U-Haft beantragt: Droht Pierin Vincenz nun eine Gefängnisstrafe?

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U-Haft beantragtDroht Pierin Vincenz nun eine Gefängnisstrafe?

Für den Ex-Raiffeisen-Chef wirds immer enger: Nach der Razzia hat die Staatsanwaltschaft jetzt auch noch Untersuchungshaft beantragt. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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S. Spaeth/V. Blank
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Patrik Gisel, CEO der Raiffeisen Gruppe, spricht an der Bilanzmedienkonferenz 2018 und sagt: «Ich bin erschüttert von den Ereignissen im Fall Vincenz.»

Patrik Gisel, CEO der Raiffeisen Gruppe, spricht an der Bilanzmedienkonferenz 2018 und sagt: «Ich bin erschüttert von den Ereignissen im Fall Vincenz.»

Keystone/Walter Bieri
«Einen Rücktritt schliesse ich aus», sagt Patrik Gisel im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz.

«Einen Rücktritt schliesse ich aus», sagt Patrik Gisel im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz.

Keystone/Walter Bieri
Der ehemalige Raiffeisen-Chef und ehemalige Aduno-Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz soll in Untersuchungshaft. Dies hat die Zürcher Staatsanwaltschaft am Donnerstag beantragt.

Der ehemalige Raiffeisen-Chef und ehemalige Aduno-Verwaltungsratspräsident Pierin Vincenz soll in Untersuchungshaft. Dies hat die Zürcher Staatsanwaltschaft am Donnerstag beantragt.

Was wird Pierin Vincenz vorgeworfen?

Der Ex-Raiffeisen-CEO hat ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung am Hals. Eingeleitet wurde das Verfahren am Mittwoch von der Staatsanwaltschaft Zürich. Auslöser war eine Strafanzeige der Kreditkartengesellschaft Aduno vom Dezember 2017. Im Juni 2017 war Vincenz von seinem Posten als Verwaltungsratspräsident bei Aduno zurückgetreten. Im Herbst gab die Kreditkartengesellschaft dann bekannt, dass sie die Geschäfte von Vincenz unter die Lupe nehmen wollte, vor allem, was gewisse Akquisitionen betrifft. Laut Medienberichten soll Vincenz bei gewissen Finanztransaktionen auf privater Ebene involviert gewesen sein. Konkret: Vincenz soll privat Anteile an Firmen besessen haben, an denen Raiffeisen sich später beteiligte. Am Donnerstag hat die Zürcher Staatsanwaltschaft Untersuchungshaft für Vincenz beantragt.

Was hat die für Vincenz beantragte U-Haft zu bedeuten?

Der Haftrichter hat nun 48 Stunden Zeit, um über eine Untersuchungshaft zu entscheiden. «Der Antrag selbst und auch eine allfällige Untersuchungshaft sind keine halbe Verurteilung», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern, zu 20 Minuten. Man könne aber ableiten, dass die Staatsanwaltschaft Angst vor sogenannter Verdunkelungs- oder Fluchtgefahren hat. Konkret: Vincenz könnte das Verfahren erschweren oder vereiteln, beispielsweise indem er sich mit anderen Beschuldigten abspricht, Dokumente zerstört oder sich ins Ausland absetzt. Der Ex-Bankchef befindet sich seit der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in polizeilichem Gewahrsam. Dort bleibt er, bis der Haftrichter seine Entscheidung über eine Untersuchungshaft gefällt hat.

Was tut der Haftrichter nun konkret?

Laut Kunz muss der Haftrichter lediglich die Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr, nicht aber die Schuld als glaubhaft betrachten. Zur Schuldabklärung ist ein allfälliges späteres Strafverfahren da. Die Untersuchungshaft kann so lange dauern, bis die Verdunkelungsgefahr nicht mehr gegeben ist. «Eine U-Haft darf aber nie so lange sein wie die maximal drohende Strafe», sagt Kunz.

Welche Strafe droht Pierin Vincenz?

Bei den Taten, die dem Ex-Raiffeisen-Chef vorgeworfen werden, geht es um Vermögensdelikte und ungetreue Geschäftsbesorgung. Dabei handelt es sich nicht um qualifizierte Straftaten, wie beispielsweise ein Tötungsdelikt. «Vincenz droht auch im schlimmsten Fall keine Freiheitsstrafe. Wahrscheinlich ist, sofern eine Verurteilung erfolgen sollte, eine bedingte oder teilbedingte Busse, zumal Vincenz keine Vorstrafen hat», sagt Kunz. Folglich geht der Experte auch von einer kurzen Untersuchungshaft aus.

