash?

Ex-Fussballgott Eric Cantona ruft weltweit dazu auf, das Geld gleichzeitig bei der Bank abzuheben. Das kann gefährlich werden.

von
Werner Grundlehner

Eric Cantona ruft zur kollektiven Kontoauflösung auf.

Die Bilder sind noch in den Köpfen der Bankkunden. Schlangen von verzweifelten Kleinsparern vor den verriegelten Türen der Spar- und Leihkasse Thun oder jenen der britischen Hypothekarsparkasse Northern Rock. Die Institute konnten die Guthaben ihrer Kunden nicht mehr zurückzahlen. «Es ist das Wesen unseres Banksystems, dass es potentiell illiquid ist», erklärt Bankenexperte Hans Geiger. Die Banktresore sind meist recht leer. Das kommt so: Wenn die Bank eine Einlage von 1000 Franken erhält, behält sie einen Reservesatz ein und leiht den Grossteil des Geldes wieder aus. Schliesslich wird die Ersparnis eines Bankkunden mehrfach ausgeliehen. Bankenprofessor Martin Janssen erklärt: «Die Banken leihen kurzfristige Einlagen, die sie zu tieferen Sätzen verzinsen, als längerfristige Darlehen, zu höheren Sätzen aus. Das ist Teil des Geschäftsmodells.»

Diesen Umstand wollen der Franzose Eric Cantona und seine Mitaktivisten ausnützen. Am 7. Dezember sollen alle Europäer ihr Geld abheben. «Wenn 20 Millionen Menschen gleichzeitig ihr Geld von der Bank abheben, bricht das System zusammen», verkündet der ehemalige Stürmer von Manchester United in einem Internetvideo auf bankrun2010.com.

Teufelskreis in Gang setzen

Man müsse nicht auf die Strasse gehen und keine Waffe zur Hand nehmen, um das korrupte System zu bekämpfen. «Die Revolution läuft über die Banken», sagt der 44-jährige Ex-Fussballprofi, der auf dem Feld nicht als Ausbund an Fairplay galt. Gefährlich wäre so ein «Bankrun», wenn die Banken mehrstellige Millionenbeträge auf einen Schlag ausbezahlen müssten. Falls die Institute die Schalter mangels liquider Mittel schliessen würden, könnte ein Misstrauens-Teufelskreis in Gang kommen.

Nicht alle Bankguthaben sind frei

So einfach gehe es dann doch nicht, wendet Geiger ein: «Es geht auch darum, ob der Kunde überhaupt das Recht hat, sein gesamtes Geld zurückzuziehen.» Denn Sparhefte haben beispielsweise eine Rückzugslimite von 10 000 Franken, bei Konten ist diese meist höher. Termingelder auf 3 Monate können erst nach Ablauf dieses Termins abgezogen werden, das gleiche gilt für Kassenobligationen – ausser man findet einen Käufer. «Es ist rein ablauf-technisch nicht möglich, dass eine Million Kunden am gleiche Tag an den UBS-Schaltern ihr Geld abhebt», so Janssen. Die Banknoten könnten auch nicht ausgehen, die Nationalbank horte «tonnenweise» davon.

Janssen führt zudem das zweistufige Bankensystem ins Feld. Auf der ersten Stufe sind die Geschäftsbanken, auf der zweiten Stufe die Nationalbank. «Jede Bank kann unter Umständen illiquid werden, aber die SNB würde sie mit Liquidität versorgen, bis sie es nicht mehr wäre.» Voraussetzung dafür sei, dass die Bank nicht überschuldet sei: Die Aktiven in der Bilanz müssen die Passiven übertreffen. Der Bankprofessor hält fest, dass bei der Spar- und Leihkasse Thun niemand Geld verloren habe. Es habe aber teilweise fünf Jahre gedauert, bis die Einlagen zurückkamen, da Vermögenswerte wie Immobilien zuerst verkauft werden mussten. «Bisherige Bankpleiten wurden durch andere Banken, institutionelle Anleger und Hedge Funds ausgelöst, die ihr Geld abzogen – und nicht durch Privatkunden», erinnert Geiger. Die Schlange der Kleinsparer vor den Banken war meist erst die zweite Konsequenz.

Mobilisation über Facebook

Dass die Banken nicht ganz entspannt sind, zeigt die Umfrage von 20 Minuten Online. Die Devise war «nur nicht in den Fokus geraten», deshalb will auch kein Institut namentlich erwähnt werden. Alle verweisen auf die Rückzugslimiten auf den einzelnen Konten und darauf, dass ein sorgfältiges Risk- und Krisenmanagement bestehe, die Details seien indes geheim. Martin Janssen findet die Aktion des französischen Fussballers unverantwortlich. Es sei durchaus möglich, dass so ein «Drama» ausgelöst werde.

Hans Geiger erinnert daran: «Fussballer sind nicht unbedingt bekannt dafür, auch Finanzexperten zu sein.» Die Frage sei erlaubt, ob Herr Cantona seine Millionen, die er mit Fussball, Nike-Spots und zuletzt Film-Engagements gescheffelt hat, unter seiner Matratze versteckt habe. So kommentierte denn auch der österreichische Ökonom Gerhard Rünstler die Aktion folgendermassen: «Wirkungsvoll kann eine derartige Aktion schon sein, ob sie klug ist, ist die andere Frage.»

Millionen von Bankkunden konnte der französische Ex-Profi noch nicht mobilisieren. Facebook-Gruppen bestehen jedoch bereits in 23 Ländern. Auf jeder einzelnen Seite haben hunderte bis Tausende von Usern ihre Teilnahme am Flashmob am 7. Dezember zugesichert. Und wieso gerade dieses Datum? – «Damit noch Gehälter und Arbeitslosengelder auf die Konten fliessen sowie allfällige Mieten bezahlt werden können», schreibt die Belgierin Géraldine Feuillien, die Betreiberin von bankrun2010.com. Doch einen Masterplan für die Zeit nach einem möglichen Bankenkollaps bleibt die Seite schuldig.

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