Neurowissenschaftler warnt - Droht nach Ende der Massnahmen ein «Schlaflosigkeitstsunami»?
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Neurowissenschaftler warntDroht nach Ende der Massnahmen ein «Schlaflosigkeitstsunami»?

Die Pandemie macht etwas mit unserem Schlaf: Einige Menschen schlafen schlechter, andere sogar besser – weil sie ihrem natürlichen Schlafrhythmus folgen. Diesen könnte ein böses Erwachen drohen, befürchtet ein Forscher. Ein anderer gibt Entwarnung.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In der Pandemie gut zu schlafen, ist gar nicht so einfach. 

In der Pandemie gut zu schlafen, ist gar nicht so einfach.

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Dabei halten uns nicht nur die täglichen Corona-News wach. 

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Auch das Eintauschen von durchtanzten Nächten mit unseren Freunden …

Auch das Eintauschen von durchtanzten Nächten mit unseren Freunden …

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Darum gehts

  • In der Pandemie gehen viele Menschen später ins Bett und schlafen länger.

  • Schlafexperten bewerten das übereinstimmend positiv, weil es eher der inneren Uhr entspricht.

  • Uneinigkeit herrscht dagegen, was passiert, wenn wir unseren «alten Alltag» wiederbekommen.

Das Auftauchen des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hat nicht nur unseren Alltag massiv verändert, sondern auch Einfluss auf unseren Schlaf genommen. Dies sowohl negativ als auch positiv: Während sich gesundheitliche und finanzielle Sorgen sowie ungewohnte Belastungen negativ auf die Schlafqualität auswirken und uns mitunter sogar Albträume bescheren, sorgen Homeoffice und virtueller Unterricht für positive Veränderungen.

So schlafen viele Menschen länger. Zudem reduzierte sich der «soziale Jetlag», wie unter anderem eine Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Basel und der Universitären Psychiatrischen Kliniken zeigt (siehe Box). So nennen Schlafforscherinnen und -forscher den Effekt, der entsteht, wenn wir nicht unserer inneren Uhr sondern dem von der Gesellschaft vorgegebenen Rhythmus folgen.

So lief die Basler Studie ab

Das Team um Christine Blume, Schlafforscherin am Zentrum für Chronobiologie an der Universität Basel, hat für die im Fachjournal «Current Biology» erschienene Studie untersucht, wie sich die Restriktionen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie auf den Schlafrhythmus und das Schlafverhalten auswirkten. Dafür werteten sie die Angaben von 435 meist weiblichen Personen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich aus, die zwischen dem 23. März und 26. April 2020 an einer sechswöchigen Online-Umfrage teilgenommen hatten. Mehr als 85 Prozent der Befragten arbeiteten zu dieser Zeit im Homeoffice.

Verbessertes Schlafverhalten

Möglich machte das etwa der Wegfall des Arbeits- oder Schulwegs. Dadurch können die Menschen oft später aufstehen, was sich auch in einem späteren Zubettgehen bemerkbar macht, wie der Neurowissenschaftler Christian Benedict von der Universität Uppsala gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen nachgewiesen hat. Die höhere Flexibilität in der Krise, helfe den Menschen dabei, näher an ihrem natürlichen Schlafrhythmus zu sein und sie würden länger schlafen, zitiert ihn Geo.de.

Auch Björn Rasch, Schlafforscher und Leiter der Abteilung Kognitive Biopsychologie und Methoden an der Universität Freiburg, bewertet die in mehreren Ländern nachgewiesenen Veränderungen des Schlafverhaltens positiv: «Letztendlich ist die Flexibilität durch die wegfallenden Arbeitswege natürlich gut, um den eigenen Rhythmus im Schlafen besser zu etablieren.» Diesen zu finden, sei wichtig, so Rasch. Schliesslich könne ein ständiger Wechsel zwischen den Schlafrhythmen, so wie er in normalen Zeiten zwischen Woche und Wochenende stattfindet, auf Dauer problematisch sein und Schlafstörungen heraufbeschwören. «Die Verkleinerung des sozialen Jetlags während der Pandemie spricht letztendlich für eine Verbesserung der Schlafrhythmik.»

«Schlaf: Rasch erklärt»

Was hat die Schlafdauer mit der Schuhgrösse 41,3 zu tun? Das verrät der Berner Schlafforscher Björn Rasch in seinem Anfang 2021 erschienenen Buch «Schlaf: Rasch erklärt» (Hogrefe Verlag). Insgesamt beantwortet der Experte 200 Fragen zum Thema. Darunter nicht nur Klassiker wie «Ist Schlaf wirklich die ‹beste Medizin›?» Es kommen auch ungewöhnlichere Ansätze und Erklärungen vor. Nicht zu Unrecht wird das Buch vom Verlag als «amüsante und wissenschaftlich fundierte Sammlung von Fragen und Antworten rund um den Schlaf – zum Nachlesen, Herumblättern und genussvollen Schmökern» angepriesen, das sich für wirklich jeden eignet.

Zwei Forscher, zwei Meinungen

Doch was passiert, wenn Arbeits- und Schulweg wieder Alltag werden? Da sind sich die Schlafexperten aus Schweden und der Schweiz nicht ganz einig. «Ich sehe uns vor einem grossen Schlaflosigkeitstsunami, wenn wir nach der Pandemie wieder alle in den geregelten, frühen Alltag zurückkehren», warnt Benedict gegenüber Geo.de.

Rasch dagegen teilt die Befürchtung, dass wir nach der Pandemie alle wach liegen, nicht. Er rechnet mit nur vorübergehenden Anpassungsschwierigkeiten: «Die Umstellung könnte in den ersten ein, zwei Wochen schwierig sein. Unmöglich ist das aber nicht.» Schliesslich könne der Mensch ja auch problemlos nach Amerika fliegen, wo der Zeitunterschied bedeutend grösser sei. «Und trotzdem sind wir nach ein paar Tagen wieder im richtigen Rhythmus.»

Aus Sicht des Schlafforschers könnte es sich lohnen, mit dem Arbeitgeber über etwas flexiblere Arbeitsmodelle zu diskutieren: «Ich denke, wir sollten nicht komplett zurückgehen, was die Arbeits- und Schulzeit angeht.» Zwar werde es aus Gründen der Praktikabilität weiterhin geregelte Arbeitszeiten geben müssen, aber es könnte sich für alle Beteiligten auszahlen, über einzelne Homeoffice-Tage nachzudenken. «Die Pandemie hat schliesslich gezeigt, dass die Effizienz darunter nicht leiden muss.»

Tipps für besseren Schlaf findest du in der obigen Bildstrecke. Ein Quiz zum Thema findest du dagegen hier.

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BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

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Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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