Was bedeuten die Anschuldigung gegen Pierin Vincenz für dessen Ziehsohn und aktuellen Raiffeisen-Chef Patrik Gisel?

Laut Kunz versucht Raiffeisen derzeit zu retten, was zu retten ist. Dass auch die Bank selbst nach Bekanntwerden der Strafuntersuchung durch die Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen ihren ehemaligen Chef eingereicht hat, erfolgte laut Kunz vermutlich aus Imagegründen: «Die Bank hat Angst vor dem Vorwurf, sie hätte nichts unternommen.» Kommt hinzu: Am Freitag steht die Jahresmedienkonferenz von Raiffeisen an. Dank der Anzeige gegen Vincenz können die Verantwortlichen nun auf unangenehme Journalistenfragen Folgendes antworten: «Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, können wir keine Stellung nehmen.»

Wird es am Ende auch für Patrik Gisel eng?

Wäre Raiffeisen eine Aktiengesellschaft wie die UBS oder die Credit Suisse, dürften grosse Aktionäre aufbegehren und den aktuellen Chef infrage stellen. «Raiffeisen hat aber keine kritischen Aktionäre, sondern unkritische Genossenschafter», erklärt Kunz. Trotz des Gegenwinds für Gisel sagt Kunz: «Er wird bleiben, sofern ihm keine Verfehlungen nachgewiesen werden können.» Man messe in der Schweiz bei Bankmanagern mit verschiedenen Ellen. Bei einer Grossbank hätte Gisel laut Kunz keine Chance, bei der als sympathisch empfundenen Raiffeisen würden Genossenchafter und Medien aber viel mehr durchgehen lassen.

Warum ist der Skandal für einen Mann wie Vincenz besonders schmerzhaft?

Der Bündner galt lange Zeit als Vorzeigemanager der Schweizer Bankenszene. Als Star-Banker wurde er gefeiert und als der Mann, der die behäbige Raiffeisen auf Wachstum trimmte – und ihr durch seine lockere Art gleichzeitig eine gewisse Portion Coolness verlieh. Dennoch schaffte er es immer, den Eindruck von seiner Person als bodenständiger Bergler zu erhalten. Ende 2014 wurde er zum beliebtesten CEO einer Schweizer Bank gewählt. Sein gutes Image macht seinen tiefen Fall umso dramatischer.

Was sagt Vincenz zu den Vorwürfen?

Für ihn sei die Hausdurchsuchung am Dienstag völlig überraschend gekommen, sagte er.«Als [...] die Polizei vor der Tür stand, war das für mich ein Schock. Ich bin von dieser Strafuntersuchung total überrascht und erstaunt. Ich bestreite die gegen mich erhobenen Vorwürfe vehement und werde mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren», liess er über seine PR-Agentur mitteilen. Er habe die Interessen der Firmen, für die er gearbeitet habe, stets gewahrt und sei nach wie vor überzeugt, dass er sich nichts habe zuschulden kommen lassen.

Wie viel wusste Nachfolger Patrik Gisel?

Bis Gisel im Jahr 2015 CEO von Raiffeisen wurde, war er 13 Jahre lang Vincenz' Stellvertreter. Die Frage, ob Gisel heikle Geschäfte seines Vorgängers Vincenz hätte bemerken müssen, stellt sich also zu Recht. Offiziell ist nicht bekannt, inwiefern Gisel über die Deals von Vincenz informiert war. Offen beschuldigt oder angegriffen hat Gisel ihn lange nicht. Nach der Razzia an Vincenz' Wohnsitz am Dienstag kam am Mittwoch dann die Flucht nach vorn: Raiffeisen reichte Strafanzeige gegen ihren ehemaligen Chef ein.

Wie stark sind die beiden miteinander verbandelt?

Gisel und Vincenz sind langjährige Weggefährten und Vertraute. Gisel galt als Vincenz' rechte Hand und loyale Nummer zwei in der Bank. Zudem sass Gisel mit Vincenz gemeinsam in mehreren Verwaltungsräten, etwa beim Versicherer Helvetia. Auf die Frage, wie er in die grossen Fussstapfen seines Vorgängers treten wolle, sagte Gisel im Jahr 2015 kurz vor seinem Amtsantritt als CEO, er sei «bei allen wichtigen Entscheiden dabei gewesen». Heute ist das enge Verhältnis der beiden Männer getrübt – sie würden nicht mehr miteinander sprechen, schrieb die «Bilanz» im November 2017.

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