Riesen-Lieferungen im Frühjahr: Vertrödeln die Kantone auch die Massenimpfungen?
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Riesen-Lieferungen im FrühjahrVertrödeln die Kantone auch die Massenimpfungen?

Infektiologe Andreas Widmer befürchtet, dass die Kantone mit dem Impfen im April überfordert sein werden. Bei den Kantonen heisst es, sie könnten mehr als 100’000 Leute täglich impfen.

von
Daniel Graf
Pascal Michel
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Die Kantone sagen, die Impfzentren seien bereit – Infektiologe Andreas Widmer bezweifelt aber, dass grosse Mengen im April problemlos verimpft werden können.

Die Kantone sagen, die Impfzentren seien bereit – Infektiologe Andreas Widmer bezweifelt aber, dass grosse Mengen im April problemlos verimpft werden können.

20 Minuten/mon
Das Baselbieter Impfzentrum auf dem Feldbrebenareal in Muttenz hat bereits am 4. Januar den Betrieb aufgenommen.

Das Baselbieter Impfzentrum auf dem Feldbrebenareal in Muttenz hat bereits am 4. Januar den Betrieb aufgenommen.

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Der Impfstoff von Biontech/Pfizer muss neu wohl nicht mehr ganz so kalt gelagert werden. Das könnte beim Verimpfen in Apotheken und Hausarztpraxen helfen.

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer muss neu wohl nicht mehr ganz so kalt gelagert werden. Das könnte beim Verimpfen in Apotheken und Hausarztpraxen helfen.

VBS/Clemens Laub

Darum gehts

  • In den kommenden Monaten erwartet die Schweiz Millionen Impfdosen. Gerade im April könnten die Kantone mit der Lieferung von über einer Million Dosen überfordert sein, fürchtet Andreas Widmer vom Unispital Basel.

  • Die Kantone bestreiten das: Sie könnten die Impfkapazitäten schnell und flexibel hochfahren.

  • Ein weiteres Problem wird laut Widmer der Impfnachweis. Er bezweifelt, dass bis im Sommer eine einheitliche digitale Datenbank steht, was zu Problemen beim Reisen führen könne.

Andreas Widmer, emeritierter Professor am Unispital Basel und Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, ist besorgt. Für ihn ist klar: Wenn im April grosse Impflieferungen kommen, müssen die Kantone bereit sein. Nur: «Ich befürchte, dass wir im April auf einen Schlag über eine Millionen Dosen bekommen – und die Kantone nicht genügend schnell verimpfen können.»

Gemäss Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) wurden bisher (Stand 28. März) 1’819’575 Impfdosen an die Kantone verteilt. «Bis Ende März erwartet die Schweiz 2.25 Millionen Impfdosen», sagt BAG-Sprecherin Masha Foursova. Von April bis Ende Juli sollen weitere 8.1 Millionen Dosen folgen. «Die Impfdosen in der Schweiz werden nun also laufend stark zunehmen», bestätigt Foursova.

«Nehmen Sie den gelben Impfpass mit zum Termin»

Es sei eine Mammutaufgabe für die Kantone, um Ostern noch rechtzeitig das Personal für die anstehende Impfaktion zu rekrutieren, sagt Widmer. Auch, da der genaue Liefertermin noch nicht bekannt sei. Nach Ostern drohe deshalb ein grosser Impf-Stau.

Wettlauf gegen die Zeit

Laut Andreas Widmer droht noch eine weitere Gefahr, wenn die Impfaktion verzögert wird: «Die Zeit läuft gegen uns. Je länger wir mit dem Impfen warten, desto mehr können sich Mutationen bilden, gegen die Impfstoffe nicht mehr ausreichend nützen könnten», sagt der Infektiologe. Aktuell könne man dies mit dem Impfstoff von AstraZeneca bei der südafrikanischen Variante beobachten. Widmer warnt: «Mit schnellem Impfen können wir die Fallzahlen senken. Schaffen wir das nicht, stehen wir im schlimmsten Fall 2022 wieder auf Feld eins

Hinzu komme, dass es verschiedene Datenlösungen für den Impfnachweis gebe. «Im einen Kanton erhält man einen Fresszettel, den man vom Hausarzt noch bestätigen muss. Im anderen einen perfekten Ausdruck, auch in Englisch und mit QR-Code.» Widmer rät deshalb: «Nehmen Sie den internationalen gelben Impfpass mit. Ein Eintrag dort scheint bis zum einheitlichen Impfpass die beste Alternative.»

