Steigende Fallzahlen: Droht der Romandie ein zweiter Lockdown?

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Steigende FallzahlenDroht der Romandie ein zweiter Lockdown?

Der Kanton Waadt hat sein Test-Regime geändert. Experten sind alarmiert. Der Kanton beschwichtigt.

von
Pascal Michel

Darum gehts

  • In der Westschweiz steigen die Fallzahlen rasant.
  • Der Kanton Waadt testet bereits bei gewissen Symptomen nicht mehr.
  • Experten kritisieren dies. «Hat der Kanton bereits aufgegeben?», fragen sie.
  • Laut einer Virologin könnte bald die Diskussion über einen Lockdown für die Romandie aufkommen.

Der Kanton Waadt ist ein Corona-Hotspot: Am Donnerstag meldete er 168 neue Covid-19-Infektionen. Auf die Bevölkerung gesehen, liegt die Inzidenz bei 168 Fällen pro 100’000 Einwohner in den letzten zwei Wochen. Zum Vergleich: Der Bund definiert für seine Risikoliste einen Wert von 60.

Keine Tests mehr bei Schnupfen

Umso erstaunlicher, dass der Kanton jüngst sein Testregime angepasst hat. So haben die Behörden entschieden, dass Personen mit weniger häufigen Symptomen wie Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, genereller Müdigkeit, Schnupfen oder Magen-Darm-Problemen nicht mehr auf Covid-19 getestet werden. Weiterhin können jedoch Ärzte Tests anordnen.

Eine Begründung liefert der Kanton für diesen Wechsel nicht. Auf der Webseite heisst es lediglich: «Weniger typische Symptome machen einen Test nur nötig, wenn Kontakt mit einem positiv bestätigten Fall bestanden hat.»

Bei Experten sorgt dies für Unverständnis. Epidemiologe Marcel Salathé twitterte: «Das geht genau in die falsche Richtung. Ohne Tests bricht die Test-Trace-Quarantine-Isolation-Strategie zusammen, und man riskiert, rasch die Kontrolle zu verlieren.» Die Genfer Virologin Isabella Eckerle ergänzte: «Sehr bedenklich in der aktuellen Situation. Hat der Kanton bereits aufgegeben angesichts der 2. Welle und lässt sie nun laufen?»

Sie befürchtet gar, dass sich der Kanton damit in einen zweiten Lockdown hineinmanövriert:

Eckerle wäre nicht überrascht, wenn die Schweiz den Punkt erreichen würde, an dem man über einen zumindest teilweisen Lockdown vor Weihnachten in der Westschweiz diskutiert.

Reisewarnung für Westschweizer Kantone?

Ein regionaler Lockdown würde wiederum die Frage aufwerfen, ob dann auch innerhalb der Schweiz Reisebeschränkungen und Quarantänepflichten eingeführt würden – analog der Risikoliste, die der Bund für das Ausland führt. Bei der Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK heisst es dazu: «Die Bezeichnung von Risikogebieten innerhalb der Schweiz mit Reiserestriktionen halten sowohl der Bund als auch die Kantone für nicht praktikabel. Nicht zuletzt wegen der hohen Mobilität der Schweizer Bevölkerung.»

Bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Waadt heisst es, es handle sich nicht um eine Lockerung des Test-Regimes. Zudem gälten dieselben Regeln auch in den Kantonen Fribourg, Wallis, Neuenburg und Genf, wie «RTS» berichtet.

Auf Anfrage von 20 Minuten betont der Kanton Waadt, man verfolge weiter die Strategie der Eindämmung. «Das Ziel der Test-Strategie ist, gezielter zu testen, um mehr positive Fälle zu finden. Über 90 Prozent der Personen, die sich infiziert haben, entwickeln typische Symptome», so eine Sprecherin. Indem man die Tests auf diese Symptome ausrichte, erkenne man praktisch alle Fälle. «Und Personen, die durch das Raster fallen und positiv sind, entwickeln häufig schnell typische Symptome und können getestet werden.»

Entwicklung der Fallzahlen in den Kantonen Genf und Waadt.

Entwicklung der Fallzahlen in den Kantonen Genf und Waadt.

corona-data.ch

Bereits Mitte September sorgte der Kanton Waadt für Aufregung, als er seine Quarantäneregeln anpasste. Wer mit einer positiv getesteten Person Kontakt hatte, muss nicht mehr automatisch in Quarantäne, verfügte das Gesundheitsdepartement. Stattdessen prüfe der Kantonsarzt den Einzelfall. Automatisch in Quarantäne müssten demnach nur Personen, die mit der positiv getesteten Person im gleichen Haushalt leben oder zu ihr eine enge Beziehung pflegen.

Neue Massnahme

Schluss mit Stift und Papier: Zur Bekämpfung von Covid-19 müssen Waadtländer Restaurants und Bars künftig Kundendaten digital festhalten, um allfällige Ansteckungsketten zurückzuverfolgen zu können. Das schriftliche Festhalten von Kontaktdaten ist nur noch in Ausnahmesituationen gestattet.

Dies hat der Waadtländer Staatsrat entschieden, wie er am Donnerstag mitteilte. Zu diesen Ausnahmen nennen gehören zum Beispiel der Fall, dass ein Kunde über kein Smartphone verfügt oder das Fehlen eines Mobilfunknetzes. Ein zuverlässiges Tracing-System stelle sicher, dass der Kantonsarzt in der Lage sei, den Fall eine an einem öffentlichen Ort erfolgte Ansteckung rasch zu erkennen. Die während des Sommers durchgeführten Kontrollen hätten gezeigt dass es bei der Tracing-Pflicht «ernsthafte Zuverlässigkeitsprobleme» gebe. Deshalb sei es nötig, eine digitale Lösung einzuführen. (sda)

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