Zuwanderung: Droht der Schweiz der Verkehrskollaps?

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ZuwanderungDroht der Schweiz der Verkehrskollaps?

Die Zuwanderung bringt die Verkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen. Bis 2030 dürften auf den Schweizer Nationalstrassen ein Viertel mehr Autos verkehren, auch die Fahrgastzahlen im ÖV steigen.

von
J. Büchi

Überfüllte Züge und verstopfte Strassen – ein Kernargument der Befürworter der Masseneinwanderungsinitiative. Der Verkehr in der Schweiz scheint seine Kapazitätsgrenzen schon bald erreicht zu haben. Wie sollen da noch mehr Menschen aufgenommen werden?

Auf der Strasse hat sich der Verkehr bereits in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. 26 Milliarden Kilometer spulten die Autofahrer im Jahr 2012 ab, 4,3 Millionen Personenwagen waren 2012 gemäss dem Bundesamt für Statistik in der Schweiz zugelassen. Und ein Ende des Verkehrsanstiegs ist nicht in Sicht: «Das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) rechnet zwischen 2010 und 2030 mit einer weiteren Zunahme der Fahrzeugkilometer im motorisierten Personenverkehr von insgesamt rund 19 Prozent.» So steht es in einem Bericht zum «Bundesbeschluss über das zweite Programm zur Beseitigung von Engpässen im Nationalstrassennetz» vom vergangenen April.

Megastaus drohen

Den grössten Teil des zusätzlichen Autoverkehrs werde die Nationalstrasse aufnehmen müssen, heisst es weiter. Dort sei mit einem überproportional starken Verkehrsanstieg von 25 Prozent zu rechnen – der Güterverkehr auf der Strasse dürfte sogar um 27 Prozent zunehmen. Für die Autofahrer bedeutet dies: Stau, Stau und nochmals Stau.

«Immer öfter reichen bereits geringe Störungen aus, um den Verkehr auf dem hoch belasteten Netz zum Stocken oder gar zum Erliegen zu bringen», heisst es im Bericht. Welch massive Auswirkungen ein Unfall auf den Verkehrsfluss haben kann, zeigte jüngst etwa das Beispiel des Brückencrashs auf der A1. Ohne Gegenmassnahme ist laut dem Dokument davon auszugehen, dass sich dieser Trend in den kommenden Jahren fortsetzt «und die Funktionsfähigkeit des Nationalstrassennetzes zunehmend beeinträchtigt wird». Im Jahr 2030 werden laut Bericht rund 490 Kilometer des Nationalstrassennetzes regelmässig überlastet sein – davon 185 Kilometer massiv. Betroffen sein dürften vor allem die grossen Städte und Agglomerationen.

«Verkehrsnetz hat Grenzen»

Erweiterungsprojekte für 5,5 Milliarden Franken sollen laut dem Bericht helfen, Engpässe auf einer Länge von gut 100 Kilometern zu entschärfen. Zudem sollen neue Verbindungen in den Bundesbeschluss über das Nationalstrassennetz aufgenommen werden. Weiter sollen auch Massnahmen wie eine bessere Information der Verkehrsteilnehmer und eine temporäre Nutzung der Pannenstreifen den Staus entgegenwirken.

«Diese Schritte dürften zu einer gewissen Entlastung führen», sagt Guido Bielmann vom Bundesamt für Strassen (Astra). Die Schweiz habe im Gegensatz zu anderen Ländern aber schlicht zu wenig Platz, um das Strassennetz beliebig auszubauen. «Jedes Verkehrsnetz hat seine Grenzen.»

Mobility-Pricing?

Die Experten des Bundes seien ständig daran, neue Lösungsansätze zu suchen und zu finden. «Andere Länder kennen zum Beispiel das Mobility Pricing – also Abgaben für die Benutzung gewisser Strassen.» Dies wäre auch in der Schweiz eine Möglichkeit, wie der Bundesrat in seiner Infrastrukturstrategie festhält. Das UVEK wurde bereits beauftragt, bis 2015 zuhanden des Bundesrats einen Konzeptbericht zum Mobility Pricing zu erarbeiten.

In Peking etwa existiert zudem die Regelung, dass wechselweise nur die Besitzer gerader oder ungerader Autonummern auf die Strasse dürfen. In einigen italienischen Innenstädten, darunter in Rom, gilt die Regelung ebenfalls an gewissen Tagen – zur Bekämpfung hoher Feinstaubwerte. Ob die Regelung auch in der Schweiz denkbar wäre, konnte Astra-Sprecher Bielmann nicht sagen.

FABI solls im ÖV richten

Auch im öffentlichen Verkehr haben die Pendlerzahlen in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. 2012 nutzten durchschnittlich 967'000 Personen pro Tag das Angebot der SBB. Laut Andreas Windlinger liegt der Anstieg aber nicht in erster Linie an der Bevölkerungsgrösse, sondern daran, dass die Leute öfter und weiter Zug fahren würden: «Die Mobilität nimmt deutlich stärker zu als die Bevölkerung.» Während die Einwohnerzahl zwischen 2000 und 2011 um 10 Prozent wuchs, stieg die Zahl der zurückgelegten Personenkilometer im gleichen Zeitraum um 19 Prozent.

Im öffentlichen Verkehr muss laut Windlinger deshalb sowieso etwas passieren – unabhängig von der Zuwanderung. Für mehr Kapazitäten soll die Bahnvorlage FABI sorgen, über die am 9. Februar abgestimmt wird. «Sie schafft die Grundlage dafür, dass wir in den nächsten Jahrzehnten bis zu 60 Prozent mehr Fahrgäste befördern können», so Windlinger. «Ein Kollaps ist definitiv nicht zu befürchten – bei einem Ja zur Vorlage sind wir gerüstet.»

Unterirdische Trams oder U-Bahnen

Aber was, wenn die Zahl der ÖV-Benützer noch weiter zunimmt? Ulrich Alois Weidmann, Leiter des Instituts für Verkehrsplanung und Transportsysteme an der ETH Zürich, betont ebenfalls, dass die aktuellen Engpässe vor allem dadurch bedingt seien, dass die Leute öfter und weiter reisten. Ansetzen müsse man deshalb nicht nur bei der Verkehrsinfrastruktur, sondern auch beim Mobilitätsverhalten der Leute. Weidmann geht davon aus, dass in Zukunft mehr Menschen in den Städten leben und dort kurze Strecken mit dem ÖV zurücklegen werden. Lange Arbeitswege fielen so weg, die S-Bahnen würden entlastet.

Als Konsequenz müsste der innerstädtische Verkehr ausgebaut werden: «Eine Möglichkeit wären unterirdische Trams – mit ihnen könnten rund 50 Prozent mehr Passagiere befördert werden.» Ein komplettes U-Bahn-System würde die Kapazitäten sogar rund verdreifachen. «Diese Variante wäre aber sehr aufwändig und kostenintensiv.»

Grenzen der Zuwanderung – die Serie

Wohnraum, Verkehr, Energie, Gesundheit und Landwirtschaft. Weitere Infos zur Zuwanderungsdebatte gibt es auch in unserem Dossier.

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