Hohe Corona-Zahlen: Droht im Kampf gegen den Lockdown die 3-Freunde-Regel?
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Hohe Corona-ZahlenDroht im Kampf gegen den Lockdown die 3-Freunde-Regel?

Familie und Freunde sind Corona-Ansteckungsherde. Länder wie Holland haben deshalb schon rigoros durchgegriffen. Wird dies auch hierzulande nötig?

von
Daniel Graf
Pascal Michel
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Aufgrund steigender Infektionszahlen haben einige europäische Länder Weisungen erlassen, nur noch wenige Freunde zu treffen.

Aufgrund steigender Infektionszahlen haben einige europäische Länder Weisungen erlassen, nur noch wenige Freunde zu treffen.

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In Amsterdam darf man nur noch drei Gäste gleichzeitig zu sich nach Hause einladen.

In Amsterdam darf man nur noch drei Gäste gleichzeitig zu sich nach Hause einladen.

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Auch die Briten mussten ihren Freundeskreis einschränken: Es gilt ein Versammlungsverbot ab sechs Personen.

Auch die Briten mussten ihren Freundeskreis einschränken: Es gilt ein Versammlungsverbot ab sechs Personen.

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Darum gehts

  • Im Kampf gegen die steigenden Fallzahlen greifen mehrere europäische Länder durch und beschränken die Anzahl Personen bei privaten Treffen.
  • Freunde und Familie spielen auch in der Schweiz eine zentrale Rolle bei den Ansteckungen.
  • Die Schweiz appelliere derzeit noch an die Eigenverantwortung, sagt Infektiologe Christian Garzoni.
  • Doch auch hier könnten bald wieder Verbote des Bundes drohen.

Viele Ansteckungen mit dem Coronavirus in der Schweiz passieren in der Familie, am Arbeitsplatz und bei privaten Feiern. Das zeigt eine Auswertung, welche das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für 20 Minuten vorgenommen hat (siehe unten).

Das ist auch in anderen europäischen Ländern so. Gerade Länder mit explodierenden Fallzahlen haben deshalb jüngst bei den privaten Treffen angesetzt: So hat die Niederlande Ende September die Weisung erlassen, dass ein Haushalt maximal drei zusätzliche Personen zu sich einladen darf. Dies, weil die meisten Infektionen sich bei (Familien-)Treffen ereigneten, so die Regierung. Die Polizei kontrolliere dies nicht aktiv, wenn aber ein Nachbar sich beschwere, «werden wir an deiner Haustür läuten und das Gespräch suchen».

«Jetzt ist nicht der Zeitpunkt für grosse Feste»

Auch die Briten müssen seit Mitte September ihren Freundeskreis einschränken: Dort gilt ein Versammlungsverbot ab sechs Personen. Wer sich nicht daran hält, riskiert eine Busse von 100 Pfund. Während der ersten Welle im Frühjahr kannte auch die Schweiz solche Regelungen. Im öffentlichen Raum durften sich während Wochen höchstens fünf Personen versammeln, private Veranstaltungen wie Geburtstagsfeiern oder Grillpartys waren lange Zeit komplett verboten. Wer sich nicht daran hielt, riskierte eine Ordnungsbusse.

Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni sagt, dass auch jetzt, wo die Fallzahlen wieder ansteigen, unnötige Infektionen vor allem beim Treffen mit Freunden vermieden werden könnten: «Angesichts der steigenden Fallzahlen ist jetzt nicht der Zeitpunkt, um ein Fest mit 30 oder mehr Freunden zu veranstalten. Freunde zu treffen ist gut und wichtig, aber es wäre sinnvoll, sich im Moment auf möglichst kleine Gruppen zu beschränken, um im Falle einer Infektion möglichst wenige Leute anzustecken oder in Quarantäne schicken zu müssen.»

«Es braucht keine 15 Minuten für eine Übertragung»

Die Epidemiologin Nicola Low unterstützt dieses Vorgehen: «Wenn an einem privaten Fest jemand infektiös war, muss man sich nicht 15 Minuten bei der Person aufhalten, um sich anzustecken. Dann sollten sämtliche Teilnehmer der Veranstaltung in Quarantäne und getestet werden.» Deshalb mache es derzeit auch Sinn, Veranstaltungen möglichst auf das Minimum zu beschränken und die Teilnehmerzahl zu begrenzen.

Ein Veranstaltungsverbot gibt es in der Schweiz derzeit nicht, private Veranstaltungen mit bis zu 300 Leuten sind erlaubt – auch ohne Schutzkonzept. «Das ist typisch für die Schweiz», sagt Garzoni: «Wir wollen grundsätzlich keine Verbote, sondern appellieren an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen.»

«Füllen sich die Spitäler, braucht es Regeln vom Bund»

Ob das gut gehe, werde sich zeigen müssen: «Das Konzept ist einfach: Alle müssen mitmachen, um einen zweiten Lockdown zu verhindern», sagt der Infektiologe. Sollten die Fallzahlen weiter steigen und insbesondere die Spitäler sich wieder mit Corona-Patienten füllen, müsse der Bund wieder eingreifen: «Dann müssen wieder klare Regeln her, wie viele Personen sich noch treffen dürfen.»

Zu den unbekannten Ansteckungsorten sagt Garzoni: «Das zeigt auf, dass es wichtig ist, die Massnahmen wie das Maskentragen, die Hygiene und den Abstand überall einzuhalten, wo es möglich ist.» Wenig machen könne man bei Ansteckungen in der Familie: «Wir können ja nicht zu Hause auch noch mit Masken herumlaufen.» Und um Ansteckungen am Arbeitsplatz zu vermeiden, hält Garzoni eine Maskenpflicht in Büros für sinnvoll.

Über 25’000 Fälle ausgewertet

Das Bundesamt für Gesundheit hat für 20 Minuten alle bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus vom 16. Juli bis zum 6. Oktober nach Ansteckungsorten aufgeschlüsselt. Von den 23’575 Fällen, die gemeldet wurden, hat das BAG 15’440 klinische Meldeformulare der neusten Version erhalten, auf denen der Ansteckungsort ausgewiesen ist. Dieser war bei 7884 Fällen (33 Prozent) bekannt. Die Auswertung dieser Fälle ergab, dass sich 41,8 Prozent bei einem Familienmitglied angesteckt hatten, 15,8 Prozent bei der Arbeit und 8 Prozent bei einem privaten Fest. Der Rest verteilt sich auf andere Orte. Die Epidemiologin Nicola Low zeigt sich beunruhigt darüber, dass lediglich bei einem Drittel der Ansteckungen die Quelle ausgemacht werden konnte: «Hier ist das Contact-Tracing gefordert. Bei Fällen in der Familie ist zwar klar, wo das Virus weitergegeben wurde, aber nicht, wo der ursprüngliche Infektionsherd liegt. Um das herauszufinden, müssen wir die Befragungen intensivieren», sagt Low.

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1061 Kommentare
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sam

10.10.2020, 16:15

www. youtube. com/watch?v=N7vocJ43GlQ Im Gespräch: Barbara Müller, Kantonsrätin SP Meine Stimme hat Sie

Ris

10.10.2020, 13:51

Die Corona Leugner werden nun eines Besseren belehrt

Nerv121

10.10.2020, 12:15

Das Fiasko naht der BR wird wahrscheinlich den Bankrott der Schweiz anordnen. Der BR wird die Situation ausnützen und eine CVID-19 Hilfe aus der EU annehmen dann gute Nacht.