«Probleme bei Auslandsflügen nicht auszuschliessen»

Nun brauche es aber so rasch wie möglich eine einheitliche digitale Impfdatenbank, damit der Bund wisse, wer womit geimpft sei. Dass das klappen wird, versicherte das BAG am Dienstag erneut. «Doch die Entwicklung von guten und sicheren Datenbanken braucht Zeit. Ich bezweifle, dass eine solche Lösung bis im Sommer stehen wird», sagt Widmer.

Das könnte direkte Auswirkungen auf die Sommerferien haben: «Kann im Sommer nicht einheitlich und zweifelsfrei nachgewiesen werden, wer womit geimpft ist, dürfte es zu erheblichen Problemen bei Auslandsflügen kommen.» Es sei nicht auszuschliessen, dass Fluggesellschaften Personen wieder nach Hause schicken müssten, weil deren kantonale Impfnachweise nicht akzeptiert würden.

Kantone sagen, sie seien bereit

Die Kantone teilen Widmers Befürchtungen nicht: «Gemäss BAG müssen bis im Juni bis zu 100'000 Impfungen pro Tag durchgeführt werden. Wir gehen davon aus, dass die Kantone bereits heute über 100’000 Impfungen pro Tag durchführen könnten», sagt Tobias Bär, Mediensprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz. In der Woche vom 22. bis am 28. März wurden im Schnitt 26'365 Dosen pro Tag verimpft. Kantonsarzt-Präsident Rudolf Hauri bestätigte am Dienstag: «Auch in den als Trödelkantonen bezeichneten Kantonen stehen die Kapazitäten bereit.»

Auch Thomas Steffen, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, ist zuversichtlich: «Die Kantone können sich auf die hoffentlich kommenden grösseren Mengen einstellen und schnell breit impfen.» In Basel könnten die Öffnungszeiten der Testzentren auf 8 bis 22 Uhr ausgebaut werden, auch am Wochenende. Mit einem generellen Impfstau rechnet Steffen deshalb nicht. «Gegebenenfalls müsste bei punktuellen Verzögerungen die Verteilung der Dosen etwas flexibilisiert werden.»

Christoph Berger, Präsident der eidgenössischen Kommission für Impffragen, verweist auf die Aussagen von BAG, Impfstoffherstellern und Kantonen: «Sie versichern, dass die grösseren Lieferungen von April und vor alle im Mai und Juni kommen und dass diese dann auch schnell verimpft werden. Ich erwarte, dass dies dann auch klappt.»

In den USA impfen auch Tierärzte

Wie verschiedene deutsche Medien am Montag berichteten, wollen in Deutschland auch die Tierärzte bei der Impfaktion helfen. In den USA sei dies bereits selbstverständlich, sagte Siegfried Moder, Präsident des Bundesverbands der praktizierenden Tierärzte, der «Neuen Osnabrücker Zeitung». Das habe zum grossen Erfolg der Impfkampagne in den USA beigetragen. Die rund 10’000 Tierärzte in Deutschland könnten in einem Monat ohne Weiteres zwei Millionen Menschen mit dem Vakzin versorgen, so Moser.

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Deine Meinung

188 Kommentare
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TukTuk

02.04.2021, 00:43

Das Impfwunder von Bern. Versprechen oder Drohung? Bald ist wohl Happy Hour im Impfzentrum und beim Tierarzt. 🧐

Richard

01.04.2021, 19:47

Ich kann nur den Kopf schütteln, diese Bürokratischen Hürden, da wäre einDrittweltland schneller und fokussierter unterwegs als es die Schweiz in dieser Zeit aufzeigt

Thomas Bern

01.04.2021, 14:01

Es passt doch alles zusammen, die Kantone sind nach eigenen Aussagen bereit, was aber nicht sein kann, da etliche Kantone über Ostern lieber Ferien machen und nicht impfen, dafür Dosen auf Reserve halten, das BAG erhält zusätzliche Dosen, ist aber nicht in der Lage, diese innerhalb 24 h aufzuteilen und zu verteilen, de facto weder der BR, BAG noch die Kantone sind bereit, also wird sich die ganze Angelegenheit ewig hinziehen. Es ist nach einem Jahr immer noch kein Krisenmanagement vorhanden, alle 26 Kantone brauen sich in eigenes Süppchen, das BAG fährt auch irgend eine Egoschiene und der BR ist bemüht den Lockdown möglichst lange beizubehalten. Es wurde von Seiten das BAG auf die falschen Impfstoffe gesetzt, zwei zugelassen und besorgt, einer zugelassen und nicht gekauft wegen angeblich zu später Lieferung und zwei bestellt, die noch nicht mal eine Eingabe bei Swissmedic gemacht haben, total Versagen des BAG auf ganzer Linie...